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Kolumne

Krankheit der Reichen

Vielleicht hat sich Daniel Ortega von Paneloux inspirieren lassen, jenem Jesui­tenpfarrer, der in Albert Camus’großem Roman „Die Pest“ die Seuche als göttliche Strafe bezeichnet. Oder der nicaraguanische Präsident ließ sich von seiner esoterischen Frau Rosario Murillo auf den Gedanken bringen, dass die Covid-19-Pandemie ein „Signal Gottes“ an Regierungen sei, „die Millionen für Atombomben, militärische Basen und Allianzen“ ausgeben. Jedenfalls haben Ortega und Murillo, die Vizepräsidentin des Landes, nun ein „Weißbuch“ herausgegeben, das auf 70 Seiten die Maßnahmen erklären soll, die man unternommen habe, um das Corona­virus einzudämmen.

Das verstört, denn die nicaraguanische Regierung hat eigentlich lange Zeit bewusst nichts getan. Schlimmer noch: Sie hat ihre Anhänger zu Massenversammlungen gegen das Virus mobilisiert und noch an Ostern dazu aufgerufen, an den Strand zu fahren. Covid-19 sei eine Krankheit der Reichen, wer zu Hause bleibe, gehe der imperialistischen Propaganda auf den Leim, ließ das Murillo-Ortega-Regime wissen. Nicaragua, das zweitärmste Land der Region, habe ein besseres Gesundheitssystem als die USA. Folgerichtig beschreibt das Buch eine Erfolgsstory: Seit Ortega 2007 die Regierung übernommen habe, seien etliche Krankenhäuser entstanden. Es gebe ausreichend ausgebildetes Personal und 158.000 Freiwillige, die Millionen Hausbesuche gemacht hätten, um das Virus zu bekämpfen. Damit das alle erfahren, soll das Büchlein nun im ganzen Land verteilt werden.

Bei der Basis, den Parteigängern der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN), könnte das „Weißbuch“ gut ankommen. Der Rest der Bevölkerung schenkt den Worten Ortegas und Murillos wenig Glauben. Deren Zahlen zufolge sind etwa 40 Menschen an dem Virus gestorben, eine oppositionelle „Bürgerbeobachtungsstelle“ geht von über 800 Corona-Toten aus. Der Schriftsteller Sergio Ramírez vergleicht in einem Essay Ortegas Verhalten mit dem des guatemaltekischen Diktators Manuel Estrada Cabrera während eines Vulkanausbruchs vor hundert Jahren. Dass der Vulkan Feuer speie, sei eine Lüge, um das Land zu destabilisieren, so der Herrscher. Doch der Ascheregen verdeckte die Sonne, und die Dunkelheit verhinderte, dass der Bote die Nachricht verkünden konnte. „Außerdem hat wegen des gewaltigen Bebens niemand seine Botschaft gehört“, schreibt Ramírez.

Ob Ortegas antiimperialistisch verkleidete Demagogie auch verhallen wird, muss sich noch zeigen. Die Toten in den überfüllten Krankenhäusern und die überforderten Mediziner führt sie schon jetzt ad absurdum. Doch im Gegensatz zum Staatschef sind seine Kritiker wie Ramírez derzeit auf den digitalen Raum zurückgeworfen. Das von ihn organisierte Literaturfestival „Mittelamerika erzählt“ musste bereits im letzten Jahr wegen der Repression im Ausland stattfinden. Jetzt sprechen die Autorinnen und Autoren nur noch im Netz, so etwa in diesen Tagen im Rahmen der Internationalen Buchmesse von Guatemala.

Mit großer Skepsis blickt Ramírez auf die 2021 anstehenden Wahlen. Die Leute könnten nicht frei entscheiden, sagte er jüngst im Gespräch mit der taz, „und mit diesem Regime wird kein ernsthafter demokratischer Wandel möglich sein“.

Wie Ramírez ist auch die Schriftstellerin Giaconda Belli eine entschiedene Gegnerin des Regimes, obwohl beide einst mit Ortega in der FSLN gegen den Diktator Anastasio Somoza gekämpft haben. Nach dem Erscheinen des „Weißbuchs“ erinnert Belli an frühere Zeiten. Schon damals habe es als konterrevolutionär gegolten, den Autoritarismus der Sandinisten zu kritisieren. Wer aber seine Meinung im Interesse einer Ideologie zurückhalte, mache sich zu Kanonenfutter, schreibt sie. Nicht wenige, die Ortegas Parolen folgen, könnten ihre Gefolgschaft in der Tat mit dem Tod bezahlen.