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Ärger mit Bitcoin in El Salvador

Ärger mit Bitcoin in El Salvador

MEXIKO-STADT taz | Er soll El Salvador von der „Tyrannei des Dollars“ befreien, internationale Investoren anziehen und den Zahlungsverkehr für alle vereinfachen. Das hatte Präsident Nayib Bukele versprochen, als er im vergangenen September den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt hat. Sein Land war das erste weltweit, das diesen Schritt gemacht hat. Doch ob die Kyptowährung die Unabhängigkeit, den Wohlstand und den Fortschritt bringt, den der Staatschef ankündigte, ist umstritten.

Nachdem der Wechselkurs der Digitalmünze stark gesunken ist, geht es mit der Kreditwürdigkeit El Salvadors bergab. Offizielle Angaben darüber, wie viele Bitcoins Bukele bislang gekauft hat, gibt es zwar nicht, aber die Höhe der Ausgaben lässt sich über die Tweets nachverfolgen, die der twitterfreudige Präsident verschickt hat. Demnach handelt es sich um 104,2 Millionen US-Dollar, die aus der Staatskasse in die Kryptowährung investiert wurden. Beim aktuellen Kurs von etwa 29.000 US-Dollar sind diese Bitcoins heute nur noch etwa 66 Millionen US-Dollar wert.

Dieser Verlust ist für Staatshaushalte keine besonders hohe Summe. Zudem wird er ohnehin erst real, wenn die salvadorianische Regierung die ihre Bitcoins verkauft. Und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass der extrem schwankende Kurs der Währung wieder steigt. Doch die negative Bilanz schafft derzeit auf dem Kapitalmarkt große Verunsicherung gegenüber einem Staat, der ohnehin schon hochverschuldet ist. „Die Entscheidung, in Bitcoin zu investieren, hat das Risiko des Landes erhöht, es muss nun den Investoren mehr bezahlen, um Zugang zu internationalen Finanzierungen zu kommen,“ urteilt das Investment-Unternehmen Marlin Investment Group.

Dabei stellt sich schon jetzt die Frage, wie die Regierung ihre bereits bestehenden Schuldner zufriedenstellen will. Allein in diesem Jahr muss sie für die Zahlung von Anleihezinsen 329 Millionen US-Dollar aufbringen, im kommenden Januar steht eine Schuldenrückzahlung von 800 Millionen US-Dollar an. Die Rating-Agentur Moody`s befürchtet, dass El Salvador ab 2023 zahlungsunfähig sein könnte.

Der Internationale Währungsfonds (IWF), der finanzpolitisch abfedernd wirken könnte, verhandelt zwar mit der Regierung über einen 1,3-Milliardenkredit, macht aber zugleich Druck wegen Bukeles Bitcoin-Abenteuer: Wegen der hohen Kursschwankungen und der Gefahr, dass mit der Kryptowährung Gelder gewaschen oder Steuern hinterzogen werden können, forderte er die Regierung auf, das Zahlungsmittel wieder einzustellen.

Nicht alle sehen Bukeles Kurs kritisch

Der Bitcoin-Experte Philipp Mattheis sieht die Entwicklung nicht so schwarz. „Dem IWF passt das nicht ins Konzept, weil er Einflussmöglichkeiten verliert“, erklärt der Autor. Schließlich stehe hinter dem Digitalgeld keine Bank, kein Staat oder Unternehmen, sondern ein dezentrales Netzwerk. „Natürlich existiert für den Staatshaushalt das Risiko, dass sich eine Regierung verspekuliert“, so Mattheis, „aber das passiert ja nicht nur bei dieser Kryptowährung, sondern ebenso bei anderen Geschäften, etwa mit strategischen Ölreserven“. Seiner Meinung nach könnte sich der Bitcoin durchaus positiv für El Salvadors Entwicklung auswirken. Beispielsweise im touristischen Bereich.

Tatsächlich ist seit der Einführung der Kryptowährung die Zahl der Urlauberinnen und Urlauber nach Angaben des Tourismusministeriums um 30 Prozent gestiegen. Besondere Anziehungskraft hat der Strandort El Zonte, der als Vorzeigeprojekt in Sachen Kryptogeld gilt. In der angehenden „Surf City“ können alle Geschäfte, vom Mieten einer Unterkunft bis zum abendlichen Bier mit dem digitalen Geld abgewickelt werden. „Der Erfolg kann Investoren anziehen“, sagt Mattheis.

Schlechter sieht es mit der geplanten „Bitcoin City“ aus. Am Fuß eines Vulkans will Bukele eine hochmoderne Stadt aus dem Boden stampfen, in der Unternehmen steuerfrei produzieren können. Finanzieren will er das Projekt mit „Vulkan-Bonds“ – Bitcoin-Staatsanleihen in Milliardenhöhe. Bislang liege das Vorhaben jedoch wegen der Preisschwankungen durch den Ukrainekrieg auf Eis, so die Regierung. „Alles ist eine Frage des Timings“, erklärte Finanzminister Alejandro Zelaya. Ob jemand angesichts der Zahlungsunfähigkeit El Salvadors in Vulkan-Bonds investieren will, steht jedoch in den Sternen.