Vinzenz Greiner

Journalist (Storytelling, Wirtschaft, Ostmitteleuropa)

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Reportage

Der Bauherrscher

Fleiß ist das Fundament für Erfolg“, sagt der Investor Harald G. Huth. Das finden rumänische Bauarbeiter der Mall of Berlin bestimmt auch. Aber sie wurden ausgebeutet

Das Grundgesetz, es liegt in der Mall of Berlin am Boden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, heißt es da, eingraviert in eine mächtige Messingplatte vor einer Rolltreppe. Auch an anderen Stellen des Einkaufszentrums werden berühmte Zitate mit Füßen betreten: Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, John F. Kennedy, Barack Obama, Angela Merkel kommen zu Wort. Der Hausherr Harald Huth mag das Pathetische, das Pompöse, das Prachtvolle. Nur dass das Haus mittlerweile einen weniger würdevollen Spitznamen bekommen hat: „Mall of Shame“. Sieben Rumänen sind vor das Berliner Arbeitsgericht gezogen. Sie klagen gegen zwei Unternehmen, die an Huths Traum mitgebaut haben. Es geht um ausstehende Löhne in Höhe von 33 000 Euro. Die Beklagten von den Firmen schwänzten den ersten Gerichtstermin einfach, da urteilte der Richter im Sinne der Arbeiter. Gegen die Versäumnisurteile haben die Firmenvertreter Einspruch eingelegt. Und Harald Huth, der Mann hinter der Mall of Berlin, der Bauherr, der so einen glitzernden Palast erschaffen wollte? Huth ist nicht irgendein Bauheini. Er wird im August erst 46 Jahre alt, aber man kann schon sagen: Er hat das Stadtbild mitgeprägt. Zu seinen Projekten zählen die Wannsee-Terrassen, das Steglitzer Einkaufszentrum Das Schloss, die Gropius-Passagen in Neukölln, das geplante Schultheiss Quartier in Moabit. Seine Firma heißt HGHI, das steht für High Gain House Investments. Hohe Gewinne. Viel Geld. Man kann es aber auch anders lesen: Harald Gerome Huth I., den die Berliner Presse den König der Shoppingcenter nennt. Ein Monarch. Ein Alleinherrscher. Morgens kurz vor zehn ruft er zurück: Warum überhaupt ein Porträt über ihn erscheinen solle? Er wolle nicht in der Öffentlichkeit stehen und auch keine Fragen beantworten, sagt er freundlich, aber bestimmt: „Das sind doch nur Projekte, die kann jeder bauen.“ Das Understatement mag nicht so ganz zu dem Mann passen, der schon mal in einem mattgoldenen Mercedes vorfährt. Es ist einfach Vorsicht. Von ihm existieren eine Handvoll inszenierter Pressefotos, jedoch kaum Interviews. Huth hat geschafft, woran drei Investoren vor ihm scheiterten: den Leipziger Platz an jener Stelle zu bebauen, wo die Deutschen einst ins Wertheim, das damals größte Kaufhaus Europas, pilgerten, und von dem die Bomben der Alliierten und die Abrissbirnen der Sozialisten nichts übrig ließen. Dort, in der Mitte Berlins gegenüber dem Bundesrat, steht Huths Mall of Berlin mit 270 Geschäften. AM 24. SEPTEMBER 2014 jagen bunte Scheinwerfer über die Menschenmenge auf der Piazza. Die glasüberwölbte Passage zwischen den beiden Teilen der Mall bildet eine Sichtachse, die vom Bundesrat bis zum Hotel Adlon reicht. „Shopping is coming home“, schallt es aus den Boxen, wie man auf einem Video der Eröffnung sehen kann. 10 000 Gäste sind zu der Eröffnung geladen. Darunter Wirtschaftsbosse, Schauspieler und der damalige Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit. Huth trägt Sakko, Rollkragenpulli, Hose und Stiefel. Aufgewirbelter Haarschopf, gebräunte Stirn, die Stoppeln im Gesicht wohlgetrimmt. Wowereit wirkt neben ihm wie ein biederer Apparatschik. Er lobt Huth als „engagierten Mitgestalter unserer Stadt“. Der damalige Stadtentwicklungssenator Michael Müller, inzwischen Wowereits Nachfolger, nennt die Mall of Berlin eine „herausragende Investition“. Gekostet hat das Projekt etwa eine Milliarde Euro. Hohe Gewinne, viel Geld. Davon haben die rumänischen Bauarbeiter bisher kaum etwas gesehen. Nicht mal sechs Euro Stundenlohn bekamen sie auf der Baustelle der Mall of Berlin. Manchmal arbeiteten sie zehn Stunden pro Tag. Manchmal länger. Mindestlohn? Arbeitnehmer-Entsendegesetz? Ihr Deutsch ist schlecht. Erst im Sommer 2014 waren sie nach Berlin gekommen. Hier arbeiteten sie für die Openmallmaster GmbH und die Metatec Fundus GmbH & Co. KG – zwei Subunternehmen auf der Baustelle. Ständig wurden sie vertröstet, die Verträge kämen noch. Sie kamen nicht. Genauso wenig wie ein Teil der Löhne. Manche der Rumänen verließen die Baustelle, andere wechselten von Openmallmaster zur Metatec, weil sie hofften, dass diese zahlt. Statt eines Arbeitsvertrags erhielten die Bauarbeiter aber ein Schriftstück, mit dessen Unterzeichnung sie auf Lohnansprüche verzichteten. Es ist eine Geschichte zum Schämen. Mit ihr wenden sich die Arbeiter im November – da ist das Bauprojekt trotz Mall-Eröffnung noch nicht fertig – an die linke Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Berlin. Die organisiert Demos, besorgt den Rumänen Essen, Unterkunft und den Anwalt Sebastian Kunz. Im März hat Kunz vor dem Arbeitsgericht Berlin den ausstehenden Lohn von sieben rumänischen Bauarbeitern eingeklagt. Die verschiedenen Hauptverhandlungen werden sich wohl noch bis Oktober hinziehen. Sollten die beklagten Unternehmen nicht zahlen können, ist der Auftraggeber in der Verantwortung. Dieser – der Generalunternehmer auf der Baustelle der Mall of Berlin, die Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH – ging insolvent. In so einem Fall stünde der Investor selbst in der Pflicht, heißt es vom Verband der Deutschen Bauindustrie: „Er trägt dann die Verantwortung für die ganze Kette der Subunternehmen.“ Bei Huths Projekten und im HGHIKosmos tauchen immer wieder dieselben Namen auf. Er umgibt sich gern mit einem Ring aus Vertrauten, dem „Inner Circle“, wie ein ehemaliger Mitarbeiter sagt. Regina Huth, die ein Modegeschäft in der Mall of Berlin hat, ist nicht nur Huths Frau, sondern auch seine Geschäftspartnerin. In mehreren Firmen ist sie neben ihm Geschäftsführerin. Diese Firmen sind unter dem Dach der HGHIHolding angesiedelt, die laut Handelsregister Harald Huth alleine führt. Mit seinem Freund Khalid Affara von Arab Investments aus London hat Huth die Finanzierung der Mall of Berlin organisiert. Zum Inner Circle gehören auch Jens Kirbach, der Centermanager der Mall of Berlin, und der Architekt Manfred Pechtold, der schon den Umbau von Huths Privatvilla im Berliner Westend geplant hat, die Gropius-Passagen zum größten Kaufhaus Berlins umwandelte und die Mall of Berlin gemeinsam mit einem anderen Architektenbüro entwarf. Eine wichtige Rolle in Huths Welt spielt der Bauunternehmer und Pferdesportsponsor Andreas Fettchenhauer. Die beiden Männer kennen sich seit mehr als zehn Jahren. Generalunternehmerin der Mall of Berlin war zunächst die Beton-System-Schalungsbau GmbH, BSS, an der wiederum die Fettchenhauer Controlling und Logistic GmbH, die FCL, beteiligt war. Als die BSS 2013 insolvent ging, sprang die FCL als Generalunternehmerin ein. In jenem Jahr wurde ein BSS-Geschäftsführer wegen Betrugs und Bestechung angeklagt. Im Dezember 2014 war dann die FCL zahlungsunfähig. Fettchenhauer gab an, dass Huths HGHI plötzlich nicht mehr gezahlt habe. Huth bestreitet das. Er habe dem insolventen Generalunternehmer sogar mehr als nötig überwiesen. Gegen die Verantwortlichen von FCL ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Insolvenzverschleppung. Insgesamt geht es in dem Insolvenzverfahren um nicht gezahlte Forderungen in Höhe von 100 Millionen Euro, die 400 Firmen beim Insolvenzverwalter geltend gemacht haben. INZWISCHEN ERMITTELT die Staatsanwaltschaft sogar gegen Huth. Ein Subunternehmer hat ihn wegen Betrugs angezeigt, wegen angeblich nicht gezahlter Rechnungen in Höhe von 43 000 Euro. Huth bestritt die Forderungen und verwies im Tagesspiegel zudem auf die insolvente FCL, die Firma Fettchenhauers. Dabei ist nach Auskunft des Insolvenzverwalters Mall-Monarch Huth selbst über einen Treuhandvertrag an der FCL beteiligt. Die Rumänen, der insolvente Generalunternehmer, die Staatsanwälte – geraten Huth die Dinge außer Kontrolle? Dabei handelt er doch gern nach dem Lenin-Prinzip: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu schreibt ein Mitarbeiter, die HGHI sei ein Ein-Mann-Unternehmen. Und: „Die einzige Verantwortung trägt der Chef. In allen Bereichen.“ Mitarbeiter müssen Aufgabenlisten anlegen, die abends aktualisiert vorzulegen sind. Unklarheiten sind einzufärben. Fragen müssen präzise gestellt werden. Morgens haben manche eine Sprachnachricht von Harald Huth auf dem Rechner mit klaren Antworten: Nein. Ja. Hier noch eine Unterschrift. So sei Huth in jeden einzelnen Arbeitsschritt involviert, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Mehrere ehemalige Mitarbeiter beschreiben ein Kontrollsystem. Ein Ex-Mitarbeiter weist nach, dass sein privater E-Mail-Verkehr gegen ihn verwendet wurde. Zwei Stunden nach Huths erstem Anruf klingelt noch einmal das Telefon. Er könne ja das Porträt nicht verhindern und wolle sich daher die Fragen doch einmal anschauen. Huth sieht sich als Macher, will der Beste sein – überall. Er arbeitet hart dafür. Er sagt: „Fleiß ist das Fundament für Erfolg.“ Er will mit seinen Bauprojekten dazu beitragen, „dass Berlin eine weltweit beachtete und interessante Stadt ist“. Ein Ex-Mitarbeiter sagt, Huth gehe es ums Geld. Und Huth weiß, wie man es verdient. Mit seiner HGHI-Gruppe ist er an den wichtigen Stadien, die ein Einkaufszentrum durchläuft, beteiligt. Er kauft den Grund, entwickelt das Projekt, lässt bauen und sichert sich gern noch das Center-Management. Mit Geld festigt er auch sein Reich: Sein Team bezahlt er gut. Die Fragen beantwortet Huth am Ende schriftlich. Zu den rumänischen Arbeitern schreibt er: „Hätte es eine Möglichkeit gegeben, diese große mediale Aufmerksamkeit durch Zahlung eines Geldbetrags zu verhindern, ohne den Anschein des Erpresst-Werdens zu erwecken, hätten wir das längst getan.“ Da die Bauarbeiter bei Subunternehmen angestellt worden sind, sieht Harald Huth sich und die HGHI nicht in der Verantwortung. Man könne nicht sicherstellen, „dass Nachunternehmer die von ihnen eingesetzten Mitarbeiter so bezahlen, wie es notwendig ist“. Er wisse auch nicht, wie viele Subunternehmen überhaupt auf der Baustelle involviert waren. „Diesen exakten Überblick haben wir nachträglich nicht“, schreibt er, „werden dies aber in Zukunft ändern.“ Harald Huth will die Kontrolle zurück.