Heimkehr des Odysseus
von Ave Aventin

Heimkehr des Odysseus Heimkehr des Odysseus ⋆ Griechische Sage ⋆ Odyssee
Als der listenreiche Odysseus, dessen hölzernes Pferd die Stadt des Priamos zu Fall gebracht hatte, zur Heimkehr rüstete, ahnte er nicht, welch schweres Los die Götter ihm beschieden hatten. Seine Sehnsucht trieb ihn heim nach Ithaka, wo seine Frau, die schöne Penelope, mit ihrem jungen Sohn Telemachos auf ihn wartete.
Der Fahrtwind trug Odysseus und seine Gefährten jedoch zunächst zur Stadt der thrakischen Kikonen, wo die Griechen grausam wüteten, die Männer wurden erschlagen oder vertrieben und Frauen und Beute untereinander geteilt. Odysseus mahnte die Gefährten zwar, eilig das Land zu verlassen; aber verlockt durch die reichen Vorräte, folgten sie ihm nicht und schmausten am Gestade, bis die geflohenen Kikonen zurückkehrten und voller Rachedurst über sie herfielen.
Nur mit Mühe und nach schweren Verlusten retteten sich die Griechen vor der Übermacht der Angreifer aufs Meer hinaus. Die Griechen waren froh, der Gefahr entronnen zu sein, und segelten westwärts, der Heimat zu. Bald jedoch gerieten sie in einen Orkan aus Norden, in dem das Schiff ohnmächtig auf den Wellen hin und her geschleudert wurde.
Endlich, am zehnten Tage, gelangten sie an die Küste der Lotophagen. Dieses gutmütige Völkchen, das glücklich und unbeschwert sein Dasein lebte, wie die Götter es ihm bestimmt hatten, kannte - wie schon ihr Name besagte als tägliche Speise nichts anderes als die Lotosfrucht, die süß wie Honig mundet.
Für die Landfremden ist sie von eigentümlicher Wirkung: Wer von ihr genießt, der hat keinen anderen Wunsch, als ewig im Land zu bleiben, und vergisst ganz die Heimreise. Odysseus ging hier an Land, um sich mit frischem Wasser zu versorgen. Zwei seiner Gefährten, die er auf Kundschaft ausgesandt hatte, wurden von den Lotophagen freundlich aufgenommen. Sie bekamen aber den Lotos zu kosten, und die Frucht verfehlte ihre Wirkung nicht: nur mit Gewalt konnte Odysseus seine Gefährten auf die Schiffe zurücktreiben. Er musste sie im Schiffsraum festbinden; so groß war ihr Drang, in dem verlockenden Lande wohnen zu bleiben.
Auf der weiteren Irrfahrt landeten die Griechen bald darauf an einer Insel, die dicht bewaldet und ganz unbewohnt war. Ziegeninsel nannten Odysseus' Gefährten das Eiland; denn Herden von wilden Ziegen grasten hier sorglos und ohne alle Scheu vor lauernden Jägern. Von einer Nachbarinsel hörten die Heimkehrer jedoch Menschenlaute herüberklingen, und so machte sich Odysseus, von Abenteuerlust getrieben, mit zwölf ausgewählten Gefährten auf, die Insel zu erkunden. Einen großen Schlauch köstlichen Weines nahm er mit, den der Priester der Kikonen ihm geschenkt hatte zum Dank, dass Odysseus sein Haus bei der Plünderung verschont hatte.
Auf jener Insel hausten in Felshöhlen des Gebirges die einäugigen Kyklopen. Sie kannten weder einen König noch Gesetze und lebten von den Erträgen ihrer Schafherden. Sorgsam verbarg Odysseus sein Schiff in einer geschützten Bucht und ging an Land, wo er von fern eine mächtige Felsenhöhle, rings umbaut von einem Steinwall, erblickte. Hier hauste der Kyklop Polyphem, ein Mann von riesiger Gestalt, der mit niemand Umgang hatte und seine Ziegen und Schafe auf weit entfernten Berghängen weidete.
Er war ein Sohn des Meeresgottes Poseidon; in den Armen des ungeschlachten Wesens lag so viel Kraft, dass er mit einem Felsen, den ein Mensch auf vierrädrigem Karren nicht von der Stelle hätte ziehen können, ohne Mühe den Eingang seiner Höhle versperren konnte. Odysseus ahnte noch nichts von der frevlerischen, hinterhältigen Gesinnung der Kyklopen, als er mit seinen Gefährten die offene Höhle betrat, deren Herr mit seinen Schafen noch auf der Weide war.
Wunderlich erschien den Seefahrern der Anblick der Ställe, die voll von Jungtieren waren. Dort standen Körbe und Kübel mit Käse und Milch, die Gefäße für die Zubereitung und Eimer zum Melken. Unbesorgt setzten sich die griechischen Männer nieder, entzündeten ein Opferfeuer und verzehrten, um ihren Hunger zu stillen, ein paar Käse.
Als am Abend der ungefüge Kyklop mit seiner Herde am Eingang der Höhle erschien, sah er die ungebetenen Gäste nicht sogleich. Er ließ eine gewaltige Last trockenen Scheiterholzes auf den Boden fallen, so dass die Griechen angesichts solcher Kraft in den innersten Winkel der Höhle flüchteten. Dann trieb er seine Tiere hinein und versperrte den Höhleneingang mit dem mächtigen Felsblock.
Unbemerkt sahen Odysseus und seine Gefährten, die sich zu ihrem Entsetzen jetzt in der Gewalt des Kyklopen wussten, eine Weile zu, wie Polyphem seine Tiere melkte, die Milch verarbeitete und Feuer entzündete. Da entdeckte er im Schein der Flammen plötzlich voller Überraschung die Griechen. »He, ihr Fremdlinge, wer seid ihr?« rief er sie mit Donnerstimme an. »Woher kommt ihr über das Meer gefahren? Seid ihr Seeräuber, oder was treibt ihr?«
»Griechen sind wir, die von Troja kommen«, entgegnete der kühne Odysseus, berichtete von seinem Unglück und bat für sich und seine Gefährten um gastfreundliche Aufnahme. Statt aller Antwort packte der Kyklop zwei der Griechen, zerschmetterte sie an der Felsmauer wie junge Hunde und fraß sich an ihnen satt. Unbekümmert hörte er das Klagegeschrei der Männer und ihre Gebete zu Zeus. Dann schlürfte er einen Kübel voll Milch zu der widerwärtigen Mahlzeit und legte sich zum Schlafe nieder.
Odysseus zog das Schwert, um den schnarchenden Unhold zu töten. Doch sogleich besann er sich eines Besseren. Wer würde den Felsblock von dem Höhleneingang wälzen, wenn der ungeschlachte Kraftmensch tot wäre? Mit seinem Anschlag hätte Odysseus sich und seine Gefährten zu elendem Hungertode verurteilt.
Als der Morgen dämmerte, erlebten sie von neuem die scheußliche Grausamkeit des Kyklopen. Wieder ging er an seine üblichen Verrichtungen, zerriss dann zwei der Gefährten und verspeiste sie mit tierischem Behagen. Hierauf schob er mühelos den Stein vom Eingang, trieb die Herde hinaus und verrammelte die Höhle. Nur ein klug ersonnener Anschlag konnte noch die Eingeschlossenen retten.
Den ganzen Tag über schmiedeten die Griechen Pläne, wie sie sich befreien könnten. Schließlich kam Odysseus ein Gedanke, der ausführbar schien. Er nahm die gewaltige Keule des Kyklopen aus grünem Olivenholz, die lang und dick war wie ein Mastbaum, hieb einen Teil davon ab und spitzte ihn mit Hilfe der Gefährten an. Dann härteten sie die geglättete Spitze im Feuer und verbargen die Waffe sorgfältig unter dem Mist, der den Boden der Höhle bedeckte.
Am Abend erschien der Kyklop, trieb die Herde hinein und verschloss sorgfältig den Zugang; er melkte die Tiere und stellte die Milch beiseite, packte zwei der Gefährten, tötete sie und sättigte sich. Da goss Odysseus den Wein aus dem Schlauch in einen Holzkrug und bot ihn dem Kyklopen an. Schmunzelnd trank Polyphem und ließ sich noch einmal einschenken. »Nenne mir doch deinen Namen«, sagte er, »damit auch ich dir ein Gastgeschenk machen kann!« Odysseus schenkte ihm dreimal voll, und mit Behagen schlürfte der dumme Kyklop. Schon sah Odysseus, wie sich ihm die Sinne umnebelten.
»Meinen Namen begehrst du zu wissen?« sprach er. »So höre: Niemand heiße ich, und Niemand nennen mich Vater und Mutter. - Nun aber gib mir auch dein Gastgeschenk, wie du es versprochen hast!« »Es sei«, versetzte der Unhold höhnisch und begann trunken zu lallen: »Niemand soll der letzte sein, den ich von euch allen verzehre. Das sei mein Gastgeschenk für dich!« Damit taumelte er rücklings nieder und fiel in tiefen Schlaf.
Jetzt war die Stunde der Rettung gekommen. Sogleich holte Odysseus den vorbereiteten Pfahl aus dem Versteck hervor, glühte die Spitze noch einmal im Feuer und rief seine Gefährten auf. Ein Gott gab ihnen Mut zu dem kühnen Wagestück. Alle packten mit starken Armen zu, und im Nu bohrten sie dem Schlafenden den glühenden Pfahl ins Auge. Mit aller Kraft drückten und drehten sie ihn tief hinein, dass das Auge zischend auslief.
Vor der Höhle sammelten sich die anderen Kyklopen, die das Gebrüll des Rasenden herbeigelockt hatte. »Was ist dir denn geschehen, Polyphem«, riefen sie, »dass du uns aus dem Schlafe schreckst?« »Wehe«, schrie der Kyklop. »Wehe! Niemand tötet mich! Niemand tut es mit hinterhältiger List!« »Wenn niemand dir Gewalt antut«, versetzten die anderen ungerührt, »so werden wir dir nicht helfen können. Gegen solche Krankheiten mag höchstens dein göttlicher Vater, der Meeresbeherrscher Poseidon, ein Heilmittel wissen.«
Damit entfernten sie sich lachend. Wie froh war Odysseus, dass seine List die Kyklopen getäuscht hatte! Aber immer noch drohte den Eingeschlossenen Gefahr. Sie mussten das wütende Suchen des Geblendeten überstehen, der in allen Winkeln blindlings herumtappte, um die Griechen zu entdecken. Beim Morgengrauen setzte sich der Kyklop vor den Höhleneingang, schob den Stein halb zur Seite und tastete unbeholfen mit seinen Händen umher, damit die Griechen nicht zugleich mit den Tieren hinaus schlichen.
Indessen hatte er nicht mit der Klugheit des Odysseus gerechnet. Dieser wählte unter den Böcken immer drei und drei mit dickbuschiger Wolle aus, band sie mit Weidenruten zusammen und ließ von dem mittleren jeweils einen der Gefährten, der sich an der Wolle des Bauches festhielt, hinaustragen. Einen besonders starken Widder mit wolligem Fell behielt Odysseus für sich zurück.
Sorgfältig betastete der ungefüge Kyklop jeden Tierrücken. Doch glücklich gelangten die Gefährten in ihrem Versteck und nach ihnen auch Odysseus unter dem Bauch des starken Widders an ihm vorbei ins Freie. Polyphem streichelte das Tier, das Odysseus trug, klagte ihm tief betrübt sein Leid und ahnte dabei nicht die Nähe seines Feindes. Sorgfältig verschloss er die Höhle, in der er die Griechen gefangen wähnte. Diese waren unterdessen bereits mit den geraubten Tieren ans Ufer geeilt und stießen bald darauf vom Land ab.
»Heda, Kyklop!« rief Odysseus zur Insel hinüber. »Merkst du nun, dass du in Odysseus einen ebenbürtigen Gegner gefunden hast? Dich hat die Strafe des richtenden Zeus und der anderen Götter getroffen!« In rasendem Zorn packte der Riese ein gewaltiges Felsstück und schleuderte es in die Richtung, aus der die Stimme zu ihm herüber klang. Er hatte gut gezielt, denn der Block fiel dicht an der Wand des Schiffes nieder, dass es im Wogenschwall schwankte, und fast hätte die Brandung es an den Strand geworfen.
Mit allen Kräften ruderten die Griechen aufs Meer hinaus und entkamen endlich auf die Ziegeninsel, wo die übrigen Gefährten schon in Sorge warteten. Neue wundersame Abenteuer hatten die Heimkehrer zu bestehen. Kurze Zeit nach dem Erlebnis mit Polyphem gelangten sie wieder zu einer einsamen Insel. Sie gingen an Land, und Eurylochos führte einen Teil der Gefährten zu einem Haus, aus dem man vom Ufer her Rauch aufsteigen sah. Dabei mussten sich die Griechen sehr über die Menge der fremden Tiere wundern, die ihnen in Rudeln begegneten.
Es war das Reich der Kirke, der Tochter des Sonnengottes. Sie besaß die verderbliche Kraft, Kräuter zu kochen, deren Genuss die Menschen in Tiergestalt verwandelte. Auch die Griechen entgingen diesem Schicksal nicht. Nur Eurylochos rettete sich vor dem Zauber der verführerischen Göttin. Mit Grauen meldete er Odysseus, dass alle seine Begleiter in Schweine verwandelt seien. Das Schwert in der Faust, machte Odysseus sich sogleich auf den Weg, um sie zu befreien.
Unterwegs begegnete ihm Hermes, der Götterbote, und warnte ihn vor den Ränken der Göttin. Der Beschützer aller Wanderer und Seefahrer gab ihm ein Mittel, das Kirkes Zaubertrank unwirksam machen sollte. Die arglistige Kirke, die Odysseus freundlich aufnahm, sah mit unverhohlener Schadenfreude, wie Odysseus die ihm dargebotene Speise genoss; aber heimlich hatte er sein Gegenmittel beigemischt. Plötzlich berührte ihn Kirke mit ihrem Zauberstab und sprach: »So wandere nun auch du in den Schweinekoben zu deinen Freunden!«
Wie bestürzt war sie, als der Zauber nicht wirkte! Odysseus trat ihr mit gezücktem Schwert entgegen, bis sie voller Angst vor ihm nieder fiel und flehend seine Knie umfasste. Erst als sie einen heiligen Eid geschworen, die Gefährten in menschliche Gestalt zurückzuverwandeln, schenkte Odysseus ihr Vertrauen und gab sie frei. Von nun an lebten die Heimkehrer als Kirkes Gäste auf der Insel und erholten sich bald von allen Mühen der Seefahrt, und so angenehm wusste die schöne Göttin den Helden den Aufenthalt zu bereiten, dass sie ein ganzes Jahr dort verweilten.
Als die Gefährten endlich, von Heimweh getrieben, zur Abfahrt drängten, bat Odysseus die Göttin um Entlassung. Sie willigte schweren Herzens ein, versah die Seefahrer reichlich mit Speise und Trank und gab ihnen gute Ratschläge mit auf den Weg.
Gefährliche Abenteuer standen den Helden noch bevor. Ihr Weg führte sie zunächst auf Kirkes Geheiß in die Unterwelt der abgeschiedenen Seelen, wo der Thebaner Teiresias, dem durch Persephones Gunst auch im Tod die Sehergabe verblieben war, Odysseus die Zukunft enthüllte: »Die glückliche Heimfahrt, die du so sehnlich wünschest, wird ein Gott dir erschweren, und du kannst dich seiner Hand nicht entziehen. Weißt du nicht, wie tief du Poseidon verletzt hast, da du seinem Sohne Polyphem das Auge blendetest? Doch alles wird dir, wenn auch unter unsäglichen Mühen, gelingen, sofern du auf der Insel Thrinakia die Stiere des Helios unangetastet lässt. Hüte dich, auch nur einen von ihnen zu töten!«
Nachdem Odysseus noch mit den Seelen der alten Kampfgefährten Zwiesprache gehalten und auch Agamemnons trauriges Geschick erfahren hatte, kehrte er mit seinen Genossen zu den Schiffen zurück. Bald darauf hatten die Seefahrer die Gefahr der Sirenen zu bestehen, die die Vorüberfahrenden mit verführerischem Zaubergesang ins Verderben locken. Als Odysseus sie nahe wusste, folgte er Kirkes Rat: mit dem Wachs, das sie ihm mitgegeben, verklebte er den Gefährten die Ohren; sich selber aber ließ er an den Mastbaum binden. »Wenn ich euch bitte, mich loszubinden, so verdoppelt die Stricke«, gebot er den Gefährten. So ruderten sie den Sirenen entgegen.
Und wirklich, die sangeskundigen Nymphen, wunderbar verlockende Mädchengestalten, streckten vom Ufer her verlangend die Arme nach ihnen aus, und so lieblich klangen ihre Weisen, dass Odysseus ihrem Zauber zu erliegen drohte. »Bindet mich los!« winkte er den Gefährten zu, die mit den wachsverklebten Ohren nichts von dem Gesang vernahmen. Da banden sie ihn doppelt fest, und erst als der zauberische Klang weit hinter ihnen verhallt war, lösten sie seine Fesseln.
Bald nach der Begegnung mit den Sirenen bemerkten die Seefahrer von ferne Wasserstaub und eine mächtige Brandung. Das war eine Meerenge mit der Charybdis, dem unter einem Felsen dreimal täglich hervorquellenden Strudel, der jedes Schiff, das ihm zu nahe kam, in die Tiefe riss. Wer aber zum gegenüberliegenden Felsen hin ausweichen wollte, der geriet in den Bereich der Skylla, die mit sechs langen Hälsen und Köpfen und riesigen Fangarmen schon viele der Vorübersegelnden verschlungen hatte.
»Rudert so schnell wie möglich und mit aller Kraft!« befahl Odysseus den Gefährten, als sie die schroffe Felsenge gewahrten. »Und du, Steuermann«, fügte er hinzu, »halte das Schiff auf der rechten Seite!« Von der schrecklichen Skylla sagte er nichts, denn sonst hätten sich die Ruderer wohl alle im Schiffsraum verkrochen. In jeder Faust einen Speer, so stand Odysseus auf dem Deck des Schiffs und starrte in Todesangst in den immer enger werdenden Meeresschlund hinab.
Schon war der Strudel der Charybdis glücklich umschifft, da tönte plötzlich Wehgeschrei zu ihm herüber - das Ungeheuer der Skylla zerrte mit seinen Fangarmen sechs der Ruderer in die Luft, so wie ein Fischer seine zappelnde Beute an der Angel hinaufschwingt. Ohnmächtig musste Odysseus den schrecklichen Tod seiner besten Gefährten dulden; denn er musste das Schiff vorantreiben, um weiterem Unglück zu entgehen.
Nachdem die Griechen Schrecken und Trauer überwunden hatten, sichteten sie die herrliche Insel Thrinakia, und schon von ferne hörten sie das Gebrüll der heiligen Rinder des Sonnengottes Helios. Vergeblich bat Odysseus die Freunde, an dieser Insel vorüber zu fahren: »Lasst uns der Versuchung widerstehen, denn an dieser Insel hängt unser Schicksal!« Als sie schworen, die geweihten Tiere nicht zu berühren, ließ sich Odysseus betören, mit ihnen für eine kurze Rast an Land zu gehen. Doch dann blieb günstiger Fahrtwind lange Zeit aus, und es stellte sich nagender Hunger ein.
Da erwachte in den Gefährten die böse Begierde; sie brachen den Schwur und töteten heimlich die besten Rinder. Odysseus drängte darauf, eilig die Insel zu verlassen. Aber noch nicht lange waren sie wieder auf hoher See, da erhob sich ein schweres Unwetter, in dem das Schiff, von einem Blitzschlag getroffen, zerbarst und in den Fluten versank. Einzig Odysseus rettete sich, auf dem zerbrochenen Mast reitend, aus dem Verderben. Nach neun Tagen gelangte er, mit den bloßen Händen rudernd und vom Wind getrieben, zu einer Insel. Es war die Wohnstätte der Nymphe Kalypso, die den Schiffbrüchigen freundlich aufnahm und ihn pflegte.
Neun Jahre verbrachte Odysseus bei der göttlichen Kalypso, die ihn zum Gemahl begehrte. So brach das zwanzigste Jahr an, seit Odysseus die Heimat und Frau und Kind verlassen hatte. Wenn auch Poseidon ihm unerbittlich zürnte, so hatten doch die Götter Mitleid mit dem so lange von der Heimat Getrennten, und als der Meeresgott einst nicht anwesend war im Rat der Götter, erhob Athene für ihren Schützling Odysseus die Stimme und bat um Hilfe für den Armen, der seit so viel Jahren, trotz seiner Sehnsucht nach Weib und Kind, von der Nymphe Kalypso gefangen gehalten werde.
Der Göttervater Zeus ließ sich schließlich durch Athenes Bitte bewegen, Hermes mit einer Botschaft zur Insel der Kalypso zu senden. Hermes fand die Nymphe auf der üppigen Insel in ihrer Grotte; Odysseus aber saß, wie er es Tag für Tag zu tun pflegte, einsam am Gestade und blickte in tiefem Gram über das Meer hinaus, dorthin, wo Ithaka, seine Heimat, liegen musste.
Odysseus wollte es kaum glauben, als Kalypso zu ihm trat und ihm auf des Gottes Befehl die Freiheit schenkte. »Nicht länger will ich dich gegen deinen Willen halten, edler Odysseus«, sagte sie freundlich. »Ein Schiff kann ich dir nicht geben, doch zimmere dir ein Floß, so werde ich dich für die Reise ausstatten und dir guten Fahrtwind geben. Mögen dann die Götter dich glücklich in die Heimat geleiten.«
Eifrig ging Odysseus an die Arbeit, baute ein großes Floß mit Segelmast und Steuerruder und vertraute sich dem Meere an. Schnell trug ihn der Wind dahin, und schon war er der Heimat nahe, da gewahrte Poseidon, der auf dem Wege zum Olymp war, den verhassten Feind auf der Meeresflut. Sogleich peitschte er mit seinem Dreizack die Wogen und ließ die See rasen, dass Odysseus den Tod vor Augen sah.
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