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Abheben beim Aperitivo | Forum - Das Wochenmagazin

Alles denkmalgeschützt: Das "Orville's" erweckte das ehemalige Offizierscasino der US-Airforce als Café und Aperitivo-Bar im Flughafen Tempelhof zu neuem Leben.

Bordkarte checken, Häppchen und Drinks bestellen, durchstarten: Emanuele Benincasa führt mit dem „Orville's" im Flughafen Tempelhof sicher eines der außer­gewöhn­lichsten Cafés mit italienischer Abendambition in Berlin.

Im Wettbewerb der Gastronomien an ungewöhnlichen Orten in Berlin dürfte das „Orville's" einen vorderen Rang belegen. Linkerhand im halb rund vorspringenden Gebäude vom Flughafen Tempelhof hat es seinen Platz gefunden. Genauer gesagt, im vormaligen Offiziers­casino „Columbia House" der US Air Force, das sich seit den 50er-Jahren bis zum Truppenabzug 1994 dort befand. Mit den Holzeinbauten und dem frei stehenden Tresen-Geviert wirkt es auf den ersten Blick eher wie eine Pinte namens „Bei Uschi" als eine Bar und Flieger-Treff. Jetzt führt es ein neues Leben als urbanes Café mit Abendambition.


Verräuchert à la Eckkneipe ist in dem großzügig bemessenen Gastraum allerdings gar nichts, und dunkel sind neben Theke und Wandtäfelungen nur Tische und Stühle. Denn vieles steht unter Denkmalschutz. Der wird ernst genommen. Ein Schild des Eigners, der Tempelhof Projekt GmbH, weist darauf hin, dass selbst die Aufkleber am Tresen „weder beschädigt, entfernt noch durch neue ergänzt werden dürfen!"


Nun führt „Orville's"-Betreiber Emanuele Benincasa bei aller Skurrilität und historischen Aufladung des Ortes kein Museumscafé, sondern ein Lokal, das einerseits mit Lunch, Kuchen und kleinen Gerichten das Tagesgeschäft bedient, andererseits Benincasas italienischen Wurzeln entsprechend Aperitivo an zwei Abenden in der Woche bietet. Selbst dafür ist der Rahmen drinnen wie draußen speziell. Unter den wuchtigen Arkaden am Eingang sitzen wir an Lounge- und Bistrotischen mit Blick auf die Vorfahrt zum Flughafen und auf das Polizeipräsidium. Wenn zu Parmigiana und Negroni ein Tumbleweed über die Markierungen der ungenutzten Parkplätze wehte, wären wir keineswegs erstaunt. Die begleitende Freundin mit Faible für die 50er-Jahre tänzelt auf die leere Fläche und möchte Fotos „vor dieser Filmkulisse" haben.


So viel Leere ist ebenfalls diesem Donnerstagabend im Juni 2020 geschuldet. Und Corona. Das benachbarte neue Kreativzentrum ist noch eher unbelebt, von Events im Hauptgebäude keine Spur. Dabei war das „Orville's", das am Platz der Luftbrücke nicht unbedingt auf Laufkundschaft und Zufallsentdeckung warten darf, erst Anfang Januar erfolgreich gestartet. „Nach einer Woche war schon Fashion Week. Das hat sofort funktioniert", sagt Emanuele Benincasa. Events und Konferenzen hatten Caterings geordert, die ersten „freilaufenden" Gäste kamen. Co-Worker und Polizeimitarbeiter lunchten, das „Orville's" sprach sich als neuer, interessanter Anlaufpunkt herum.


„Take-away hätte nicht funktioniert"

Mit einem fliegereibegeisterten Freund kehrte ich Anfang Februar erstmals ein. Wir verbrachten unseren Kaffee-und Kuchen-Plausch nicht nur mit dem Austausch privater Neuigkeiten, sondern ebenso mit unserer Begeisterung über diesen speziellen Ort. Apfelstreuselkuchen und Carrot Cake waren ebenso eine Freude wie die Quiche Lorraine als herzhafter Starter. Dazu die eine oder andere Tasse Qualitätskaffee von der Rösterei Andraschko; so ließ sich ein usseliger Nachmittag prima herumbringen. Die auf den Wandspiegel im Vorraum der Damentoilette geklebte historische Aufforderung „Check your Appearance" bedeutete: Streusel-Krümel vom Kleid klopfen, Lippen nachziehen und unbekümmert weiterschwatzen. An Masken, Abstandsregeln und verschärfte Handhygiene war noch nicht zu denken.


Der ungewöhnliche historische Standort ist neben Corona eine Herausforderung

Das änderte sich Anfang März, auch für den Betreiber. Catering-Buchungen wurden storniert, und auch aus der neapolitanischen Heimat von Emanuele Benincasa waren schlechte Nachrichten zu vernehmen. Das „Orville's" schloss bereits Anfang März seine Pforten. „Ein Take-Away-Konzept hätte in der Gegend nicht funktioniert", war Benincasa klar. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler, der sein Food-Wissen bei der mobilen Kaffee- und Cocktail-Bar „Moloko Berlin" sowie bei „Goldhahn & Sampson" erwarb, hatte auch nach der Lockerung der Regeln seine Bedenken. „Ich habe lange überlegt, ob wir wieder aufmachen." Dass die Situation nach wie vor für ein so neues Lokal nicht einfach ist, ist ihm bewusst. „Aber wenn ich verliere, dann will ich auf meine Art verlieren. Nicht wegen Corona."


Also sind Emanuele Benincasa und sein Mitarbeiter Francesco Mocerino vor Kurzem wieder angetreten, um mit dem „Orville's" dem Virus und der Unbekanntheit den Kampf anzusagen. „Ich mag es, ein Underdog zu sein." Die Freunde vom „Goldhahn & Sampson" übernahmen die Weinauswahl für die Karte. Sie bleibt etwa mit einem Sylvaner von Huff und einem Meier Grauburgunder von Löss aus der Pfalz bei den Weißen auf der deutschen und einem Feline Primitivo I Monilli Puglia DOC bei den Roten auf der italienischen Seite. „Das macht der Sommelier besser", sagt Benincasa. „Ich bin eigentlich der mit dem Kaffee."


Und der mit dem italienischen Essen: Rosmarin-Focaccia mit Belägen wie Parmaschinken, Scamorza und Kochschinken oder der Spargel-Rucola-Salat verdienen Beachtung. Die Aperitivo-Teller machen mit confierten Tomaten, Pistazien-Käse, Zucchini, Schafs- und Ziegenkäse zum Wein oder Spritz, zu Brło-Bier oder Gin Tonic Spaß. Wir werfen unser Auge auf die süditalienischen Klassiker: Eine Parmigiana di melanzane und eine Burrata mit Cherrytomaten-Basilikum-Salat. Ein Rosmarin-Knoblauch-Brot verströmt animierende Düfte und ist schön mit Olivenöl beträufelt.


„Wir werden noch mehr in Richtung Fusion gehen"


„Wollt ihr den Teller noch dabehalten?", fragt Emanuele Benincasa. Wir haben den Auberginen-Auflauf und die Tomaten längst aufgegessen, wollen aber die aromatische Mixtur aus Öl und Kräutern unbedingt auftunken. Die Burrata und der Mozzarella Fior di Latte stammen direkt aus Neapel - da kommt für den gebürtigen Neapolitaner nichts anderes infrage. Vom „Käseschlirps" der Parmigiana bleibt kein Klecks übrig: Es handelt sich um ein „Parmesan-Fondue", wie Benincasa verrät. Geraspelter Käse, cremig eingekocht, fertig ist das Topping. Molto yummy!


Dass sich das Angebot auf bestimmte Gerichte beschränken muss, ist den Produktionsbedingungen in der „Küche" geschuldet. Die besteht aus Herd, Kühlung und Arbeitsfläche im hinteren Teil des Tresens. Dort darf nicht frittiert und gebraten werden. „Wir werden noch mehr in die Fusion-Richtung gehen", sagt Benincasa. „Aber das Italienische wird immer die Basis sein. Das können wir am besten." Das klappt für die Gäste auch preislich unkompliziert: Mittlere Teller wie die Burrata oder Parmigiana kosten 7,90 Euro, Oliven zum Knabbern gibt's für 2,90 Euro. Die Quiches mit Grillgemüse oder Lorraine kosten 4,50 oder 4,90 Euro. Da bleibt Spielraum für den einen oder anderen Aperitivo mehr, der sich für 5,50 bis 7 Euro zwanglos wegtrinkt.


Inzwischen ist der donnerstägliche Aperitivo-Abend „Luftikus" getauft und von ausgesuchter Musik umspielt. Befreundete DJs wie The Kids Pool oder Karl-Ludwig Erlenmaier legen vor Ort auf. „Wir wollen auch eine Plattform für Künstler sein." Das locker-flockige Schnabulieren, Plaudern und Freunde-Treffen „alla italiana" läuft zwar musikalisch, aber unter den Augen der Polizeipräsidentin auch sehr gesittet ab: „Es wird nicht getanzt!"


Und der Samstag? „Der Donnerstag ist der neue Samstag", beobachtete Benincasa. Der Sonnabend habe sich mehr „für ganz junge Leute" und Touristen zum Ausgehen durchgesetzt, sagt der selbst erst 35-Jährige. Das stimmt mit meinem beruflichen Ausgeh- und Essensrhythmus überein, sodass die Chancen auf ein abendliches Wiedersehen im „Orville's" ausgesprochen gut sind. Es liegt ein bisschen abseits der bekannten Pfade und ist eine echte Entdeckung an einem einzigartigen Ort. Und die Zeiten stehen gut für Hartnäckigkeit und hoffentlich ebenso für Underdogs, die aus dem Off wieder loslegen.


Hauptsache, Benincasa orientiert sich nicht zu sehr an Namenspatron Orville Wright. Der „Autodidakt aus Ohio" hob an der Atlantikküste von North Carolina mit seinem „Wright Flyer", „dem ersten motorisierten Luftfahrzeug der Welt, das tatsächlich flog", am 17. Dezember 1903 ab, wie Autor Adrian Pickshaus im „Lufthansa Magazin" online verrät: „Orville hielt sich nur zwölf Sekunden in der Luft, er flog dabei 16 Stundenkilometer schnell, nach 37 Metern war schon Schluss. Bruchlandung. Aber das genügte, um Geschichte zu schreiben." Wir wünschen Emanuele Benincasa und dem „Orville's" lieber einen guten Durchstart im zweiten Anlauf und einen ruckelfreien Langstrecken-Flug für die nächsten Jahre.

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