Yannik Buhl

Crossmedia-Zeitungsjournalist in Ausbildung

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Was Stuttgarter Makler mit Wohnungssuchenden erleben

Von Yannik Buhl


Viele Menschen suchen verzweifelt nach einer bezahlbaren Wohnung. Doch auch die Immobilienmakler profitieren nicht nur von dem heiß umkämpften Markt. Manche mussten sogar aufgeben.

Einmal, sagt Alexander Lehle, habe eine potenzielle Käuferin schwer auf die Tränendrüse gedrückt. Die Frau habe so dringend ein bestimmtes Haus haben wollen, dass sie den Stuttgarter Immobilienmakler Lehle mehrfach am Telefon zum Verkauf gedrängt habe. Irgendwann habe sie versucht, hinter dem Rücken des Maklers den Besitzer zu erreichen. „So ein Verhalten schwächt die eigene Position", sagt Lehle. Die Dame hat das Haus nicht bekommen.

Der Immobilienmarkt in Stuttgart und der Region gehört zu den umkämpftesten in Deutschland. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, die Mieten steigen, die Verzweiflung der Wohnungssuchenden ebenfalls. Meist haben Mieter und Käufer mit Maklern zu tun, die Haus oder Wohnung für Kunden gegen eine Provision verkaufen oder Mieter suchen. Wie aber nehmen Makler den Markt wahr, wie hat sich ihre Arbeit verändert? Ist sie in so einem heißen Markt einfacher?

Wegen der niedrigen Zinsen stehen derzeit jedenfalls kaum bestehende Wohnungen oder Häuser zum Verkauf. „Ohne Not tut das niemand", sagt Ottmar Wernicke, der Geschäftsführer von Haus und Grund Baden-Württemberg. Wegen fehlender Flächen gebe es zudem nur wenige Neubauten.

Für Immobilienmakler keine einfache Situation. „Makler müssen jedes Medium nutzen: das Internet, Messen oder Netzwerke", sagt Alexander Lehle. Er bietet seinen Kunden inzwischen an, für das Exposé eines Objektes Drohnenfotos und virtuelle Rundgänge zu erstellen. Die Dienstleistungen der Makler werden also immer umfassender.

Trotzdem ziehen hohe Preise unseriöse Makler an, die 30 Interessenten gleichzeitig durch eine kleine Wohnung schleusen. „Sie kennen nicht die gültige Rechtssprechung und beraten schlecht", sagt Alexander Lehle. Im Zweifelsfall verlieren Verkäufer Geld. Lehle berührt das wenig; er amüsiert sich höchstens mal über eine schlechte Wohnungsanzeige. Doch auch ihm ist auf Besichtigungen für den Zuschlag schon Bargeld angeboten worden. Offerten, die ein seriöser Makler nicht annehme, sagt Lehle.

Die Suche nach Mietwohnungen ähnelt heute zunehmend einem Bewerbungsverfahren - mit dem Makler in der Rolle des Personalchefs. Als Vertreter von Vermietern findet Ottmar Wernicke von Haus und Grund, dass der Ansturm auf Immobilien nicht nur Gutes bringt: „Für jene, die sich selbst darum kümmern, ist das extrem aufwendig."

Denn inzwischen bekommen Makler für eine Wohnung, die neu im Internet landet, über Nacht bis zu 80 Anfragen. Sie sind diejenigen, die für den Vermieter eine Vorauswahl treffen. Alexander Lehle sagt, von 80 Interessenten leite er gut 20 weiter. „Wichtig ist, was im Anschreiben des Kontaktformulars steht", erklärt er. Hier zählt wie im Bewerbungsgespräch der erste Eindruck.

Das Anschreiben könne also gerne etwas umfangreicher sein, meint Lehle, ein gutes Foto sei zudem hilfreich. Wer dann noch alle Unterlagen wie Schufa-Auskunft und Gehaltsabrechnungen direkt mitschickt, dessen Chancen steigen, zumindest auf dem Stapel für den Vermieter zu landen.

Gegenüber Verkäufen hat für Makler die Suche nach Mietern an Bedeutung verloren. Seit die Bundesregierung das sogenannte Bestellerprinzip eingeführt hat, müssen Vermieter die Provision des Maklers bezahlen, nicht die künftigen Mieter. Das führte zu einem Einbruch der Aufträge. Einige Makler, die nur auf Mietwohnungen spezialisiert waren, haben deshalb aufgegeben.

Die hohen Immobilienpreise in Stuttgart werden sich halten, glaubt Alexander Lehle. „Vielleicht wird die Preisentwicklung irgendwann stagnieren, aber etwas wie eine Blase haben wir hier nicht." In Stuttgart, mit den vielen Arbeitsplätzen und der hohen Lebensqualität, werde es immer Zuzug geben.

Fabian Leutenecker ist Makler in Remseck am Neckar, einer Großen Kreisstadt im Kreis Ludwigsburg mit guter Anbindung an die Stuttgarter Stadtbahn. Leutenecker blickt dort in den vergangenen drei Jahren auf eine Preissteigerung von 300 bis 500 Euro pro Quadratmeter. „Der Bedarf an Wohnungen liegt bei uns deutlich über dem Angebot", sagt er. Wer in Stuttgart nichts finde, der ziehe eben in den Speckgürtel.

Im Vergleich zu früher, sagt Leutenecker, sei der Durchlauf bei Häusern und Wohnungen schneller geworden. Aus der Erfahrung mit der großen Nachfrage hat Leutenecker beobachtet, dass der Radius der Menschen größer wird, je länger sie suchen. Viele machen Abstriche an ihren Wunschvorstellungen - Hauptsache ein bezahlbares Dach über dem Kopf. Doch auch er betreut heute weniger Objekte als früher - in der Region gibt es also keinen Unterschied zu Stuttgart.

Den hohen Druck auf dem Markt merkt Leutenecker vor allem bei den Verkäufen. Immer mal wieder kommt es vor, dass Interessenten ein Haus kaufen möchten, ohne es besichtigt zu haben. In einzelnen Fällen kann es zudem ein Bieterverfahren geben: Wer den höchsten Preis zu zahlen bereit ist, bekommt den Zuschlag. Einmal zahlte jemand 100 000 Euro mehr als den veranschlagten Preis, erzählt Leutenecker. Vor zehn Jahren habe es das nicht gegeben.

Die Mieten steigen in Remseck nicht so schnell wie die Kaufpreise. „Aber sie ziehen nach", sagt Leutenecker. Mit dem Zuzug von Flüchtlingen habe das im Übrigen nichts zu tun: „Die können auf dem freien Markt ohnehin kaum bestehen." Leutenecker sieht das Problem viel eher darin, dass in Deutschland die Zahl der Haushalte steigt, darunter viele mit nur einem Bewohner. Gleichzeitig würden immer größere Wohnungen gebaut, weil einschlägige Vorschriften das oftmals so verlangten, sagt er.

Kurz nach dem Gespräch mit Fabian Leutenecker meldet sich der Makler noch mal. Er habe für eine Dreizimmerwohnung in Waiblingen über Nacht 360 Bewerbungen bekommen. „Das ist neu", sagt er und zitiert aus dem Anschreiben einer Interessentin: „Ich würde mich sehr freuen, die Wohnung zu bekommen. Ich würde blind zusagen."

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