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Wie sicher ist die nächste Flugreise?

Im Februar, also noch bevor Grenzen dichtgemacht und sämtliche Länder weltweit heruntergefahren wurden, zählte der Flughafen in Frankfurt am Main mehr als vier Millionen Fluggäste. Im April, während des Lockdowns, waren es weniger als 200.000. Die einzige Airline, die gerade noch regelmäßig fliegt, ist die Lufthansa.

Das könnte sich bald wieder ändern: Außenminister Maas hat am Sonntag im Bericht aus Berlin in Aussicht gestellt, dass die bisher geltenden Reisewarnungen ab dem 15. Juni ausgesetzt werden und in Reisehinweise abgewandelt werden sollen. Für die Zeit danach hat sich die Lufthansa Group vorgenommen, den Flugverkehr auch für interkontinentale Flüge wieder anzukurbeln: Bis Ende Juni will die Airline rund 1.800 wöchentliche Verbindungen von Frankfurt und München anbieten, zu mehr als 130 Zielen weltweit.

Die Sicherheit am Zielort ist das eine. Aber was ist mit dem Weg dahin? Hunderte Menschen, dicht gedrängt in einer engen Kapsel, Sitzreihen so eng, dass man mit den Knien anstößt - und das womöglich über Stunden. Was planen Airlines, um das Ansteckungsrisiko beim Fliegen gering zu halten?

Gewinn erst ab 75 Prozent Auslastung

"Seit dem 4. Mai ist es für alle Passagiere und Flugbegleiter Pflicht, an Bord und im Flughafen einen Mund- und Nasenschutz zu tragen", sagt Helmut Tolksdorf, Sprecher der Lufthansa. Außerdem werde versucht, alle direkten Berührungspunkte mit Passagieren zu vermeiden. So soll beispielsweise der Boarding-Prozess kontaktlos und in kleinen Gruppen ablaufen. Außerdem sei geplant, den Bordservice zu reduzieren und mit ausreichend Desinfektionsmittel und Handschuhen für mehr Hygiene im Flugzeug zu sorgen. Im Terminal sollen Bodenmarkierungen und Aufsteller darauf hinweisen, beim Warten Abstand zu halten. Außerdem sollen die Flugzeuge am Terminal abgefertigt werden. Dort, wo das nicht möglich ist, sollen mehr Transferbusse eingesetzt werden, um für mehr Abstand zu sorgen.

Am Boden kann Social Distancing also gelingen. Aber wie geht das in der Luft? Eine Möglichkeit, zumindest ein bisschen mehr Platz zu schaffen, wäre, immer einen Sitz zwischen den Passagieren freizulassen. Doch das sei, so der Sprecher der Lufthansa, dank der getroffenen Hygienemaßnahmen nicht nötig.

Ausschlaggebend dürfte eher ein anderes Argument sein: So viele leere Sitze wären schlicht nicht wirtschaftlich. Nach den Berechnungen der International Air Transport Association (IATA) dürften Airlines wie die Lufthansa nur 62 Prozent aller Plätze verkaufen, wenn der Mittelsitz frei gelassen werden müsste. Wirklichen Gewinn machen Fluggesellschaften aber erst ab einer Auslastung von 75 Prozent, zumindest wenn man von den Flugpreisen vor der Pandemie ausgeht. Und da es wahrscheinlich ist, dass die Ticketpreise angesichts der langen Einnahmeausfälle eher sinken werden, müssten die Flugzeuge noch besser gefüllt werden, um überhaupt Gewinne zu verzeichnen. Oder die Preise müssten um mehr als die Hälfte ansteigen, was für viele Reisende ein Grund sein könnte, aufs Fliegen zu verzichten.

"Wir brauchen eine praktikable Lösung für die Zeit, in der wieder mehr Verkehr stattfindet und die Flugzeuge, Bahnen und Busse gut ausgelastet sind", fordert Ivo Rzegotta vom Bundesverband der Deutschen Luftwirtschaft (BDL). Da der vorgeschriebene Mindestabstand im Flugzeug auch durch das Freilassen eines Mittel- oder Nachbarsitzes nicht eingehalten werden könne, will der BDL stattdessen auf eine konsequente Einhaltung der Maskenpflicht setzen.

Wie zirkuliert das Virus durch die Kabinenluft?

"Ein halber Meter Abstand ist besser als nichts", sagt Epidemiologe Timo Ulrichs. Er glaubt, dass ein freier Mittel- oder Nachbarsitz durchaus sinnvoll wäre, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Noch besser wären Plexiglasabtrenner an den Sitzen oder zwischen den Reihen, aber das sei sicherheitstechnisch wohl nicht umsetzbar. Die Überlegung mancher Airline, die Temperatur der Passagiere vor dem Abflug zu messen, hält Ulrichs dagegen für wenig zweckmäßig. Selbst wenn eine Person Fieber habe, müsse das nicht heißen, dass sie sich mit dem Virus infiziert hat. Andersherum habe nicht jeder Corona-Patient erhöhte Temperatur. Gewissheit könne in so einem Fall nur ein Schnelltest bringen - und den gibt es in Deutschland nicht. "Die Airlines sollten sich bei ihren Planungen auf die bisherigen Maßnahmen konzentrieren, die haben sich ja als sehr wirksam erwiesen", sagt Ulrichs. Und das heißt: Abstand halten und auf Hygiene achten.

Je länger Menschen sich einen gemeinsamen Luftraum teilen, desto höher sei auch das Risiko einer Virusverbreitung, sagt Ulrichs. Und daran würde auch die an sich gute Luftzirkulation im Flugzeug nichts ändern. Zwar strömt die Luft im Flugzeug laminar von oben nach unten und könnte so dafür sorgen, dass freigesetzte Tröpfchen direkt auf den Kabinenboden gedrückt werden. Aber wenn viele Menschen für mehrere Stunden gemeinsam dieselbe Luft atmeten, sei eine Ansteckung dennoch möglich, sagt Ulrichs.

Zwar wird die Luft in der Kabine ständig gefiltert und mit frischem Sauerstoff aus der Umgebung versetzt. Das sorgt an sich für gute Luftqualität. Aber die Filter im Flugzeug halten lediglich Bakterien zurück, keine Viren. Damit sei die Luft zwar gut, aber nicht gut genug, um eine mögliche Infektion zu verhindern. Dass sich die Passagiere nicht gegenüber, sondern hintereinander sitzen, reduziere weiter die Wahrscheinlichkeit, sich mit Covid-19 anzustecken, aber dann sollte auch ein ausreichender Abstand zu den Nachbarsitzen eingehalten werden, sagt Ulrichs.

Doch Flugreisen bringt mehr Infektionspotential mit sich als nur beim Fliegen. "Am Flughafen kommen viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern zusammen und verteilen sich dann in der ganzen Welt. Für ein Virus ist es leicht, sich so weiterzuverbreiten", sagt Epidemiologe Ulrichs. Auch die Anreise zum Flughafen mit dem öffentlichen Nahverkehr könne zum Risiko werden, genauso wie das Warten vor dem Flug, die Gepäckaufgabe und die Sicherheitskontrolle der Passagiere. Ebenso das Ein- und besonders das Aussteigen .

"Fliegen erfordert in Zeiten von Corona ein hohes Maß an Disziplin von allen Beteiligten", sagt Ulrichs. Deswegen wäre es in seinen Augen besser, wenn es gleich umfassende Regelungen gäbe, die vom RKI geprüft würden und an die sich dann alle halten müssten. "Wir bräuchten einen Maßnahmenkatalog, ähnlich dem, der jetzt in der Bundesliga beschlossen wurde", sagt Ulrichs. Und am besten mit internationaler Gültigkeit. Denn klar ist, dass auch das beste Regelwerk in Deutschland sinnlos ist, wenn es im Urlaubsland nicht ähnlich strikte Maßnahmen gibt. Aber allein so einen Plan auf Bundesebene auszuarbeiten, ist zeitaufwändig.

Laut Ivo Rzegotta vom BDL haben sich die Verkehrsverbände und -betreiber schon vor gut zwei Wochen mit dem Verkehrsministerium auf gemeinsame Empfehlungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs verständigt. Man sei dazu im Austausch mit allen relevanten Akteuren, heißt es im Verkehrsministerium. Wie aber das Infektionsrisiko im Flugzeug gering gehalten werden sollte, dazu machte das Ministerium auf Anfrage von ZEIT ONLINE keine Angabe.

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