Die Erscheinung der Muse
von Ave Aventin

Küssende Muse - Die Erscheinung der Muse - LessingErscheinung der Muse - Gotthold Ephraim Lessing - Kuss
In der einsamsten Tiefe eines Waldes, wo ich schon manches redende Tier belauschte, lag ich in Gedanken an einem sanften Wasserfall und war bemüht, einem meiner Märchen einen leichten poetischen Schmuck zu geben.
Ich sann, ich wählte, ich verwarf, die Stirne glühte. ---
Umsonst, es kam NICHTS auf das Blatt. Voll Unwille sprang ich auf; aber sieh! - auf einmal stand sie selbst, die fabelnde Muse vor mir.
Und sie sprach lächelnd: »Schüler, wozu die undankbare Mühe? Die Wahrheit braucht die Lehre der Fabel; aber wozu braucht ein Märchen die Anmut der Harmonie? Du willst offensichtlich ein Gewürz würzen!«
Ich wollte antworten, aber die Muse verschwand so schnell sie gekommen war.
»Sie verschwand?« höre ich Leser fragen. »Wollten Sie vielleicht die Leser täuschen? Es wäre Betrug gewesen, seichte Schlüsse, die möglicherweise auf Unvermögen schließen lassen, einer Muse in den Mund legen zu wollen!«
Vortrefflich, werte Leser! Mir ist keine Muse erschienen. Ich erzählte nur eine Fabel, aus der Sie nun selbst die Lehre gezogen haben. Ich bin nicht der erste und werde nicht der letzte sein, der seine Geschichten zu Orakelsprüchen einer göttlichen Erscheinung machen will.
Die Erscheinung der Muse - Gotthold Ephraim Lessing - Kuss
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Ave Aventin
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