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Sie wollen mitreden

Sie wollen mitreden

Rund 800.000 Kinder und Jugendliche müssen in Bolivien arbeiten. Einige von ihnen haben sich zu einer Gewerkschaft zusammengetan, um für ihre Rechte zu kämpfen. Ihre Forderungen weichen von internationalen Konventionen ab.

Von Wolf-Dieter Vogel

Sie putzen Schuhe, verkaufen Gemüse, helfen bei der Zuckerrohrernte und schuften in den Schächten des Bergbaus: Schätzungen zufolge arbeiten in Bolivien 800.000 Kinder und Jugendliche. Sie gehören zu den weltweit 152 Millionen Kindern, die von Kinderarbeit betroffen sind. Die UN haben 2021 zum Internationalen Jahr zur Abschaffung von ­Kinderarbeit ausgerufen.

Im Vergleich zu vielen Gleichaltrigen, die in anderen Ländern in jungen Jahren ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, haben die Kinder in Bolivien jedoch einen Vorteil: Sie können sich in einer Gewerkschaft organisieren. Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Union der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Boliviens (UNATSBO) für die Rechte von Kinderarbei­ter_in­nen ein.

"Wir haben in allen Städten lokale Gruppen und vertreten alle Departements des Landes", sagt Gewerkschaftssekretärin ­Estefani Yucra. Sie ist 19 Jahre alt und studiert Wirtschaftswissenschaften. Auch Yucra hat bereits mit zehn Jahren Kleidung verkauft und später als Kindermädchen gearbeitet. Sie ist für ihren Posten genau genommen zu alt. "Eigentlich sollte ich durch Jüngere ersetzt werden, aber wegen der Pandemie haben wir zurzeit keine Treffen", sagt sie. Schließlich sind bei der UNATSBO nur Kinder und Jugendliche aktiv. "Ein paar Ältere beraten uns."

Gefährliche Arbeit im Bergwerk

Sie lebt in Llallagua, einer Kleinstadt im Departement Potosí. Bis heute wird in der traditionellen Bergbauregion Silber gefördert. Und noch immer steigen Jugendliche in die Schächte, um das Edelmetall aus den Minen zu holen. Die Konvention 182 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verbietet potenziell gesundheitsschädliche Tätigkeiten für Kinder, also auch die ­Arbeit im Bergbau.

Auch die UNATSBO ist dagegen, dass Minderjährige in die Gruben steigen, betont Yucra. "Diese Arbeit ist extrem gefährlich." Dennoch ist sie gegen ein Verbot der Kinderarbeit: "Wir sind nicht dafür, das radikal zu verbieten, weil viele von uns gezwungen sind, dort zu arbeiten." Häufig müssten Kinder Geld verdienen, damit das Familieneinkommen für alle reiche.
Yucras Ortsverband will dafür sorgen, dass junge Menschen bei der Arbeit sicher sind und ihre Tätigkeiten weniger Gefahren bergen. Zudem bietet UNATSBO Weiterbildungen an, damit die Kinder später in Bäckereien, Schneidereien oder der Gastronomie Geld verdienen können. "Sie sollen ja nicht ihr Leben lang im Bergbau schuften", sagt Yucra.

Unter dem sozialistischen Präsidenten Evo Morales, der von 2006 bis 2019 regierte, sollte Kinderarbeit zunächst verboten werden – entsprechend der ILO-Konvention 138, die Bolivien unterzeichnet hat. Die Minderjährigen stellten sich gegen ein grundsätzliches Arbeitsverbot. "Es konnte nicht sein, dass eine Reform verabschiedet wird, ohne die Kinder in die Debatte einzubeziehen", erinnert sich Luz Rivera, die für ein Sozialprojekt der Caritas in Potosí arbeitet. Ihre Einrichtung hatte die Kindergewerkschaft unterstützt. Im Gesetz 548 schrieb die Regierung 2014 schließlich fest, dass Kinder unter bestimmten Voraussetzungen doch arbeiten dürfen – ab dem zehnten Lebensjahr.

Ringen um Verbot von Kinderarbeit

Rivera hielt die Entscheidung für richtig. "Das entspricht einfach der Realität", sagt sie. "Ob legal oder illegal, die Kinder arbeiten sowieso, es geht darum, dass sie geschützt sind." Die Reform schrieb unter anderem vor, dass die Minderjährigen eine Gesundheitsversorgung haben und in die Schule gehen. Die Beschäftigung im Bergwerk war verboten.

Die ILO hingegen sah das anders. "Kinderarbeit hindert Kinder daran, Bildung und Fertigkeiten zu erwerben, die sie zum ­Erlangen von menschenwürdiger Arbeit als Erwachsene benötigen", hieß es. Zudem bestehe bei einer Erlaubnis der Kinderarbeit das Risiko, dass Minderjährige für gefährliche Tätigkeiten eingesetzt würden. Der internationale Druck wuchs. Als die USA mit Zollverschärfungen drohten, gab die Regierung nach. 2018 hob das Parlament das Gesetz auf und verbot die Kinderarbeit.

"Jetzt arbeiten Kinder unter 14 Jahren wieder illegal und verlieren dadurch alle Rechte, die das Gesetz garantiert hatte", kritisiert Sozialarbeiterin Rivera. Wenn sie ausgebeutet würden, trauten sich weder sie noch ihre Familien, das zu melden. Dem Bildungsargument kann Rivera ebenso wenig folgen. "Wir betreuen 843 arbeitende Mädchen und Jungen, und 99,9 Prozent von ihnen gehen in die Schule", sagt sie. Jorge Domic von der Stiftung Fundación La Paz geht noch weiter: "In der Anden­kultur wird Kinderarbeit als sehr wertvoll angesehen und ist grundlegend wichtig für die Entwicklung und Sozialisation von Mädchen und Jungen", sagt der Psychologe. Die Arbeit müsse unter kulturellen, sozialen und historischen Aspekten betrachtet werden.

Verstoß gegen Kinderrechtskonventionen

Kinderarbeit als Kulturgut? Georg Schäfer von der Themenkoordinationsgruppe Kinderrechte von Amnesty Deutschland teilt diese Haltung nicht. "Auch in unseren Ländern war es einmal gesellschaftliche Tradition, dass Jungen und Mädchen arbeiten", sagt er. "Heute ist es eine große Errungenschaft, dass wir das abgeschafft haben." Kinderarbeit in Bolivien zu erlauben, könnte zu einem Dammbruch führen. "Damit könnte ein mühsam erkämpfter internationaler Konsens bezüglich des Verbots von Kinderarbeit kippen", befürchtet Schäfer. Und auch das UN-Kinderhilfswerk macht sich für diesen Konsens stark. Die UNICEF-Sprecherin in Bolivien, Virginia Perez, erklärt, ihre Organisation habe sich bei der bolivianischen Regierung dafür eingesetzt, dass die Reform von 2014 rückgängig gemacht werde. Das Gesetz habe gegen alle internationalen Kinderrechtskonventionen verstoßen. "Wir sollten dafür sorgen, dass die Kinder für eine gute Ausbildung kämpfen, nicht dafür, im Alter von zehn Jahren gute Arbeitschancen zu bekommen", sagt sie mit Blick auf die Forderungen der Kindergewerkschaft UNATSBO. Yucra und Rivera sind sich mit UNICEF und ILO darin einig, dass die Armut bekämpft werden muss, die Kinderarbeit erst nötig macht. Aber Rivera sagt: "Wie die Dinge stehen, wird das nicht passieren."

Foto: Gustavo_Kanashiro_CC_BY-NC-ND_2.0