1 Abo und 1 Abonnent
Reportage

Endstation Tijuana

TIJUANA taz | Sie haben sich ganz nach oben gesetzt. Von hier aus, von der höchsten Sitzbank der hölzernen Tribüne eines Baseballfelds, sieht man gut auf die andere Seite, auf die trockenen Berge und einige Häuser, die den Beginn einer größeren Stadt vermuten lassen. Nur eine Autobahn und ein vom Rost braun gefärbter drei Meter hoher Metallzaun trennen Vicente Romero ­Pimea und Marvin Josua Fernandez von dem Land ihrer Träume.

Und doch wissen sie nicht, ob sie diese Grenze jemals überwinden werden. Dabei haben sie in den letzten fünf Wochen 4.000 Kilometer zurückgelegt und zahlreiche Nächte mit tropischen Regengüssen unter provisorisch gespannten Plastikplanen verbracht. Sie sind bei unerträglicher Hitze stundenlang gelaufen, um genau hier anzukommen: in Tijuana. Von der Grenzstadt im Norden Mexikos aus wollen sie in die USA einreisen.

Nun hängen Pimea, 48, und Fernandez, 25, hier im Sportzentrum Benito Juárez im Herzen von Tijuana fest. Die Anlage dient als Auffanglager für die Karawane von Migrantinnen und Migranten, mit der die beiden in der Grenzmetropole angekommen sind. Pimea und Fernandez blicken auf das unüberwindlich erscheinende Metallgitter und fragen sich, wie es nun weitergehen soll. „Gott wird uns helfen“, ist Fernandez, hellblaues T-Shirt, olivgrüne Hose, überzeugt.

Doch die beiden wissen auch, dass der Mann, der auf der anderen Seite regiert, alles unternimmt, damit Menschen wie sie nicht in sein Land kommen. 5.600 Soldaten hat US-Präsident Donald Trump an die Grenze geschickt, um die vor allem aus Honduras stammenden Reisenden aufzuhalten. Und als bräuchte es noch eines weiteren Beweises für die Entschlossenheit seiner Sicherheitskräfte, kreist über dem Metallzaun an der Sportanlage den ganzen Nachmittag über ein blau-weißer US-Hubschrauber. „Wir bitten Gott nur darum, das er uns eine Tür öffnet“, sagt Fernandez.

Kurz entschlossen der Karawane angeschlossen

Seit dem 13. Oktober sind er und sein Freund unterwegs. Mit ein paar Hundert weiteren Menschen haben sie sich von der honduranischen Stadt San Pedro Sula aus auf den Weg gemacht, um in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Die Idee war nicht neu: Schon Monate vorher hatten sie überlegt, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.

„Es gibt keine Arbeit, wir wussten nicht, wie wir die Familien ernähren sollten“, erklärt Pimea, der sich mit einem dunklen Kopftuch vor der Sonne schützt. Sie hätten nicht mehr genug Geld verdient, um für die Frauen und Kinder Essen sowie Kleidung zu finanzieren. Deshalb stand der Entschluss schnell fest. „Als wir in den Nachrichten von der Karawane hörten, haben wir uns sofort angeschlossen“, berichtet Fernandez.

Innerhalb weniger Tage war der Zug auf mehrere Tausend Menschen angeschwollen. Aus dem Treck wurde die größte Karawane von Migranten, die die Region je erlebt hatte. 7.500 Menschen zogen durch den mexikanischen Süden. Von Tapachula durch den Isthmus von Tehuantepec und den von Kriminellen kontrollierten Bundesstaat Veracruz nach Mexiko-Stadt. Dann weiter in Richtung Norden. Manchmal sind sie über 50 Kilometer am Tag gelaufen.

Immer wieder schenkten Mexikaner Essen

Wenn sie Glück hatten, konnten sie zwischendurch ein paar Kilometer auf der Ladefläche eines Kleintransporters oder dem Anhänger eines Sattelschleppers zurücklegen. Immer wieder hätten ihnen Mexikaner auf den Weg geholfen, betont Pimea. „Sie gaben uns etwas zu essen, schenkten uns Wasser und kümmerten sich um medizinische Versorgung.“ Ab Mexiko-Stadt hätten Unterstützer Busse organisiert, die sie schließlich bis nach Tijuana brachten.

Jeden Tag gelangen seither mehr Migrantinnen und Migranten in die Grenzmetropole. In den letzten Wochen hatte sich die Karawane aufgespalten. Die einen sind länger in der Hauptstadt geblieben, andere so schnell wie möglich weitergezogen. Zudem haben sich zwei weitere Trecks gebildet, die nun ebenfalls auf dem Weg in Richtung Norden sind. Auch die meisten derjenigen, die noch unterwegs sind, werden sich wohl im Sportzentrum Benito Juárez niederlassen.

Die Anlage liegt am Rande von Tijuanas quirliger und gefährlicher Innenstadt. Dort, wo sich kriminelle Banden bekämpfen, Schießereien und Überfälle zum Alltag gehören und unzählige Diskotheken, Stundenhotels und Table-Dance-Kneipen Sex- und Party­touristen aus dem jenseits der Grenze gelegenen San Diego anziehen. Keinen Steinwurf von dem Sportzentrum entfernt steht aber auch der Metallzaun, der für viele Mittelamerikaner unüberwindbar geworden ist.

Mehr als 2.000 Menschen sind in Tijuana gestrandet

Etwa 2.300 Menschen harren derzeit auf dem Gelände unter Plastikplanen, in Hauszelten und großflächig gespannten Planen aus: Kleinkinder, Jugendliche, Männer, Frauen. Wie viele noch kommen, weiß keiner so genau. Etwa 3.000 Migranten hängen in der nordmexikanischen Stadt Mexi­cali fest. Sollten sie auch nach Tijuana kommen, müssten sie in anderen Einrichtungen untergebracht werden, informierte Alfonso Alvarez Juan, der Minister für soziale Entwicklung des Bundesstaats Baja California, bei seinem Besuch der Anlage. Schon jetzt ist der Platz ausgelastet.

An allen Zäunen und Gerüsten hängt Wäsche, immer wieder bilden sich Schlangen, weil Mitarbeiter der Stadtverwaltung gespendete T-Shirts, Hosen oder Decken verteilen. Auf den Baseballplatz, gleich neben der Autobahn, stehen 20 Toiletten und ein paar provisorische Duschen, die für die tägliche Hygiene von Tausenden reichen müssen. Dabei sind viele nach der langen Reise längst an ihre Grenzen gestoßen. „Hier gibt es kaum etwas zu Essen und viel zu wenig Wasser“, beschwert sich Cruz Chicas López, die mit ihren beiden Kindern und zwei Nichten auf der Reise ist.

Eine ihrer mitreisenden Freundinnen ist schwanger. Sie sei beinahe ohnmächtig geworden, beklagt die 40-Jährige. Cruz Chicas hat gelernt, sich alleine durchzuschlagen. Schon vor fünf Jahren sei ihr Mann in die USA geflüchtet, weil dessen Vater und weitere Familienmitglieder ermordet worden waren. „Am Anfang hat er immer Geld geschickt, aber mittlerweile hat er uns einfach vergessen“, erzählt die Honduranerin. Wo sich ihr ehemaliger Partner jetzt aufhält, weiß sie nicht. Aber wie ihre Landsmänner Pimea und Fernandez bedrückt auch sie vor allem eine Frage: Wie geht es weiter?

„Ich habe keinen Plan“, sagt sie, lacht etwas verzweifelt und streckt sich auf der Matratze, während ihre blonde Tochter Keila mit ihrem Bruder Jedson herumalbert. Sie ist schon im Juni mit der 16-Jährigen Keila aus Honduras geflüchtet. Wegen der Jugendbanden und weil es keine Arbeit gebe, sagt sie. Zusammen hätten sie nahe der Grenze zu Guatemala, in der Stadt Tapachula, in einem Restaurant gearbeitet und versucht, Aufenthaltspapiere zu bekommen. Vergeblich. „Sie haben mir nie erklärt, warum sie das abgelehnt haben.“ Als dann die Idee mit der Karawane aufkam, hat sich die Familie weiter auf den Weg gemacht. Den mexikanischen Behörden traut sie nicht mehr. Und überhaupt: „Das mexikanische Geld ist ja auch nicht viel mehr Wert als das honduranische.“ Nein, sie will in die USA.

Mexikaner rufen: „Honduraner raus!“

Wenige Meter vom Eingang ist mittlerweile eine aufgebrachte Menschenmenge eingetroffen. „Mexiko, Mexiko“, rufen sie in Sprechchören. Und „Honduraner raus!“ Dann singen sie die mexikanische Nationalhymne, schwenken die Fahne des Landes und lärmen mit Tröten. Einige von ihnen halten Schilder in die Höhe, auf denen „Mexiko zuerst“ und „Invasoren raus“ zu lesen ist. Nur eine gut ausgerüstete Einheit der Polizei kann die Horde davon abhalten, auf das Gelände des Sportzentrums zu stürmen. Immer wieder fliegen Wasserflaschen, die Stimmung ist aufgeheizt.

Die Aktion beginnt bereits am frühen Sonntagmorgen: Gegner der Karawane versammeln sich auf einem Rondell in einer wohlhabenderen Gegend der Stadt. Von dort aus ziehen die etwa 300 Demonstranten zum Sportzentrum Benito Juárez. „Wir brauchen nicht noch mehr Kriminelle, wir hier haben schon genug Probleme mit Verbrechern“, ruft ein Mittfünfziger, Sonnenbrille, Bart, den Reportern ins Mikrofon. Ein anderer schimpft über die Lügen in der Presse. „Die Migranten sind aggressiv und gewalttätig“, ist Claudia Salgado überzeugt, die, umringt von einer Traube von Menschen, aufgeregt in die Menge redet.
Sie sei selbst vor fünf Jahren aus den USA hierher gezogen, stamme ursprünglich aus Mexiko-Stadt und habe nichts gegen Migranten, betont sie. „Aber unter denen sind Verbrecher, das wissen wir.“ Dann verweist Salgado auf entsprechende Videos, die am Vortag durch die sozialen Netzwerke gegangen sind.

In den letzten Tagen hat vor allem der Bürgermeister von Tijuana, Juan Manuel Gastélum, die Stimmung angeheizt. „Das ist ein Haufen Arbeitsscheuer und Drogenabhängiger“, sagte er dem Nachrichtenmagazin Milenio. Die Ruhe und Sicherheit in Tijuana sei gefährdet, erklärte der Vorsteher der Stadt, in der in den ersten elf Monaten dieses Jahres 2.300 Menschen ermordet wurden und die zu den gefährlichsten Mexikos zählt.

Übergriffe in Tijuana

Schon vorher haben Einwohner am Strand von Tijuana Migranten körperlich angegriffen, die sich dort niedergelassen hatten. Genau dort, wo der Metallzaun langsam im pazifischen Ozean verschwindet. „Haut ab, haut ab“, hätten die Angreifer gebrüllt, berichten zwei Honduraner, die sich mittlerweile in der Sportanlage niedergelassen haben.

Mit der Landesflagge gegen die Migranten: Eine Mexikanerin protestiert in Tijuana Foto: dpa
Ismael Leonardo Gonzalez ist davon überzeugt, dass die Vorwürfe der Demonstranten vor dem Tor der Sportanlage ein Vorwand für rassistische Attacken sind. „Ein paar Leute, die Drogen genommen hatten, wurden sofort rausgeworfen“, erzählt der Honduraner, der sich zu seinen Landsmännern Pimea und Fernandez auf der Basketball-Tribüne gesellt hat. Tijuana sei eine Migrantenstadt, sagt er. Sie bestehe nur aus Menschen, die irgendwann einmal hierhergezogen seien. Der Aufmarsch beunruhigt ihn etwas, aber auf dem Gelände fühlt er sich sicher. Und außerhalb bewegt er sich ohnehin kaum. Die wenigsten verlassen das Sportzentrum.

Vicente Pimea sitzt neben ihm und spricht nur wenig, während Fernandez mit seiner Schwester in Honduras telefoniert. Der 48-Jährige ist nachdenklich und noch ruhiger als am Vortag. Gestern hat ihm jemand draußen auf der Straße seinen Koffer geklaut. Alle Klamotten sind weg, nur noch sein kleiner Rucksack ist ihm geblieben. „Die Sache ist kompliziert“, sagt er. Bei der Vollversammlung am Vorabend habe jemand erklärt, dass auch jeder für sich überlegen müsse, wie es weitergehe. Wie also alleine auf die andere Seite kommen?

Hoffnung auf eine neue Heimat irgendwo

„Die Schlepper kassieren viel Geld und dann lassen dich dann in der Wüste sitzen“, wirft Gonzalez plötzlich ein, berichtet dann aber von einer ganz neuen Information. Am Nachmittag soll es ein Treffen geben, in dem der kanadische Erzbischof Leonardo Marín-Saavedra über die Möglichkeiten berichtet, Asyl in seiner Heimat zu beantragen. Kanada, China, Deutschland – egal, Hauptsache, irgendwohin, wo es Arbeit gibt, wiederholt Pimea mehrmals. Von dem Termin mit dem Geistlichen hänge jetzt alles ab.„Wenn nichts herauskommt, gehe ich morgen von hier weg“, sagt Gonzalez. „Ich auch“, pflichtet ihm Pimea bei. Seinen Blick hat der Honduraner wieder auf den Metallzaun gerichtet.

Alle im Sportzentrum Benito Juárez wollen in die Vereinigten Staaten, obwohl Politiker ins Gespräch gebracht haben, Arbeitsplätze für die Menschen zu schaffen. In der Region könnte man bis zu 11.000 Stellen finden, glaubt Minister Alvarez Juan. Doch das überzeugt Vicente Romero Pimea nicht. Nur als letzte Notlösung werde er hier bleiben, sagt der Honduraner. Aber weder er noch all die anderen wissen, wie sie ihren amerikanischen Traum erreichen sollen. Und US-Präsident Trump stellt immer wieder klar, dass er eine „Invasion“ der Migranten nicht zulassen werde. Am Sonntag legte er noch einmal nach. Die Karawane verursache schon Verbrechen und große Probleme in Mexiko, wetterte er auf Twitter. Und:

„Geht nach Hause.“

Auch der Versuch, Asyl zu beantragen, dürfte für die meisten zum Scheitern verurteilt sein. Zwar sind viele der Migranten vor der Gewalt aus ihrer Heimat geflüchtet, aber wer sollte ihnen nun helfen, all die juristisch nötigen Schritte zu gehen? Nur die wenigsten Schutzsuchenden bekommen bisher tatsächlich Asyl. Und wenn, hätten vor allem Frauen und Kinder eine Chance, erklären Experten. Zudem hat der US-Präsident jüngst ein Dekret verfügt, nachdem niemand einen solchen Antrag stellen kann, der illegal eingereist ist.

Pimea kann dieser Option sowieso nichts abgewinnen. „Wenn ich Asyl beantrage, werde ich möglicherweise sechs Monate eingesperrt, bevor die Entscheidung fällt“, sagt er. „Zu Hause sitzen meine Frau und das Kind. Sie brauchen jetzt Geld.“