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"Der Mais gibt uns Leben"

"Der Mais gibt uns Leben"

Er ist über 10.000 Jahre alt, wächst in 59 Varianten und ist noch heute das wichtigste Lebensmittel Mexikos. Es gab also für das mexikanische Kulturministerium viele gute Gründe, dem Mais ein eigenes Museum zu widmen: Das „Haus des Maises und der Ernährungskultur“ in Mexiko-Stadt hat im September eröffnet. „Der Mais symbolisiert nicht nur das Leben unserer Vorfahren, sondern auch unsere Gegenwart“, sagt Museumsleiterin Dulce Maria Espinosa.

Das Haus ist nach dem Wort für Mais in der indigenen Nahuat'l-Sprache „Cencalli“ benannt und in einem historischen Gebäude im Park Los Pinos untergebracht. In acht Sälen beschäftigt sich eine Dauerausstellung etwa mit der Bedeutung der Pflanze im antiken Mittelamerika, den Finessen des Anbaus oder den mit der Ernte verbundenen Zeremonien. Und natürlich mit den Speisen, die sich aus den Körnern herstellen lassen. Bis heute legt jede mexikanische Region Wert auf ihre eigenen Tortillas, Tamales oder Elotes - also Fladen, Teigtaschen und gekochte Kolben.

Laut der Maya-Mythologie haben die alten Götter den Menschen aus Mais geformt: Die Pflanze galt also als Ursprung des menschlichen Lebens. Zahlreiche Rituale waren am Mais orientiert. Aber auch heute noch bestimmt das Korn den Alltagsrhythmus etlicher ländlicher Familien. Das Jäten der Felder, die Saat im Frühsommer, die Ernte im Herbst, das mühsame Entfernen der Körner vom Kolben, das Trocknen und Mahlen - das Cencalli-Museum zeigt all diese Arbeiten in Fotografien, stellt Werkzeuge und Tonschüsseln aus.

„Am Ende gibt er uns Leben“

Bei der Museumseröffnung boten mehrere Tage lang bäuerliche Produzentinnen und Produzenten ihre Spezialitäten an. Kunsthandwerker verkauften Schmuck und andere aus Mais hergestellte Waren, Musiker aus verschiedenen Regionen des Landes traten auf. „Den Mais besingt man, man tanzt für ihn, mahlt ihn, kocht ihn und am Ende gibt er uns Leben“, erklärte der Dichter Mardonio Caballo, der im Kulturministerium für populäre, indigene und urbane Kultur zuständig ist.

Das wichtigste mexikanische Lebensmittel, das aus Mais entsteht, sind die Tortillas, gebackene Teigfladen. Schon vor 1.200 Jahren begannen Bewohnerinnen und Bewohner Mittelamerikas, Maiskörner zu kochen, anschließend zu trocknen und zwischen Steinen zu mahlen. Das so entstandene Maismehl ist die Grundlage der Tortillas.

Auch im Mexiko von heute sind die Körner aus der Ernährung nicht wegzudenken. Etwa 75 Kilo isst jede Mexikanerin und jeder Mexikaner im Jahr. Das sind zwischen sieben und zehn Fladen täglich.

Natürlich wird ein guter Teil der Tortillas mittlerweile industriell hergestellt, und nicht wenig Mais wird aus den USA importiert. Doch die Seele des Nahrungsmittels, daran lässt die Ausstellung im neuen Maismuseum keine Zweifel, liegt in der kleinbäuerlichen Produktion.

Fast nur auf den Milpas, den tradionellen Maisfeldern, werden bis heute auch alte Sorten angebaut, die rote, blaue, schwarze, manchmal sogar bunte Kolben tragen. Das Museum zeigt diese Vielfalt in einer eindrucksvollen Installation: Mitten in einem Saal hängen etwa 100 Maiskolben in den verschiedensten Farben von der Decke.

Probleme mit Fettleibigkeit und Diabetes

In der industriellen Produktion, den US-Importen und vor allem im genetisch manipulierten Mais sehen die Kuratoren der Ausstellung eine große Bedrohung. „Die Biodiversität ist von den indigenen Völkern und ihren Nachfahren geschaffen worden“, heißt es auf einer Tafel. Sie seien mexikanisches Eigentum, genetisch manipulierte Saat bringe die Vielfalt in Gefahr.

Museumsdirektorin Espinosa legt auf diese Themen besonderen Wert. „Seit 2008 gibt es eine Bewegung von Bäuerinnen und Bauern, Studierenden und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sich gegen Genmais wehren, und daran knüpfen wir an“, sagt sie. Plakate von Demonstrationen zeugen von diesem Kampf.

Mit gutem Grund nennt das Museum in seinem Namen auch die Ernährungskultur. Mexiko habe immense Probleme mit Fettleibigkeit und Diabetes. „Die große Verbreitung dieser Krankheiten zeigt uns gerade in Zeiten von Covid, wie wichtig es ist, uns gut ernähren und zu wissen, woher unser Essen kommt“, betont die Anthropologin. Das Museum zeige also nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern sei auch für die Zukunft des Landes wichtig.