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Sitzt, passt, wackelt und hat Luft I Forum - Das Wochenmagazin




Passformprobleme, gerade bei Plussize, gehören vielleicht schon bald standardmäßig der Vergangenheit an. Software-Lösungen sind längst in der Mode angekommen und sorgen mit dem sogenannten Bodyscanning für perfekt sitzende Kleidungsstücke.

Weshalb sind die Schultern beim Jackett viel zu breit geschnitten? Rutscht der Rocksaum hinten hoch, hängt vorn jedoch herunter? Spannt die Bluse überm Busen? Über die Arme rutschende Schulterpartien, ein schief sitzender und „falsch“ aussehender Rock im Profil, aufspringende Knopfreihen, Presswurst- Optik oder eine hängende Rückenpartie beim Oberteil sind keine schönen Ansichten, geschweige denn Wohlfühlfaktoren, aber vielen Frauen mit größeren Kleidergrößen durchaus vertraut. „Das sind Passformprobleme, die sich aus einer falschen Schnittführung ergeben“, sagt Lena Nussmann, Expertin für Sizing & Fitting bei der Human Solutions Group, einem Unternehmen, das Software- Lösungen im Bekleidungsbereich anbietet. „Wir haben in Reihenuntersuchungen herausgefunden, dass sich die Körperproportionen ab Kleidergröße 48 verändern. Wenn die Schnitttechnik darauf Rücksicht nimmt, passieren solche Fehler nicht.“

Deutliche Worte in Richtung Bekleidungsindustrie, mit der das Unternehmen aus Kaiserslautern zusammenarbeitet und für die es per Bodyscanning, Reihenuntersuchungen und Daten-Auswertungen Lösungen für bessere, an die Körperformen angepasste Kleidungsstücke entwickelt. Dazu nutzt das Sizing- &-Fitting-Team des Unternehmens die Daten einer Studie aus dem Jahr 2009, die den sperrigen Namen „Grundsatzuntersuchung zur Konstruktion passformgerechter Bekleidung für Frauen mit starken Figuren“ trägt. Die TU Dresden und das Textilforschungszentrum des Hohenstein Institute hatten diese Untersuchung zu Größen und Passformen für „stärkere Frauen“ durchgeführt. 3.031 Frauen zwischen 17 und 75 Jahren mit Brustumfängen ab 98 Zentimeter wurden in berührungslosen 3D-Scans vermessen, von jeder Frau 50 Körpermaße erfasst. Lena Nussmann präsentierte die Ergebnisse auf der Modemesse „Curvy“ in einem Vortrag und an Kleiderpuppen in Größe 50 und 54.

Kleidung an den Körper angepasst

Diese Hightech-Büsten veranschaulichen, was sich an Brust, Rücken und Taille im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte verändert hat. Ab einem Brustumfang von 110 Zentimetern, also ab Größe 48, wächst die Brustbreite im Verhältnis zur Rückenbreite stärker. „Diese Weitenverteilung muss berücksichtigt werden, sonst spannt die Kleidung vorn“, erläutert Lena Nussmann. Frauen nehmen nicht gleichmäßig zu, sondern etwas weniger am Rücken, aber mehr an der Brust. Ähnlich verhält es sich bei den Schulterbreiten: Die aktuellen Körpermessungen zeigen einen Trend zu schmaleren Schultern bei größeren Größen. „Häufig wird die Schulterbreite in Größentabellen proportional zu den Umfangsmaßen gesteigert“, sagt die Fachfrau. Schon sind die zu breiten Schultern am Kleidungsstück da und hängen dort, wo es nicht nötig wäre. Der Schlüssel zum gut sitzenden Rock ist es, die „wirkliche“ Taille zu berücksichtigen. Die liegt nicht horizontal und nahe der Brust, sondern tiefer und schräg, vor allem, wenn der Bauchumfang zunimmt. Stimmt diese sogenannte Balance, können die Schnitte an der Taille schräg geführt werden und der Rock hat einen geraden Saum.

Den Erkenntnissen der Untersuchung steht allerdings manches Mal das „gefühlte Wissen“ der Bekleidungsindustrie entgegen. Die Branche habe über Jahrzehnte hinweg ihre eigenen Maße kreiert, nicht zuletzt, weil es solche präzisen Studien mit objektiven Ergebnissen so nicht gab, erklärt Alexandra Seidl, Marketingleiterin der Human Solutions Group. Über einen repräsentativen Bevölkerungsschnitt hinweg und mit berührungsloser Technik sei größtmögliche Objektivität gewährleistet. „Die 3D-Visualisierung von Kleidungsstücken ist erst seit vier, fünf Jahren in Gebrauch.“ Eine präzise Segmentierung der Datensätze ermöglicht Unternehmen, für entsprechende Kundinnengruppen passende Schnitte und vor allem schneller Prototypen von Kleidungsstücken zu entwickeln. Auch das „Fitting“, die Anprobe, kann an einem virtuellen Modell vorgenommen werden. Die Daten sind für die Unternehmen über das Portal „iSize“ direkt und individuell aufbereitet abrufbar.

Wer schneller passende und gut sitzende Kleidung, gerade auch im Großgrößenbereich, anbieten kann, hat die Nase vorn. Das bringt mehr Umsatz in einem wachsenden Markt, wie sich anhand der Größenveränderungen in der Gesamtbevölkerung seit 1994 gezeigt hat. Die bevölkerungsübergreifende Reihenuntersuchung „Size Germany“ von 2008 ergab: Frauen in Deutschland sind seit 1994 im Schnitt einen Zentimeter größer geworden. Sie haben beim Brustumfang 2,3 Zentimeter, an der Taille 4,1 Zentimeter und an den Hüften 1,8 Zentimeter zugelegt. Diese „Zuwächse“ ziehen sich durch alle Größen. Sie entsprechen den Messungen bei den Männern; auch dort wurde eine entsprechende Großgrößen- Untersuchung bereits abgeschlossen.

Der Bodyscanner ist vollkommen neutral

Die Körpermaße verlagern sich in der gesamten Bevölkerung kontinuierlich in Richtung größere Größen. Bereits nach der allgemeinen „Size Germany“-Messung wurden neue Standardmaßtabellen festgelegt, die die neuen Maße berücksichtigen. Dieser objektiven Richtschnur für die Bekleidungsindustrie steht jedoch vor allem im Großgrößenbereich ein psychologisch-verkaufstaktisches Geschummel entgegen: Bekleidungshersteller arbeiten gern mit „extremen Schmeichelgrößen“, sagt Lena Nussmann. Das mag fürs kurzfristige Wohlgefühl beim Einkauf wirksam sein: „Ich bin ja eine 48!“ Zu besser sitzender Kleidung führt das keineswegs: „Oh, ich brauche eigentlich doch eine 52.“ Wer kennt nicht die Irritation, dass Hosen, Röcke, Shirts bei der einen Marke in derselben Größe eher eng, bei der anderen eher weit sitzen? Die „Schmeichelgröße“ tritt gegen Objektivität und Normierung an und umgekehrt.

„Der Bodyscanner ist vollkommen neutral“, erklärt Alexandra Seidl. Auf der „Curvy“ konnten das die Messebesucherinnen selbst erleben. In einer großen Kabine wird der Körper innerhalb weniger Sekunden von mehreren Messpunkten gescannt. Der „virtuelle Zwilling“ ist sofort auf dem Rechner sichtbar. Auf der Messe blieben alle Frauen in ihrer Kleidung, bei den „echten“ Untersuchungen durften sie nur Unterwäsche tragen, denn Kleidung würde die Ergebnisse verfälschen. Die Haare wurden unter einer Haube verborgen. Durch die berührungslose Vermessung werden „Wackler“ durch das Verrutschen von Maßbändern wie beim Messen von Hand vermieden.

Interessant für die Unternehmen ist zudem die Verbindung der Messergebnisse mit soziodemografischen Daten. Wer weiß, in welchen Altersgruppen, Regionen oder Ländern welche Phänomene häufiger auftreten, kann seine Konfektion angepasst fertigen. So ergibt beispielsweise der Ländervergleich Deutschland-Italien: Die Italienerinnen sind – nicht unerwartet – kleiner als deutsche Frauen und deutlich schmalhüftiger. Die Niederländerinnen dagegen, die ähnlich hochgewachsen wie die deutschen Frauen sind, haben jedoch ebenfalls schmalere Hüften. Ein Produzent tut also gut daran, seine Modelle für den deutschen, italienischen oder niederländischen Markt entsprechend auszuliefern. Die Kundin freut sich, ihre neuen Stücke nicht gleich zum Schneider tragen zu müssen. Faktoren, die auch beim Entwurf beispielsweise von Dessous oder Sportkleidung hilfreich sind – Skijacken oder Funktionshosen zum Wandern sind nicht ohne Weiteres im Nachhinein veränderbar, Lingerie erst recht nicht.

Die Arbeit mit individuell an Körpermaße anpassbare Formen entwickelte sich bei der Human Solutions GmbH aus der Arbeit für die Automobilbranche. Fahrzeug-Hersteller benötigen Daten und Prognosen über Formen und Wachstum der Bevölkerung für die Modellentwicklung und Innenraumgestaltung. Das Unternehmen liefert die Menschenmodelle dazu. Die Nutzbarkeit für andere Branchen wie Fashion, Interior oder Medizintechnik ergab sich daraus. „Präzise Maße sind etwa für die Hersteller von Prothesen wichtig“, erklärt Alexandra Seidl. Was in der Mode bei der Gestaltung passender Kleidung und zur Markterschließung nützt, ist bei der medizinischen Versorgung oder der Verkehrssicherheit erst recht nicht überflüssig.