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Feature

Junge Gründer zurück aufs Land

Die Zukunft gehört dem Land, sagen Forscher. Junge Menschen gründen Start-ups mitten im Nirgendwo und brechen mit dem Klischee von der rückständigen Peripherie.

Von Constanze Kainz & Vincent Suppé

Herrsching – „Was, du willst zurück aufs Land?“ Diese Frage hat Anja Mielimonka vor zehn Jahren ständig gehört. Damals, als sie beschloss, nach dem Modedesign-Studium aus München wegzuziehen. Heute sitzt Mielimonka, die alle nur Milli nennen, in ihrem Atelier in Herrsching am Ammersee. Die Werkstatt hat sie mit ihrem Freund direkt neben das Wohnhaus gebaut. Wenn Milli an ihren Skizzen arbeitet, schaut sie auf einen Ahornbaum, sieht ihre drei Hunde herumtoben und die Enten im Garten.

Die 33-Jährige ist Modedesignerin, fernab der Fashionmetropolen. In Bayern führt sie ihr Unternehmen Milli Monka. Von dort aus haben es ihre Kreationen bis nach New York geschafft. Ein Haarband aus bunten Bändern ist der Bestseller. Sie weiß, was angesagt ist. Bekommt über soziale Medien und Streams der Fashionshows mit, was abgeht, obwohl sie in der Provinz ist. Die Stadt sei ihr zu hektisch, sagt sie, da könne sie nicht arbeiten. Sie brauche das Idyll, den Ammersee und den Bergblick.

„Für viele ist die Großstadt anstrengend“, meint Trendforscher Tristan Horx vom Zukunftsinstitut. Sein Thema ist der Generationenwandel auf dem Land. Seine Erkenntnis: Junge Menschen wünschen sich mehr Platz, einen Garten und Ruhe. All das, was ihnen die hyper-urbanisierte Stadt nicht bieten kann.

Vier von fünf Deutschen bevorzugen ein Leben außerhalb der Großstädte, das ermittelte auch die Bundesstiftung Baukultur. Wer aber auf dem Land leben und arbeiten will, muss sich seinen Job oft selbst schaffen, so die These von Kira Sawicka. Sie betreut junge Menschen bei der Initiative Lokalhelden. Mit Beratungen und Stipendien hilft ihnen das Modellprojekt bei der Unternehmensgründung in ländlichen Gegenden Ostdeutschlands. Eine Gärtnerei oder ein Hotel eröffnen, eine Gänsezucht aufbauen oder eine App entwickeln. „In den allermeisten Fällen sind das Leute, die nach dem Studium in der Stadt zurück in ihre Regionen wollen, oft zurück zu ihren Familien.“ Der Osten mache es ihnen leicht. Dort gibt es noch viel freien Platz und die Mieten sind günstig. Ein weiterer Vorteil: Dorfstrukturen funktionieren über den persönlichen Kontakt, über Vereine, über Gespräche am Zaun und mit der Bürgermeisterin. „Neues spricht sich schneller rum, weil weniger los ist. Die Leute sind hungrig nach neuen Impulsen. Dass wieder jemand kommt und was macht“, sagt Sawicka. „Nicht so wie in Berlin, wo der zwanzigste neue Shop in Kreuzberg gar nicht auffällt.“

Und trotzdem: Die Städte boomen. Der Zuzug mag anhalten, aber: „Jeder Trend hat einen Gegentrend“, sagt Horx. „Unsere Prognosen am Zukunftsinstitut zeigen, dass künftig 75 Prozent der Menschen in Städten leben werden und 25 Prozent auf dem Land.“ Besonders für eine kreative Mittelschicht könnte das Landleben interessant sein, vermutet er. Sie will global vernetzt sein und lokal leben. Weil jeder Trend einen Namen braucht, haben Soziologen dafür einen Begriff erfunden: Glokalisierung. „Durch die Digitalisierung und die weltweite Vernetztheit haben bestimmte Gruppen die Möglichkeit, auch auf dem Land ihre Arbeit zu machen.“ Auch ein Hotel mitten im Nirgendwo muss online präsent sein, wenn Gäste aus der Stadt kommen sollen. Die Dorf-App-Gründerin ist darauf angewiesen, dass das Internet funktioniert. Noch ist das Internet in der Stadt schneller: Rund 92 Prozent der Haushalte surften 2017 mit mehr als 50 Mbit pro Sekunde. In ländlichen Regionen waren es knapp 44 Prozent. „Wenn zunehmend Menschen aus der oberen Mittelschicht auf das Land ziehen, wird mehr Nachfrage entstehen“, glaubt Horx. Für ihn steht ein tiefgreifender Wandel bevor. „Urbane Leute, die in der Stadt sozialisiert wurden, werden das Land zukunftsweisend beeinflussen.“ Sie sind Glokalisten.

Am Ammersee schreibt Anja Mielimonka mit ihren Kundinnen E-Mails, nimmt Bestellungen an und Maße auf. „So ist das am unkompliziertesten.“ Es gibt kein Schaufenster, an dem Laufkundschaft vorbeigeht. Stattdessen digitale Einkaufswagen. Mit ein paar Klicks liegt alles an der Kasse des Onlineshops von Milli Monka. Zahlung per Kreditkarte oder Sofort-Überweisung. Manchmal gibt es Ketteneffekte, erzählt sie. Vielleicht hat ein Blogger ihr Label empfohlen oder es war ein Bild ihres Haarbandes in einem Fashion-Forum. „Plötzlich kamen sieben Bestellungen aus London.“