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"Wir machen das für unseren Sohn"

Sollten sie sich auf den Deal einlassen? „Überlegt euch das gut, die Regierung hat ihre Versprechen oft nicht eingehalten“, dröhnt die Stimme von Irineo Mujíca durchs Megafon. Fast alle, die dem Aktivisten in der südmexikanischen Stadt Arriaga zuhören, lehnen ab. Nein, sie wollen nicht in den Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas bleiben. Und nein, sie verlassen sich nicht darauf, dass die Behörden ihnen dort Arbeit sowie Krankenversorgung bieten und ihre Kinder zur Schule gehen können.

Das hatte Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto angeboten, wenn sie nicht weiter Richtung Norden marschieren. Aber unter den Migranten, die sich auf dem zentralen Platz von Arriaga versammelt haben, dominiert das Misstrauen. „Also geht es morgen früh um drei Uhr weiter“, ruft Mujica von der Unterstützergruppe „Pueblo Sin Fronteras“ (Volk ohne Grenzen) und erntet dafür großen Beifall.

Auch die Honduranerin Paola Lopez ist überzeugt: „Unser Ziel bleibt es, in die USA zu kommen.“ Vor zwei Wochen hat sich die 21-Jährige mit ihrer Familie der Migranten-Karawane angeschlossen, die inzwischen im Süden Mexikos unterwegs ist. Mit dem Vater, der Mutter, ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn hat sie sich auf den Weg gemacht. „Wir erfuhren im Fernsehen davon und sind sofort losgezogen“, erzählt sie.

Zunächst hatten sich nur wenige von der honduranischen Stadt San Pedro Sula aus aufgemacht, um der Armut und der Gewalt im Land zu entfliehen. Doch schon ein paar Tage später stand die Karawane mit Tausenden am Rio Suchiate, dem Fluss, der Guatemala von Mexiko trennt. Zunächst wurden sie von mexikanischen Polizisten gewaltsam gestoppt. Später drückten die Beamten dann ein Auge zu, als die Reisenden mit Booten den Grenzfluss überquerten.

Bei drückender tropischer Hitze marschieren die etwa 7.000 Menschen seit Anfang letzter Woche gen Norden. Zwischen 50 und 100 Kilometer legen sie am Tag zurück, fast jede Nacht machen sie in einer anderen Stadt Rast, von der auch sie vorher nie etwas gehört hatten: Huixtla, Mapastepec, Pijijiapan, Arriaga. Die meisten kommen aus Honduras, aber auch Guatemalteken, Salvadorianer und Nicaraguaner sind dabei. Sie ziehen vorbei an Maisfeldern, Mangobäumen, Bananenstauden, Rettungswagen, Polizeifahrzeugen und Einheimischen, die ihnen Wasser, Kleidung oder ein Brötchen anbieten. Viele tragen FlipFlops oder Plastiksandalen, nur wenige sind mit festem Schuhwerk unterwegs. Wer Glück hat, überwindet ein paar Kilometer auf der Ladefläche eines Kleintransporters. Und wer es sich leisten kann, kauft ein Ticket für den Bus.

Doch spätestens, wenn sie ihr gemeinsames Tagesziel erreicht haben, sind alle erschöpft. Kleinkinder liegen im Tiefschlaf unter notdürftig aufgespannten schwarzen Plastikplanen oder Zeltdächern. Auch die Erwachsenen bewegen sich nur außerhalb des Schattens, wenn es unbedingt sein muss. Viele haben Blasen an den Füßen, immer wieder erleiden Menschen Hitzschläge. Ständig sind Sanitäter im Einsatz.

In jeder der Städte, die die Männer, Frauen und Kinder passieren, haben Stadtverwaltung, Rotes Kreuz und Kirchen dafür gesorgt, dass sie so gut wie möglich aufgenommen werden. „Zum Glück gibt es eine gute medizinische Versorgung“, bestätigt auch Paola López. „Wir danken den Mexikanern sehr dafür, wie sie uns helfen“, sagt sie. Ihr Sohn hat Fieber, und zudem schwillt ihr linker Fuß immer mehr an. Ihr Partner massiert sie ständig, damit sie am kommenden Tag durchhält.

Während zahlreiche Einheimische und städtische Einrichtungen ihr Möglichstes geben, spielt die Regierung in Mexiko-Stadt ein fragwürdiges Spiel. Vergangenen Freitag hat Staatschef Peña Nieto befristet Arbeitsplätze, Krankenversorgung und Schulbesuch angeboten. Allerdings nur, wenn die Migranten und Flüchtlinge in den Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas einen Asylantrag oder eine andere Form legaler Einreise beantragen. Das entspricht genau den Forderungen, die sein US-Kollege Donald Trump seit Wochen erhebt. Mexikos Regierung soll die Karawane weit vor der Grenze zu den USA stoppen. Immer wieder hatte Trump die Reisenden als „Kriminelle“ und die Karawane als „Angriff auf unser Land“ bezeichnet.

Im Sommer forderte der US-Präsident, Mexiko als sicheren Drittstaat zu definieren. Wer demnach durch das lateinamerikanische Land in die USA einreist, hat kein Recht mehr, Asyl zu beantragen. Schon Trumps Vorgänger Barack Obama hat 2014 mit Peña Nieto das Projekt „Frontera Sur“ ins Leben gerufen. Mit US-Unterstützung sorgen seither mexikanische Einwanderungspolizisten dafür, dass die Reisenden Tausende Kilometer vor der US-Grenze daran gehindert werden, ihren „American Dream“ zu verwirklichen. Von Washington gelieferte Hubschrauber überfliegen den Rio Suchiate, von US-Beamten ausgebildete Grenzbeamte sollen verhindern, dass Migranten ohne gültige Papiere einreisen. Allein in den ersten acht Monaten 2018 hat die Einwanderungsbehörde knapp 70.000 und damit 90 Prozent aller aufgegriffenen Mittelamerikaner abgeschoben.
Viele tragen Flip-Flops oder Plastiksandalen, nur wenige sind mit festem Schuhwerk unterwegs.

Von einem großzügigen Angebot Peña Nietos an die Karawane kann also nicht die Rede sein. „Wir brauchen keine weiteren Städte oder Bundesstaaten, in denen Migrierende ohne Bewegungsfreiheit eingesperrt werden und sich nicht dort niederlassen können, wo sie ein würdiges Leben führen können“, kommentierten die Beteiligten der Karawane diese Politik in einer Presseerklärung. Trotzdem sind sie zum Dialog bereit, denn viele der Reisenden sind am Rande ihrer Kräfte.

Zwischen 700 und 800 hätten sich bereits auf den Rückweg gemacht, erklärt Denis Omar Contreras von Pueblo Sin Fronteras am Samstag. Man könne sprechen, wenn über einen Aufenthalt im ganzen Land verhandelt werde. Die Gespräche müssten aber in Mexiko-Stadt stattfinden. Bis dort werde die Karawane auf jeden Fall weiterziehen, betonte der Honduraner, der in den letzten vier Jahren schon sieben Mal aus dem nordmexikanischen Tijuana abgeschoben wurde.

Die Menschen auf der Flucht haben allen Grund, skeptisch zu sein. Sollten sie in Mexiko Asyl beantragen, müssten sich in Asylzentren aufhalten und dürften nicht arbeiten. Von 14.596 der im Jahr 2017 gestellten Anträge wurde bislang nur die Hälfte bearbeitet, ein knappes Drittel wurde positiv beschieden. Auch in der Karawane befinden sich viele, die aus Honduras vor Verfolgung und Gewalt geflüchtet sind. Damit hätten sie das Recht, einen Asylantrag zu stellen, so Adrian Edwards vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Nicht wenige der Geflüchteten sind von der Sorge angetrieben, dass ihre Kinder zuhause Jugendbanden zum Opfer fallen oder von Kriminellen rekrutiert werden. Andere, wie José Fuentes, mussten selbst vor drohender Gewalt flüchten. „Zweimal haben Kriminelle versucht, mich zu ermorden“, sagt der Mittfünfziger, während er mit seinem kleinen Rucksack schnellen Schrittes voranschreitet. „Wenn ich geblieben wäre, wäre ich vielleicht schon tot.“ Notfalls würde er auch in Mexiko Asyl beantragen, meint Fuentes, „doch lieber würde ich in die USA gehen“. Aber haben die Reisenden tatsächlich eine Chance, nach Kalifornien, Texas oder Arizona zu gelangen? Schließlich erwägt Trump, wegen der Karawane den „nationalen Notstand“ zu erklären und hat bereits Soldaten an den Rio Bravo geschickt. Fuentes bleibt trotzdem optimistisch: „Mit Gottes Hilfe schaffen wir das.“

Davon ist auch Paola Lopez überzeugt. Zumindest will sie sich nicht die Hoffnung nehmen lassen. „Wir machen das für unseren Sohn“, sagt sie. In Honduras reiche das Geld nicht zum Leben, außerdem finde man kaum noch Arbeit und nur schlechte Schulen. Sie verzieht vor Schmerzen das Gesicht, als ihr Mann Hermán ihr den Fuß massiert. Die Entzündung will nicht weichen, aber irgendwie muss es morgen weitergehen. Der Marsch mit der Karawane ist sehr anstrengend, und dennoch garantiert er ihr, sicher voranzukommen. Wer die mindestens 2.200 Kilometer lange Strecke in die Vereinigten Staaten auf eigene Faust erreichen will, lebt gefährlich: Kriminelle rauben die Reisenden aus, Migrationsbeamte kassieren Schmiergeld, Vergewaltigungen drohen.

Nein, sie werde bei der Karawane bleiben, ist Paola Lopez überzeugt. Innerhalb des Trecks sind sie und ihre Angehörigen sicher. Sie liegt auf einer Mauer, auf dem Asphalt darunter hat sie mehrere Jeans zum Trocknen ausgelegt. Die 21-Jährige wäscht, wann immer es geht. In dem feuchtheißen Klima wird die Wäsche ohnehin kaum trocken, und wie jeden Abend droht auch heute die drückende Hitze einem Regenguss zu weichen, der die provisorischen Schlafstätten unter Wasser setzt. Die aus Kartons gebastelten Pappunterlagen weichen dann durch, zwischen den Planen prasseln Sturzbäche auf die Decken, an allen Ecken fließt das Wasser.

Ein paar Meter weiter hat die Vollversammlung begonnen, auf der die Migranten über das weitere Vorgehen diskutieren. Ein Mann ergreift das Mikrofon. „Wir haben das verdammte Recht, in den USA zu arbeiten, nachdem sie Jahrhunderte lang unsere Länder ausgeplündert haben“, ruft er und spricht von den vielen asiatischen und afrikanischen Flüchtlinge, die sich aus denselben Gründen organisierten, um nach Europa zu gelangen: „Die Kämpfe sind gerechtfertigt und wir werden siegen“, ruft er.

Die Stadtverwaltung hat indessen eine Musikanlage aufbauen lassen, ein DJ legt Reggaeton und traditionelle Latino-Musik auf. Zwei Stunden lang tanzen Junge und Alte, Männer und Frauen, Hetero-Pärchen und auch eine Gruppe von Transgender, um ein wenig abzuschalten. Um neun Uhr ist Schluss, denn in sechs Stunden geht es weiter. Hundert Kilometer Strecke erwartet sie am nächsten Tag. Immerhin: Der große Regen bleibt an diesem Abend aus.