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Wandern ist nicht verboten - aber auch nicht erlaubt

Vom Bahnhof in Tegernsee sind es nur knapp eineinhalb Stunden Aufstieg. Ein schmaler Wanderweg führt erst durchs Dorf, am See entlang, dann durch den Wald. Von oben hat man freie Sicht auf das Bergpanorama des Karwendelgebirges und den See im Tal.

Hier, auf 1.264 Metern Höhe, betreibt Barbara Nirschl den Berggasthof Neureuther. An normalen Tagen serviert sie Spinatknödel und Weißbier für die zahllosen Wanderer und Touristen, die ihre Freizeit in den Münchner Hausbergen verbringen wollen. Heute bleibt die Terrasse vor der Hütte leer, trotz Traumwetter und Osterferien. Nirschl hat ihren Gasthof, wie alle anderen Restaurants in auch, zum 20. März schließen müssen.

"Am Tag vor den Beschränkungen war hier noch die Hölle los", sagt die Wirtin. Mit Absperrbändern, Einlassbeschränkungen und begrenzter Bestuhlung habe sie versucht, den Mindestabstand von 1,5 Metern zum Schutz der Mitarbeitenden und Gäste zu wahren. Jetzt sei auch das vorbei. Für die wenigen Wanderer, die zurzeit noch unterwegs sind, lohne sich auch kein Straßenverkauf, sagt Nirschl. "Für unser Geschäft sind die Corona-Beschränkungen eine echte Katastrophe."

Wandern ist kein "triftiger Grund"

Nach draußen darf man in Bayern nur noch allein, mit seinem Partner oder seiner Partnerin oder mit den Menschen, mit denen man in einem Haushalt zusammenwohnt. Sport machen und Spazieren gehen ist erlaubt, in der Sonne sitzen und ein Buch lesen nach einigem Hin und Her auch wieder. Wer wandern gehen und in der Natur ein bisschen Abstand gewinnen will, sollte sich so eigentlich im Rahmen des Erlaubten befinden. Doch ganz so einfach ist es nicht.

"Man sollte nur rausgehen, wenn man einen triftigen Grund hat", sagt Martin Scholtysik, Sprecher des Bayerischen Innenministeriums. Also beispielsweise Einkaufen oder Arztbesuche. "Wandern oder zu den Seen im Münchner Umland zu fahren, gehört da eindeutig nicht dazu." Auch auf der Website des Innenministeriums wird ausdrücklich davon abgeraten, am Wochenende Ausflüge in die Berge zu unternehmen.

An den beliebten Ausflugszielen seien sonst einfach zu viele Menschen auf einem Haufen, sagt Scholtysik. Da könne niemand mehr darauf achten, den Mindestabstand einzuhalten. Das schöne Wetter könne man auch vor der Haustüre oder an der Isar genießen, sagt er. Den Wunsch nach mehr Natur verstehe er zwar, aber er wolle an alle appellieren, die Zeit der Ausgangsbeschränkungen jetzt noch auszusitzen. "Die Berge sind auch nach Corona noch da."

Bergwacht befürchtet Ansteckungen

Auch Roland Ampenberger von der Bergwacht Bad Tölz ist "für jeden dankbar, der jetzt zu Hause bleibt". Klar, Wandern gehen sei nicht verboten, aber jeder und jede, die jetzt am Berg sind, können sich auch verletzen. Und Einsätze wegen eines gebrochenen Beines wolle man in jedem Fall vermeiden. "Bergsteigen ist gerade nicht die richtige Entscheidung", sagt Ampenberger. Nicht nur wegen des Mindestabstandes, den man auf engen Bergwegen nicht einhalten könne - besonders nicht, wenn noch Schnee liege - sondern auch, weil man die Rettungskräfte und das Gesundheitssystem belaste.

Laut des Deutschen Alpenvereins (DAV) sind pro Wochenende mehr als 40 Einsätze in den Bayerischen Alpen keine Seltenheit für die Bergwacht. Der Aufwand pro Rettung potenziere sich durch die Infektionsschutzmaßnahmen extrem. Ein einzelner Verletzter, so heißt es auf der Website des DAV, könne ein ganzes Rettungsteam infizieren und in Quarantäne zwingen.

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