Ulrich Pontes

Dipl.-Physiker und Redakteur (DJS), Heidelberg

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Artikel

Einstieg ins Berufsleben

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Tablet-Computer erobern immer mehr Unternehmen. Der Trend geht dabei zunehmend zum Privatgerät, was viele IT-Spezialisten mit Sorge sehen.

Wenn Andreas Benez eine Produktbroschüre mit der zuständigen PR-Mitarbeiterin abstimmen will, entpuppt sich sein Telefon als Alleskönner. Ein paar Berührungen auf dem Touchscreen, und schon ist aus dem Telefonat eine Videokonferenz geworden. Der Vertriebsleiter für die Sparte Collaboration des Netzwerk- und Telekommunikationsspezialisten Cisco sieht aber nicht nur das Gesicht seiner PR-Kollegin, sondern vor allem den Bildschirminhalt von ihrem Arbeitsplatzrechner.

Und wenn er sich Text und grafische Elemente der geplanten Produktbroschüre anders vorstellt, wird die Sprechverbindung endgültig zweitrangig: Benez legt mit der an seinen Apparat angeschlossenen Computertastatur oder der Maus einfach selbst Hand ans Design. Räumliche Entfernung spielt dabei keine Rolle. Die PR-Agentur sitzt in Wiesbaden, Benez meist in seinem Büro in Stuttgart - er könnte aber auch unterwegs sein. Wenn Benez sein Büro verlässt, löst er den Touchscreen aus der Apparatur und nimmt ihn mit. Was auf den ersten Blick wie ein Telefon mit großzügigem Display aussieht, ist in Wirklichkeit ein kleiner Tablet-Computer. Ungewöhnlich ist die Dockingstation: Neben Tastatur- und Mausanschluss verfügt sie über einen klassischen Telefonhörer. Dieser Zwitter aus Tablet und Videotelefon von Cisco ist in Deutschland seit Ende 2011 erhältlich. Er heißt Cius und läuft mit einer angepassten Version von Googles mobilem Betriebssystem Android 2.2.

Beim Elektronikmarkt um die Ecke ist er allerdings nicht im Sortiment, wie Benez erklärt: "Die Zielgruppe ist ganz klar das Segment der Business-Anwender." Ein Hauptaugenmerk liegt beim Cius auf effizienter Kommunikation. Business-Tablets anderer Hersteller kommen eher vom guten alten Clipboard und verschmelzen es sozusagen mit Datenarchiv und Multimediagerät: Klinikärzte oder Servicetechniker etwa können Daten auch im Stehen und Gehen erfassen und Informationen nachschlagen; Außendienstler haben Zugriff auf Vertriebsdaten und können dem Kunden multimediale Präsentationen vorspielen; Manager müssen keine dicken Akten mehr umherschleppen und bekommen interaktive Grafiken statt stapelweise Datentabellen serviert. Das alles ist prinzipiell mit jedem Tablet möglich.

Cisco geht jedoch einen etwas anderen Weg: Der Cius mache eigentlich nur im Zusammenspiel mit einer Cisco-Telekommunikationsanlage Sinn, sagt Benez. Aus Sicht des Kundenunternehmens stellen sich im Blick auf Tablets nämlich nicht nur Fragen wie: Welcher Mitarbeiter könnte sie wofür einsetzen? Welche Apps sind dafür nötig, und was kostet das? Zentrale Kriterien sind auch Wartung und Sicherheit. Denn IT-Abteilungen müssen die Geräte so konfigurieren können, dass sie mit Netzwerk und Datenbanken des Unternehmens auch wirklich kommunizieren. Außerdem soll es möglich sein, erforderliche Software und Updates zentral gesteuert auf die mobilen Geräte aufzuspielen. Und: Sensible Geschäftsdaten müssen geschützt sein, selbst dann, wenn eines der Geräte mal abhandenkommt.

Deshalb kann die IT-Abteilung über den Communication Manager, das Herzstück jeder Cisco-Telefonanlage, jeden Cius konfigurieren. Ob es um die Netzwerkeinstellungen geht, um die App-Installation oder die Frage, ob der USB-Port des Geräts benutzt werden darf: Alles lässt sich zentral vorgeben. Als es beim Siegeszug der Smartphones ähnliche Herausforderungen gab, setzten viele Firmen auf Blackberry. Der Hersteller RIM hatte eine homogene Umgebung mit hohen Sicherheitsstandards geschaffen. In den Tablet-Markt stieg RIM allerdings zu spät ein.

Ebenso schwer tut sich Windows - obwohl Tablets mit Microsoft-Betriebssystem gewissermaßen die ältere Stiefschwester von iPad und Co. darstellen. Schon seit einem Jahrzehnt propagiert Microsoft Tablet-PCs mit Stifteingabe, die als Win-dows-Rechner denkbar unproblematisch in Firmennetzwerke eingebunden werden können, weil diese größtenteils mit Windows-Systemen arbeiten. Aber das Konzept fand nie auf breiter Basis Anklang. Aus Sicht der Wischfinger-Generation wird frühestens das in diesem Jahr erwartete Windows 8 mit der Bedienfreundlichkeit von iPad und Android konkurrieren können. Hinzu kommt: Viele Experten halten eine einheitliche Business-Umgebung inzwischen für unrealistisch - so wünschenswert sie auch sein mag. Immer mehr Menschen wollen ihr privates iPad oder Android-Tablet - das sie begeistert benutzen und ohnehin immer dabei haben - gern auch für die Arbeit verwenden.

Laut einer Studie des Informatik-Dienstleisters Unisys, durchgeführt von dem Marktforschungsunternehmen International Data Corporation (IDC), steigt der Einsatz privater Geräte für berufliche Zwecke rapide: 2011 gaben befragte Wissensarbeiter aus neun Ländern an, dass 41 Prozent aller PCs und Mobilgeräte, die sie für ihre Arbeit nutzen, ihre eigenen seien. Ein Jahr zuvor waren es erst 31 Prozent. Viele US-amerikanische Unternehmen haben sich diesem Trend bereits geöffnet und ein griffiges Kurzwort dafür geprägt: BYOD - Bring your own device - bring dein eigenes Gerät mit. Die Deutschen sind da bislang zurückhaltender, wie die internationale Studie "Work Life Web 2011" zeigt. Möglicherweise aus gutem Grund: Vielen Sicherheitsfachleuten treibt BYOD Sorgenfalten auf die Stirn. Mit Galgenhumor übersetzen sie das Kürzel gern mit: "Bring your own disaster", denn BYOD birgt ein großes Sicherheitsproblem, wenn die verschiedensten Plattformen unterstützt werden sollen.

Die Lösung könnte sogenannte Mobile Device Management Software bringen. Sie ermöglicht der IT-Abteilung unter anderem, aus der Ferne unsichere Netzwerke zu blockieren, Passwortrichtlinien vorzugeben, Software aufzuspielen oder zu löschen und gegebenenfalls bestimmte Apps zu blockieren. Eine gewisse Kontrolle über die Privatgeräte ist damit gewährleistet. Dennoch bleiben Fragen offen. Was passiert mit den privaten Babyfotos, wenn die IT-Sicherheitsabteilung auf einen Schlag alle Daten löschen muss? Noch gibt es keine getrennten Nutzerprofile für Beruf und privat. Wie wird das Problem gelöst, sich auf ständig neue Betriebssystem-Versionen der vielen Privatgeräte einzustellen?

Hinzu kommen die Eigenheiten der verschiedenen Systeme. Beim iPad hat bislang einzig Apple die volle Verfügungsmacht. Android dagegen ist für seine teilweise unprofessionellen Sicherheitsstandards berüchtigt. Die Gesichtserkennung etwa, mit der in Version 4.0 die Passworteingabe ersetzt werden kann, kann jeder x-Beliebige ganz einfach mit einem Foto des berechtigten Nutzers narren. Trotz alledem: Als einer von vielen Branchenbeobachtern ist Philipp Rosenthal, "Future Office Evangelist" beim weltweit tätigen IT-Dienstleister Tieto, davon überzeugt, dass an den Tablets im Büro kaum noch etwas vorbeiführt. Die flachen Minicomputer sorgten für moderne Arbeitskonzepte, mehr Mobilität und über den Abbau von Papierbergen sogar für umweltgerechteres Arbeiten. Und Rosenthal nennt noch einen Vorteil: "Wenn man sich fragt, wie man Industriearbeiter und Handwerker in eine neue Welt von Informations- und Wissensarbeit einbindet, sind meiner Ansicht nach Tablets ein wichtiger Baustein der Lösung."

Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 03/2012 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online bestellt werden.

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