Dr. Ulrike Gebhardt

Freie Wissenschaftsjournalistin, RiffReporterin, Hildesheim

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Artikel

Psychisches und körperliches Schikanieren: Mobbing und wie es uns krank macht

3. Welche unmittelbaren Folgen hat Mobbing?

Kurz nachdem die Schulferien zu Ende sind, berichtet der Achtjährige zu Hause, dass er kaum mehr lesen könne, was die Lehrer auf die Tafel schrieben. Die Eltern gehen mit ihrem Sprössling, der wegen einer leichten Kurzsichtigkeit ohnehin eine Brille trägt, zum Augenarzt. Eine Reihe von Untersuchungen ergibt, dass mit den Augen organisch so weit alles in Ordnung ist; die zu Rate gezogenen Ärzte von der Augenklinik äußern den Verdacht, der plötzliche Sehverlust habe psychische Ursachen. Ob der Junge denn Stress erlebt habe in der letzten Zeit?

Nach intensivem Befragen offenbart sich der Grundschüler seinen Eltern. Seit Wochen wird er in der Schule gemobbt, die verbalen und körperlichen Attacken der Mitschüler sind in letzter Zeit immer stärker geworden. Die Eltern reagieren vorbildlich. Sie unterstützen und beruhigen ihren Sohn, das Thema wird in der Schule angesprochen und bearbeitet, bereits nach zwei Wochen verbessert sich die Sehkraft des Jungen und ist bei erneuter Vorstellung in der Augenklinik vollkommen normal.

"Die Folgen des Mobbings, das zeigen auch Studien, können sehr gut abgefedert werden, wenn Personen im Umfeld des Gemobbten einfühlsam und unterstützend auf das Kind, auf den Jugendlichen eingehen; das können die Eltern, aber auch ein Freund, eine Freundin sein", sagt Markus Hess. Eltern sollten sich aufrichtig für ihre Kinder interessieren. Dazu gehört, hellhörig zu werden, wenn sich psychosomatische Symptome zeigen; wenn Bauch, Kopf oder Rücken immer wieder schmerzen, das Kind schlecht schlafen kann, Probleme mit der Haut bekommt, über Schwindel klagt oder einnässt.

"Mobbing, also Ausgrenzung aus einer Gruppe, ist ein starker Stressfaktor für uns Menschen"(Eva Rothermund)

Die Situation erfordere Fingerspitzengefühl auf Seiten der Eltern, sagt Hess. "Das Kind ernst nehmen, aber auch nicht überbehüten; einschreiten - man darf das Kind nicht alleinlassen mit dem Problem -, aber auch nicht überreagieren, was sich ebenfalls negativ auswirken kann", so der Entwicklungspsychologe.

Die unmittelbaren Folgen für erwachsene Mobbing-Opfer unterscheiden sich kaum von denjenigen, unter denen Kinder leiden. "Mobbing, also Ausgrenzung aus einer Gruppe, ist ein starker Stressfaktor für uns Menschen", sagt Rothermund. Wenn der seelische Stress des Ausgegrenztseins auf dem Körper lastet, schmerzen mitunter Bauch und Kopf, der Blutdruck steigt, die Muskeln verspannen sich.

Die Ulmer Psychotherapeutin kennt die direkten Folgen des Mobbings aus ihrer Psychosomatischen Sprechstunde, die sie und ihre Kollegen im Rahmen von Kooperationen in Betrieben anbieten. "Für den Einzelnen kann eine solche Sprechstunde die Chance bieten, eine Abwärtsspirale aus unangenehmen Erfahrungen, erhöhter Wachsamkeit und feindseligem Verhalten zu stoppen", erklärt die Therapeutin. Wo rechtzeitig eingegriffen wird, können Folgen für Körper und Seele auch auf lange Sicht verringert werden.

4. Welche Langzeitfolgen hat Mobbing?

"Mobbing hört selten einfach nur auf. Die Opfer tragen, gerade nach längerem Mobbing, die Ängste und Verletzungen mit sich fort. (...) Der Schaden, der ihrem Selbstwertgefühl zugefügt worden ist, bleibt", schreibt Wolfgang Kindler in seinem Buch "Schluss mit Mobbing". Wo sich kurzfristig Schulunlust, Kopfschmerzen oder ein Leistungsabfall einstellten, könnten auf lange Sicht ein geringes Selbstwertgefühl und depressive Verstimmungen folgen, sagt Markus Hess.

Bei den Tätern prägt sich das Mobben ebenfalls tief ein. "Häufig fallen Mobbing-Täter auch mit anderem aggressivem Verhalten auf. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass das Mobbing bestimmte Beziehungsmuster auf Seiten des Täters anregt, zum Beispiel Schwierigkeiten, eine langfristige Beziehungen einzugehen, oder dass es das Risiko erhöht, eine Suchterkrankung zu bekommen", erklärt Hess.

Eine Metaanalyse verschiedener Studien zu kurz- beziehungsweise langfristigen Folgen mit insgesamt mehr als 115 000 Männern und Frauen zeigt ein gehäuftes Auftreten von Mobbing mit Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Beschwerden. Die psychische Gesundheit leidet, das zeigt auch eine Untersuchung aus Deutschland mit 2625 Personen, die ihren Arzt wegen Mobbings aufgesucht hatten. Im Vergleich zu Kontrollpersonen, die nicht unter Mobbing litten, kam es in der Gruppe der Betroffenen deutlich häufiger zum Auftreten von Depressionen, Angst- und Schlafstörungen. Die Folgen von Mobbing seien enorm und förderten das Auftreten sozialer Phobien, Depressionen, Suizidalität, Posttraumatischer Belastungsstörungen und Suchterkrankungen, schreiben die Studienautoren.

"Sowohl Täter als auch Opfer von Mobbing laufen Gefahr, an negativen gesundheitlichen und psychosozialen Folgen zu leiden"(Markus Hess)

Britische Ärzte von der Abteilung für Population Psychiatry an der Swansea University fassen in einer aktuellen Analyse zu den Folgen von Cybermobbing bei Kindern und jungen Menschen 25 Studien zusammen. Bei fünf davon (eingeschlossen waren 5646 Personen) zeigte sich kein negativer Einfluss des Erlebens von Mobbing, bei 20 Studien (mit insgesamt 115 056 Kindern und Jugendlichen) dagegen ein sehr deutlicher; bei Opfern von Cybermobbbing war das Risiko für selbstverletzendes oder suizidales Verhalten im Vergleich zu Personen ohne Mobbing-Erfahrung mehr als doppelt so hoch. Auch bei den Tätern steigerte sich das Risiko für suizidales Verhalten um 20 Prozent.

"Sowohl Täter als auch Opfer von Bullying (oft gleichgesetzt mit Mobbing) laufen Gefahr, an negativen gesundheitlichen und psychosozialen Folgen zu leiden. Daher ist die zeitnahe therapeutische Arbeit mit Tätern und Opfern auch über die Beendigung des eigentlichen Bullying-Prozesses hinaus ein zentrales Anliegen, das bisher in der Bullying-Forschung vernachlässigt wurde", mahnt Markus Hess zusammen mit Kollegen aus Berlin, Potsdam und Ulm in einem Review über Therapien für Täter und Opfer von Schul-Bullying an.

5. Was kann man gegen Mobbing tun?

Was Hess manchmal ärgert, ist, dass eine hochemotionale Berichterstattung zwar eine allgemeine Erregung erzeuge, aber häufig verpuffe und zu selten in fundierte (Gegen-)Aktionen münde. "Dabei gibt es allerhand wissenschaftliche Untersuchungen und Präventionsprogramme, die Anregungen und konkrete Hilfestellung zur echten Vorbeugung von Mobbing anbieten."

In Betrieben oder Abteilungen mit gesprächsbereiten, kritikfähigen Führungskräften, Mitspracherecht für Mitarbeiter und einer starken Identifikation der Angestellten mit ihrer Arbeit kommt es erwiesenermaßen weitaus seltener zum Mobbing als dort, wo das nicht der Fall ist und womöglich noch ein hoher Arbeits- und Konkurrenzdruck herrscht. "In einer wertschätzenden, fehlerfreundlichen Betriebskultur kann sich Mobbing-Verhalten nur schwer ausbreiten", weiß Rothermund. Ein gutes Betriebsklima erhöhe die Wahrscheinlichkeit, Differenzen und Probleme miteinander anzusprechen, anstatt sich zu bekämpfen.

Studien zeigen ebenso, wie wichtig es im Fall von Mobbing an Schulen ist, auf verschiedenen Ebenen anzusetzen. Auf der "Schulebene" gelte es zunächst einmal anzuerkennen, ja, Mobbing gibt es an jeder, also auch an unserer Schule, sagt Hess. Wichtig sei, dass sich die Schulleitung für das Thema interessiere und in der Schule beispielsweise eine von allen getragene Agenda gegen das Mobbing entwickelt würde.

"In einer wertschätzenden, fehlerfreundlichen Betriebskultur kann sich Mobbing-Verhalten nur schwer ausbreiten"(Eva Rothermund)

"Lehrer sollten außerdem befähigt werden, Mobbing zu erkennen, wirksam einzugreifen, aber auch einzuschätzen, wann Hilfe von außen zu organisieren ist", sagt Hess. Ganz wichtig sei zudem, dass die Lehrer sich untereinander vernetzten und ihre Beobachtungen, die sie in den Klassen machen, austauschten. "Auf der Ebene der Klassen muss außerdem mit den Schülerinnen und Schülern am Thema gearbeitet werden."

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Mobbing habe man sich lange Zeit allein auf Täter und Opfer konzentriert. "Dabei spielt die Gruppe, das Gruppengefüge, in dem das Mobbing stattfindet, eine entscheidende Rolle", sagt Hess. In einer Gruppe, die Schikane uncool findet, ablehnt und diese Haltung klar vertritt, wird sich ein Mobbing-Täter nicht durchsetzen können, keine Anerkennung bekommen.

Auch Mechthild Schäfer und ihr Münchner Team konzentrieren sich bei ihren Programmen auf die gesamte Gruppe und vor allem auf die Schülerinnen und Schüler, die einfach nur danebenstehen. "Der beste Erfolg kommt aus der Klasse selbst", sagt Schäfer. Eine Klasse teilt sich ihren Angaben zufolge in einer Mobbing-Situation in drei Gruppen: Rund ein Drittel der Schüler unterstützen den Mobbing-Täter, ein Drittel sind Verteidiger, die sich auf die Seite des Opfers stellen, und die übrigen rund 30 Prozent lehnen Mobbing zwar ab, stehen aber einfach dabei und tun nichts.

In der Gruppe, die Mobbing ablehnt (zwei Drittel, die Mehrheit in der Klasse), gibt es zwei Personengruppen: die, die mitfühlen, und die, die mitleiden. "Die, die mitfühlen, die Verteidiger, sind im Prinzip bereit, auch etwas zu tun. Die, die mitleiden, frieren dagegen ein", erklärt Schäfer. Sie reagierten extrem gestresst, bei ihnen sei ein starker Anstieg der Stresshormone Adrenalin und Kortisol messbar. Häufig wenden sich diese Menschen vom Geschehen ab, weil sie (aus anderen Vorfällen) oft schon früh in ihrem Leben gelernt hätten: "Wenn ich selbst oder ein anderer bedroht wird, bringt es mir persönlich Entlastung, wenn ich mich wegdrehe."

Diesen "Eingefrorenen" Zivilcourage anzutrainieren, sei schwierig. Die betroffenen Jungen und Mädchen bräuchten vielmehr die Erfahrung, so Schäfer: Wenn ich etwas tue, bringt das mir und den anderen etwas. Schäfer versucht mit ihren Programmen die Verteidiger-Gruppe in der Klasse zu mobilisieren, die "eingefrorenen Wegdreher" mit ins Boot zu holen. "Du, XY, hol mal bitte Frau Z!", "Du, ich kläre das hier, tröste du doch schon mal XY!". Diese kleinen Schritte, Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, und seien sie auch noch so winzig, helfen, davon ist Mechthild Schäfer überzeugt. Sie können ein System verändern und Mobbing beenden.

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