Unglückliche Liebe
von Ave Aventin

Biologische Fantasie von Franz Molnar
Unglückliche Liebe - Biologische FantasieDas Folgende spielt sich in den edleren Organen eines verliebten Jünglings ab. Der Jüngling selbst wälzt sich schlaflos auf seinem Lager, denn er liebt hoffnungslos. Er stößt tiefe Seufzer aus, raucht eine Zigarette nach der anderen und der Kopf schmerzt ihm fürchterlich.
Der rechtsseitige Lungenflügel spricht hinüber zu seinem Nachbarn: »Bitte Brüderchen, Bronchus!«
Der linksseitige Bronchus: »Was ist denn schon wieder los?«
Der rechtsseitige: »Dieser Mensch raucht zu viel. Ich ertrag's nicht mehr. Das Flimmerepithel klagt schon seit einer vollen Stunde. Die Schleimhaut ist bereits überall rot vor Zorn!«
Der linksseitige: »Und das sagst Du mir? Seit einer halben Stunde schon suche ich unsere Herrin, die Lungenspitze, zu überzeugen, dass es nicht angeht, eine ehrbare Lunge in dieser Art zu behandeln. Ich bin eine in allgemeiner Achtung erstarrte Luftröhre und habe niemals gehört, dass man jemanden, der sich 27 Jahre hindurch ehrlich abgerackert hat, damit belohnt, dass man ihn durch Tabakrauch zugrunde richtet.«
Der rechtsseitige: »Entsetzlich!«
Der linksseitige: »Um mich tut's mir nicht leid! Was soll aber mit meinen Kindern geschehen? Ich hinterlasse zwanzigtausend unerzogene verwaiste Bronchiolen. Wer wird sie ernähren?«
Der rechtsseitige: »Man müsste Stefan aufmerksam machen, dass es so nicht mehr weiter geht.«
Der linksseitige: »Wir mühen uns vergebens, er wird seine Zigaretten nicht fortwerfen.«
Der rechtsseitige: »Jedenfalls will ich's probieren. Ich versuch's mal mit einem Hustenreiz.«
Der linksseitige: »Nur zu, Kollege.«
Der rechtsseitige teilt seine Befehle aus: »Tiefes Einatmen! - Die Stimmritze zu! In beiden Lungen die Exspiratoren in Bewegung! - Jetzt rasch die Stimmritze öffnen!«
All dies geschieht. Die Stimmritze tut sich auf, die Luft strömt mit großem Geräusch in die Trachea hinauf. Das Zwerchfell erhält eine starke Erschütterung. Die Aorta Jugularis bekommt einen heftigen Stoß. Auf den Infundibula leeren sich für einen kurzen Augenblick die Alveolen.
Stefan: »Zum Teufel, schon wieder dieser Husten!«
Der rechtsseitige Lungenflügel: »Na, hab' ich's nicht vorausgesagt? Was haben wir damit erreicht? Gar nichts!«
Ein rotes Blutkörperchen kommt des Weges: »Guten Abend, meine Herren. Was sagen Sie dazu, heute haben wir aber einen hochgespannten Druck.« Sodann entledigt es sich der mitgebrachten Abfallprodukte.
Eine Kapillarader der Lunge gibt ihm was zurück: »Das gehört nicht hierher, Sie Dummkopf. Das gehört der Niere. Haben Sie noch nicht gelernt, welche Stoffe von der Lunge und welche von der Niere abgesondert werden?«
Das rote Blutkörperchen: »Pardon«
Die Kapillarader: »Im übrigen, was gibt's Neues?«
Das Blutkörperchen: »Ich komme aus dem Herzen. Dort ist alles in Unordnung. Die Tricuspidalis benimmt sich sehr ungezogen.«
Die Kapillarader: »Das haben auch wir in der Lunge gespürt. Sonst nichts Neues?«
Das kleine Blutkörperchen: »Nein, Gott befohlen. Ich eile in den Schädel.«
Schon ist dort ein ganzer Blutzellenkongress. Es wird ein starkes Kopfweh geben.
Die Kapillarader zum Lungenflügel: »Herr Chef, Herr Chef!«
Der Lungenflügel: »Was gibt's?«
Die Kapillarader: »Soeben ist da ein rotes Blutkörperchen vorübergegangen und hat mir gesagt, dass sie alle hinauf zum Kopf eilen, weil's ein starkes Kopfweh geben soll.«
Der Lungenflügel: »Na, das fehlte uns noch! Stefan wird Essigäther riechen, und wir können hernach husten und niesen bis morgen früh! Zum Henker, dass man den Menschen nicht schlafen lässt!«
Das Stirnbein sieht, wie von weitem das Blut in großen Scharen heraufströmt: »Sie kommen schon! Sie kommen schon! Na, wird das ein hübsches Kopfweh geben! Man wird mir abermals einen nassen Fetzen aufbinden!« Dann schreit es die Blutkörperchen an: »Was wollt ihr? Was sucht ihr hier? Warum kommt ihr alle hierher?«
Ein Blutkörperchen salutiert: »Melde gehorsamst, die parasympathischen Nerven der Blutgefäße sind ein wenig gelähmt, und nun sind die Muskeln erschlafft. Wir waren gezwungen, eine kleine idiopathische Stauung zu arrangieren.« Dann salutiert es wieder, macht kehrt und stellt sich in die Reihe.
Das Stirnbein: »Was für Kalamitäten! Welche Unordnung! Was wird denn dieser Stefan haben?«
Das Blutkörperchen: »Rechts um! Marsch!«
Die Stirne: »Ihr geht nach rechts? Soll's denn ein halbseitiges Kopfweh sein?«
Das Blutkörperchen: »Jawohl. Marsch!« Und alle Blutkörperchen strömen rechts vorwärts.
Die Stirne: »Wenigstens hab' ich auf der einen Seite Ruhe. Was einem nicht alles zukommt... «
Stefan: »Verflucht, schon wieder tut mir der Kopf weh. Ich werde ein Antipyrin nehmen.«
Das Blutkörperchen stürzt aus dem Gehirn ins Herz, bleibt in der Vorkammer stehen und schreit in die rechte Herzkammer: »Valvula tricuspidalis!«
Die dreispitzige Klappe: »Was wollen Sie?«
Das Blutkörperchen: »Ich komme soeben aus dem Gehirn, wo in diesem Augenblick Stefan den Gedanken fasste, Antipyrin zu nehmen.«
Die Dreispitzenklappe: »Der Elende! Will er mich zugrunde richten?« und lässt einen diastolischen Seufzer hören. »Weiß er denn nicht, dass das viele Antipyrin uns schadet? Mit Verlaub, ich halt's nicht mehr aus! Dieser Mensch ist verrückt geworden! Er sollte es doch wissen, dass ich insuffizient bin und dass das Blut immer wieder regurgitiert. Wie lange soll ich's denn noch aushalten?«
Das Blutkörperchen: »Sie jammern nur in einem fort. Sie nehmen uns die Luft an der Zirkulation. Alter Insuffizient!« und stürzt fort.
Die Speiseröhre ruft in den Magen hinab: »Ein Eingang aufgemacht! Eine Dosis Antipyrin kommt!«
Der Magen: »Schon wieder!« und kommandiert: »Chymifikation! Brunnersche Drüsen vor! Pepsin-Drüsen vor! Vorwärts, analysiert!«
Die Kardia tut sich auf, das Antipyrin, mit Wasser gemengt, stürzt hinunter. Das Ptyalin, Pepsin usw. umgeben es, und die Analyse beginnt.
Das Ptyalin salutiert: »Melde gehorsamst die Zusammensetzung des Ankömmlings: Phenyl-dimethyl-pyraxolon. Die Formel: C11 H12 N2 O.«
Der Magen: »Das sieh mal an den Schlauen. Eine Kohlenstoffverbindung also! Vorwärts, macht kurzen Prozess mit ihm! Henker, tue deine Pflicht!«
Die Magenwand: »Zu Befehl, Herr Chef!« und ergreift und resorbiert die Lösung.
Das Antipyrin fängt an, auf den Organismus zu wirken.
Die Blutkörperchen droben im Gehirn: »Das Antipyrin ist hier! Flüchte sich wer kann!« und stürmen hinunter und verteilen sich im Körper.
Stefan streicht mit der Hand über seine Stirne: »Das Kopfweh lässt nach... 's ist doch ein großartiges Mittel, dieses Antipyrin!« und gähnt. »Na, endlich werde ich schläfrig... ach, Irene, Irene« und presst die Hand aufs Herz.
Die Herzklappe: »Was will er von mir? Was drückt er so? Warte, ich geb' dir's schon zurück!« und fängt mit rasender Ambition an zu pochen.
Stefan: »Kaum, dass ich sie beim Namen nenne, schon fängt das Herz mir zu pochen an!« und gähnt abermals.
Sämtliche Organe legen ermattet ihre Werkzeuge nieder und horchen auf sein Gähnen: »Hört ihr? Er bläst schon den Zapfenstreich!«
Das Gehirn: »Es geht nicht mehr. Es haben sich schon zuviel Abbauprodukte im Körper angesammelt. Es ist an der Zeit, auszuruhen.« und stellt seine Tätigkeit ein.
Stefan nickt ein. Allmählich tritt im ganzen Organismus Ruhe ein. Die Leber, die Nieren, die absorbierenden Drüsen arbeiten kaum merklich. Der Stoffwechsel nimmt ab. Das Blut rollt friedlich in den Adern und schleppt von allen Seiten die unnützen Abfallprodukte dahin, wie der Mistträger, der den Mist jedes einzelnen Hauses aufnimmt und ihn am Ende der Stadt in einem großen Haufen sammelt. Indes sinkt allmählich die Temperatur des Körpers. Die Leber legt ihr Haupt auf die Kurvatur des Magens, die Lunge stützt sich mit den Füßen aufs Zwerchfell, das Herz lehnt sich an die Rippen an, kurzum - alles nimmt eine ruhende Stellung ein.
Die Blutpatrouille auf ihrem Rundgang durch den Körper sagt zum Blinddarm: »Sie, hören Sie mit Ihrem Gejammer auf! Es ist ja schon Nacht. Sehen Sie nicht, dass schon jedermann ruht?«
Der Blinddarm: »Wie sollt ich's sehen? Was für eine Bande! ... machen sich lustig über einen Blinden!«
Die Patrouille geht weiter. Im Magen strebt ein verspäteter kleiner Punkt heimwärts.
Die Patrouille: »Halt! wer da?«
Der kleine Punkt: »Eiweiß!«
Die Patrouille: »Passieren!« und setzt ihren Rundgang fort. Von da an sind nur mehr das gleichmäßige Blasen der Lunge und die Schläge des Herzens vernehmbar, man unterscheidet scharf den unordentlichen Ton der Tricuspidalklappe.
Mondschein - Stille - Stefan schläft jetzt tief und träumt von seiner Irene.
Unglückliche Liebe - Biologische Fantasie von Franz Molnar
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Ave Aventin
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