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Krise der Vorstellung

Beim diesjährigen Bachmannpreis-Wettbewerb kritisierte die Jurorin Insa Wilke eine Haltung, die sie schon in den Vorjahren gestört zu haben schien. „Wir reden immer von Zukunftsvisionen", sagte sie über Texte, die zerstörte Umwelten beschreiben. Dabei seien es Gegenwartstexte. Wilke weigerte sich, eine Geschichte über eine desolate, vermüllte Zukunft in die Ecke der Science-Fiction zu stellen und ihr den Stempel der Genreliteratur aufzudrücken. Denn: Kann etwas, das laut Wissenschaftlern das Fortbestehen der Menschheit bedroht, wirklich nur ein Genre von vielen sein?

Ähnlich argumentiert nun der Dramatiker Thomas Köck bei einer Veranstaltung des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB). Auch er will sich von Science-Fiction, der „fiktivsten" unter den Fiktionen, abgrenzen. Doch wo ist die Klima- und Umweltliteratur besser aufgehoben? Köck ist einer von zehn europäischen Autorinnen und Autoren, die diese Frage beschäftigt. Das LCB hat sie gemeinsam mit der Freien Universität Berlin zu einem digitalen Essay versammelt, das aus Videos von Panel-Diskussionen, Lesungen und anderen Formaten besteht. Durch das ganze Minifestival kann man auf der Website des LCB scrollen und bekommt so eine Einführung in die junge Bewegung. Bruno Arpaia hat 2016 den ersten italienischen Klima-Roman geschrieben. María Bonete Escoto trug 2018 zur ersten spanischen Klima-Anthologie eine Geschichte bei. Und die Polin Julia Fiedorczuk hat sogar die europaweit erste Schule für „Ökopoetik" gegründet, in der neue, bessere Metaphern für die Krise im aristotelischen Sinne „gemacht" werden.

Disqualifiziert: Ein zeitreisender Eisbär

Alles „Cli-Fi" also, eine Abwandlung von Sci-Fi für Klima-Fiktionen. Manche liebäugeln auch mit Margaret Atwoods Begriff der „spekulativen Fiktion". Diese verpflichtet dazu, gegenwärtig vorhandene Elemente oder Entwicklungen aufzugreifen. Als Belohnung darf man sich dann wie Atwood zur Hochkultur zählen. Bruno Arpaia betont deshalb: So wie in seinem Roman „Qualcosa, là fuori" die aus Skandinavien bestehende „Nördliche Union" Klimaflüchtlinge - darunter auch deutsche - aussperrt, mache es die Europäische Union doch bereits heute. „Ich bin nur 25 Jahre in die Zukunft gegangen", verteidigt sich derweil die Schottin Vicki Jarrett gegen den Genre-Vorwurf. Sie muss dann aber gestehen, dass es in ihrem Roman „Always North" einen durch die Zeit reisenden Eisbären gibt, was ihn als „spekulative Fiktion" disqualifiziert.

Andererseits haben die Fantasy von Jarrett oder der Horror von Bonete Escoto auch einen großen Vorteil. Mit surrealen Elementen lässt sich der Realpolitik aus dem Weg gehen. Die „Fridays for Future"- Aktivistin Clara Mayer, die eines der Panels moderiert, liest Literatur sehr wörtlich und gibt der Britin Saci Lloyd ihren Roman „The Carbon Diaries: 2015" zur Überarbeitung zurück: Er stelle die Klima-Gesetzgebung zu negativ dar, das verschrecke nur. In dem Roman sieht sich die britische Regierung gezwungen, Emissionen zu rationieren wie Essen im Krieg. „Ich wollte nur ein paar Witze machen", sagt Lloyd dazu ein wenig knatschig und erklärt: Bei jeder ihrer Lesungen gebe es einen Jungen, der großer Porsche-Fan sei und sie deshalb für die Umweltthemen in ihrer Literatur hasse. Wenn sie ihn zum Lachen bringen könne, habe sie gewonnen. Plot und Figuren dürften der politischen Botschaft nicht geopfert werden, sonst werde es hölzern.

Bestens informiert und doch ratlos

Das sehen die anderen ähnlich. Immer wieder fallen zwei Begriffe, die bei der Frage, ob ihr Thema fiktiv ist, helfen. Zwar ist die Krise mancherorts bereits drastisch erfahrbar, als ein „Hyperobjekt" aber nie in ihrer ganzen zeitlichen und räumlichen Ausdehnung fassbar. Das führe bei den Menschen zu einer „Krise der Vorstellungskraft", und nur gegen diese Krise helfe die Literatur. Sogar eine Motivik hat sich dafür in der europäischen „Cli-Fi" schon etablieren können. Bei Jarrett und Köck findet man etwa einen ewigen Tag, der bei ihr der Polarsommer und bei ihm technisch ausgeleuchtet ist.

Zwei Milliarden Menschen könnte das Klima bis zum Jahr 2100 aus ihrer Heimat vertreiben - nur was soll das heißen? Ständig zitieren die Autorinnen und Autoren IPCC-Berichte aus dem Effeff, stehen aber ratlos vor der Zeitdimension ihres Stoffes. Die Tagebuch- oder Logbuchform, in der mehrere Texte verfasst sind, macht die Unzuverlässigkeit der Jahre noch deutlicher. Zukunftsvisionen und Gegenwartstexte lassen sich bald kaum mehr voneinander unterscheiden.

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