Vanessa Köneke

Journalistin & Autorin, Würzburg

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Und, mal ehrlich - wie viel verdienen Sie?

In Amerika gehören Beträge auf dem Lohnzettel in Amerika zum gelungenen Small Talk. In Deutschland sind Gehaltsfragen für viele tabu. WELT ONLINE erklärt, wie Sie Ihr Gehalt dennoch vergleichen können – und in welcher Stadt am meisten verdient wird.


Ein Wunder ist das nicht: Der Gedanke, Geld sei etwas Schlechtes, hat sich über Jahrhunderte in das kollektive Unterbewusstsein der Deutschen eingebrannt. Prominente Vordenker wie der Kirchengründer Martin Luther oder der Psychologe Sigmund Freud sind daran nicht ganz unschuldig.


Deswegen erscheint es logisch, dass Italiener, Franzosen, Norweger und Niederländer durch die Bank offener als Deutsche sind - zumindest was ihr Geld angeht. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Jobbörse StepStone in acht europäischen Ländern. Erst recht nehmen die Amerikaner kein Blatt vor den Mund, wenn es ums Portemonnaie geht: Beim Barbecue posaunen sie heraus, was sie ihrem Chef wert sind. Und der Chinese fragt schon nach rund fünf Minuten Small Talk nach dem Eingemachten.


Ganz anders der Deutsche. Er redet mittlerweile zwar gerne über fast alles, ob Schwarzfahren, Swingerclubs oder Steuervermeidung. Aber nicht über seine finanziellen Verhältnisse. Und so weiß kaum ein Deutscher, wie der Kontoauszug des Freundes aussieht oder wie viel Steuern der Nachbar zahlt. Kein Wunder, dass für 43 Prozent der Deutschen das Thema Gehalt unter Kollegen absolut tabu ist.


Zu diesem Sachverhalt hätten Sozialdemokraten und Gewerkschafter ihr Scherflein beigetragen, sagt Professor Dieter Frey von der Uni München. "Extreme Abweichungen vom Durchschnitt werden hierzulande als suspekt erachtet." Wer viel verdiene, wolle nicht als Prahlhans dastehen und keinen Neid aufkommen lassen. Wer wenig verdiene, schäme sich und wolle kein Mitleid erregen, sagt der Sozialpsychologe.


Selbst bei anonymen Umfragen schweigen 40 Prozent zum Gehalt

Das Unbehagen sitzt so tief, dass selbst bei anonymen Umfragen 30 bis 40 Prozent ihr Gehalt nicht preisgeben - so die Statistik des Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA). Nur die Schweizer veranstalten eine noch größere Geheimniskrämerei um das Geld. "Wer da seinen Kopf zu hoch rausstreckt", so Frey, "dem wird der sofort 'abgehackt'."


Während sich der Deutsche oder Schweizer in seiner Schicht gefangen sehe, hoffe der Amerikaner, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. Karriere und das damit verbundene Geld gälten als Beweis dafür, dass jemand fleißig, klug und engagiert war. Wer hingegen wenig verdiene, gebe sich selbst die Schuld und sei nicht neidisch, denn in den USA sei "jeder seines eigenen Glückes Schmied".


Und wer weiß, vielleicht liegt es auch an der Bibeltreue der Amerikaner, dass sie anderen weder Geld noch Erfolg neiden. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg heißt es schließlich: nicht murren, wenn andere mehr bekommen als man selber, sondern auch mal gönnen können. Die Botschaft ist in den USA auf fruchtbaren Boden gefallen: Im sonst so prüden Amerika ist es üblich, selbst Unbekannten gegenüber Details des Lohnbescheids auszuplaudern. Und die Steuererklärung von George W. Bush steht sogar im Internet.

Immerhin können sich die Deutschen auf historische Vorbilder und prominente Vordenker berufen, wenn es ihnen beim Thema Geld die Sprache verschlägt. Martin Luther nannte Geld teuflisch, Sigmund Freud setzte es gar mit Kot gleich. Das war so originell auch wieder nicht, denn schon im altbabylonischen Reich galt Gold als Kot der Hölle, und die Azteken bezeichneten es als "Götterdreck".


In Thomas Morus' Werk "Utopia" (1516) benutzen Menschen Goldgefäße als Nachtgeschirr. Und Franz von Assisi, immerhin ein Heiliger, soll gesagt haben: "Den klugen Rat gab Gott den Seinen, Scheißdreck und Geld mit ein und demselben Gewicht der Wertschätzung zu wiegen." Noch heute sind Redewendungen und Metaphern wie "ein Haufen Geld", "Dukatenscheißer", "Goldesel", "hartes und weiches Geld" oder "flüssig sein" Ergebnis wenig appetitlicher Assoziationen. Kein Wunder also, dass den Deutschen ganz anders wird, wenn sie über das liebe Geld sprechen sollen. Ganz zu schweigen davon, dass der Teufel "immer auf den größten Haufen" macht. Auch Synonyme wie "Mäuse", "Kohle" und "Kröten" kommen nicht aus der Saubermannecke.


Ganz anders auch hier die Amerikaner: Ein Haufen Geld heißt dort "good money". Und statt "Zaster" und "Kröten" benutzen sie das appetitliche Synonym "bread". "Im Amerikanischen gibt es tatsächlich weniger negative Begriffe für Geld", bestätigt Frank Kelleter vom Institut für Nordamerikastudien. In den USA sei es ziemlich gleichgültig, ob jemand für sein Geld angestrengt gearbeitet hat. Im Gegenteil: Amerikaner seien bestrebt, Geld nicht hart zu verdienen, sondern es zu machen. "To make money" bezeichnete ursprünglich zwar "Falschgeld herstellen", aber: egal!


"Der ,money maker' ist jemand, der heute diesem, morgen jenem Geschäft nachgeht. Hauptsache, es bringt Geld", sagt der Kulturwissenschaftler. Wie anders sind da doch die deutschen Idealisten, die auf Werte wie Geist und Kultur setzen. Was immer das für den Einzelnen bedeuten mag: Offensichtlich ist es das Gegenteil von Papierscheinen und Kreditkarten aus Plastik. Dreckiges Geld sollen andere behalten, und an bestimmten Scheinen wollen sich die Deutschen die Finger nicht schmutzig machen - zumindest nicht, bevor sie gewaschen wurden. Und darüber reden wollen sie erst recht nicht.

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