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Feature

Exodus Honduras

Tausende Menschen aus Honduras, El Salvador oder Nicaragua suchen ein besseres Leben in den USA. Noch nie gab es auf dem amerikanischen Kontinent einen Marsch dieses Ausmaßes.

Die Sonne sticht. Nur wer unbedingt muss, verlässt das bisschen Schatten, das die provisorisch aufgespannten schwarzen Plastikplanen spenden. Auch Paola López sucht Schutz vor der tropischen Hitze. Die Honduranerin sitzt auf einer Mauer, ihr fünfjähriger Sohn liegt neben ihr auf dem Boden. „Er hat Fieber, ich hoffe, er steht die Reise durch“, sagt die 21-Jährige.

Ein paar Meter weiter ruft eine Stimme durch den Lautsprecher: „Morgen Früh um drei Uhr geht es weiter.“ So hat es gerade die Versammlung auf dem Rathausplatz der südmexikanischen Stadt Pijijiapan beschlossen. Schon jetzt hat die junge Frau fast 1000 Kilometer zurückgelegt, und noch immer liegen viele Tagesreisen vor ihr. Aber sie ist sich sicher: „Mit Gottes Hilfe werden wir in den USA ankommen.“

Vor zwei Wochen schloss sich Paola Lopez einer Gruppe von Migranten an, die der Armut und der Gewalt in ihrer Heimat entkommen wollen. Mit dem Vater, der Mutter, ihrem Mann und dem Sohn hat sie sich auf den Weg gemacht. Zunächst waren es nur wenige, die vom honduranischen San Pedro Sula aus losgegangen sind. Doch schon ein paar Tage später stand die Karawane mit Tausenden am Rio Suchiate, dem Fluss, der Guatemala von Mexiko trennt. Zunächst wurden sie von mexikanischen Polizisten gestoppt. Später drückten die Beamten ein Auge zu, als die Reisenden mit Booten den Fluss überquerten.

Seither ziehen die Migranten auf Mexikos Straßen gen Norden. Zwischen 50 und 100 Kilometer legen sie am Tag zurück. Fast jede Nacht rasten sie in einer anderen Stadt, von der sie vorher nie gehört haben: Huixtla, Pijijiapan, Arriaga, Juchitán.

Die meisten kommen aus Honduras, aber auch Guatemalteken, Salvadorianer und Nicaraguaner sind dabei. Sie laufen vorbei an Maisfeldern, Mangobäumen, Bananenstauden, Polizeifahrzeugen und Einheimischen, die ihnen Wasser, Kleidung oder ein Brötchen anbieten. Manchmal bewegen sie sich ein paar Kilometer auf der Ladefläche eines Kleintransporters, und wer es sich leisten kann, kauft ein Ticket für den Bus. Vor allem Frauen und Kinder werden mittlerweile in Fahrzeugen des Roten Kreuzes transportiert.

Es ist der größte Migranten-Treck, der je in der Region unterwegs war. Rund 7000 Männer, Frauen und Kinder zählte die Karawane, als sie von der mexikanischen Südgrenze aus weiterzog. Doch die Reise zehrt. Nicht wenige haben Blasen an den Füßen oder leiden an Entzündungen, einige erlitten Hitzschläge. „Wir sind müde, man spürt die Erschöpfung, viele verlieren die Hoffnung“, sagt Denis Omar Contreras von der Unterstützergruppe „Pueblo sin Fronteras“ (Volk ohne Grenzen). Inzwischen seien noch etwa 5000 Menschen dabei. Einige hätten sich auf den Rückweg gemacht, 1700 hätten entschieden, in Mexiko zu bleiben.

Für Paola López steht das nicht zur Debatte. „Wir halten durch, damit unser Sohn eine Zukunft hat“, erklärt sie. Sie will, dass er eine ordentliche Schule besuchen kann. Zuletzt hatte sie in einem Lager gearbeitet, doch nachdem ihr gekündigt wurde, fand sie keinen Job mehr. Ähnlich erging es ihrem Vater, der auf dem Bau tätig war.

Zuletzt hatte der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto den Migranten befristete Arbeitsplätze, Krankenversorgung und Schulbesuch für die Kinder angeboten. Allerdings nur, wenn sie in den südlichen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas Asyl oder einen anderen legalen Status beantragen. Die Reisenden lehnten ab. So mancher in der Karawane vermutet, dass Peña Nieto mit seinem Angebot lediglich das Interesse des US-Präsidenten Donald Trump vertritt, die Reisenden möglichst weit entfernt von den USA festzusetzen. Trump bezeichnet sie als „Kriminelle“ und die Karawane als „Angriff auf unser Land“. Schon jetzt stehen 2000 US-Soldaten an der Grenze, weitere 15 000 sollen noch stationiert werden.

Jenseits des Flusses

Viele Mittelamerikaner, die in ihrer Heimat verzweifeln, hält das nicht zurück. Zuletzt machten sich wieder mehrere Hundert Menschen aus El Salvador auf den Weg. An der Grenze zu Mexiko versuchten zudem honduranische Migranten, ins Land zu kommen. Tausend von ihnen lieferten sich Auseinandersetzungen mit mexikanischen Polizisten, einer starb durch ein Gummigeschoss. Seither durchqueren die Männer, Frauen und Kinder wieder mit Flößen den Rio Suchiate.

Paola López hat diesen Fluss schon hinter sich, bis zum Rio Bravo an der US-Grenze fehlen jedoch ihr aber noch mindestens 2000 Kilometer. Sie hofft, dass sie durchhält. Nicht nur der Kleine ist krank. Ihr linker Fuß schwillt zunehmend an. Neben ihr, auf dem Asphalt, liegen die Jeans ihres Mannes und ihres Sohns. Sie hat sie gerade gewaschen. Ob die Hosen trocknen, ist fraglich. Wie jeden Abend wird die Hitze von einem tropischen Regenguss verdrängt, der die provisorischen Schlafstätten unter Wasser setzt. Die Pappunterlagen weichen durch, zwischen den Planen prasseln Sturzbäche auf die Decken, an allen Ecken fließt das Wasser. Es wird eine harte, kurze Nacht. Denn weit bevor die Sonne aufgeht, macht sich Paola López wieder mit der Karawane auf den Weg.