Ulrich Pontes

Dipl.-Physiker und Redakteur (DJS), Heidelberg

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Was ist Bewusstsein?

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Sie lesen diese Worte? Dann bestehen an der Existenz Ihres Bewusstseins keine Zweifel. Indes: Was das Bewusstsein genau ist, wie es mit dem Gehirn zusammenhängt und ob es sich jemals neurobiologisch ganz erklären lässt, bleibt umstritten.

Nichts in dieser Welt kann uns so gewiss sein wie die Tatsache, dass wir bei Bewusstsein sind, in dem Moment, in dem wir darüber nachdenken: „Ich denke, also bin ich.“ Auf diesem berühmten Fundament hat René Descartes seine komplette Philosophie aufgebaut. Alles andere können wir zunächst in Zweifel ziehen: Alle Sinneseindrücke könnten eine Täuschung sein, unsere Überzeugungen Irrtümer, unsere ganze Umwelt ein riesiger Schwindel – aus dieser Überlegung, die ebenfalls schon Descartes anstellte, macht der Film „Matrix“ eine opulente Geschichte. Aber das Bewusstsein bleibt als Tatsache.

„Eins der rätselhaftesten Charakteristika des Universums“
Für den zeitgenössischen US-amerikanischen Philosophen John Searle ist das Bewusstsein „der wichtigste Aspekt unseres Lebens“, wie er gerne in öffentlichen Vorträgen darlegt. Sein bestechend klares Argument: Das Bewusstsein ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass wir Dingen in unserem Leben Bedeutung beimessen können. Wenn es aber ohne das Bewusstsein überhaupt nichts Wichtiges für uns geben würde, kann nichts wichtiger sein als das Bewusstsein selbst.

So selbstverständlich und alltäglich das Bewusstsein für uns alle ist, wird die Sache bei genauerer Betrachtung dennoch kompliziert. Der seit langem an diesem Thema forschende Neurowissenschaftler Christof Koch nennt das Bewusstsein „eins der rätselhaftesten Charakteristika (Features) des Universums“. Nicht umsonst beißen sich Philosophen seit Jahrhunderten die Zähne daran aus. Eine anerkannte wissenschaftliche Definition gibt es bis heute nicht, und auch in der normalen Verwendung erweist sich der Begriff als schillernd. Gleich fünf verschiedene Wortbedeutungen entfaltet etwa der Neurophilosoph Thomas Metzinger von der Universität Mainz im Eintrag „Bewusstsein“ in der „Enzyklopädie Philosophie“.

So kann sich der Begriff darauf beziehen, ob jemand bei (vollem) Bewusstsein ist oder eben nicht – etwa weil er gerade schläft, unter Vollnarkose steht oder im Koma liegt. Diese Bewusstseinszustände kann man objektiv definieren und neurobiologisch zumindest teilweise erklären. Schwieriger wird es mit dem Bewusstsein, das sich auf einen Gegenstand, eine andere Person, eine Tatsache oder welches Objekt auch immer richtet: Wenn ich mir eines Fehlers bewusst bin oder mir bewusst werde, dass ein unangenehmer Geruch in der Luft liegt, dann ist das ja ein höchst subjektiver geistiger Vorgang. Er spielt sich allein in meinem Kopf ab, und andere Menschen können davon nur dann etwas mitbekommen, wenn ich die Angelegenheit – bewusst oder auch unbewusst, etwa indem ich das Gesicht verziehe – kommuniziere.

Tanz auf der Bühne des subjektiven Erlebens
Dieses wache Bewusstsein, dieser Tanz auf der inneren Bühne des subjektiven Erlebens beginnt morgens mit dem Aufwachen und dauert bis zum Einschlafen pausenlos an – zumindest scheint schwer vorstellbar, dass wir wach sind, ohne dass uns ein Gedanke, ein Gefühl, ein Sinneseindruck oder eine Tätigkeit gerade bewusst beschäftigt. Was andererseits nicht heißt, dass alle Gedanken, Gefühle, Sinneseindrücke und Tätigkeiten des Bewusstseins bedürften. Vielmehr zeigen die psychologische und die neurobiologische Forschung, dass sehr viele solcher Prozesse in unserem Kopf unbewusst – und dadurch in vielen Fällen effektiver und schneller – ablaufen können. Weitere Unterscheidungen lassen sich treffen: Bewusstsein ist nicht dasselbe wie Aufmerksamkeit (siehe Kasten „Aufmerksamkeit und Bewusstsein“).

Bewusstsein kann sich nach außen richten, etwa auf Objekte der Wahrnehmung oder unseren eigenen Körper, oder es kann sich um Introspektion handeln, die Wahrnehmung unserer eigenen mentalen Zustände. Der letztere Fall macht deutlich, warum Bewusstsein manchmal auch als höherstufiger oder Metaprozess beschrieben wird: Während ich mich etwa spontan über einen anderen Verkehrsteilnehmer ärgere und laut fluche, kann ich diesen Vorgang gleichzeitig auf der Metaebene bewusst beobachten und reflektieren – und beispielsweise zu dem Schluss kommen, dass der Kraftausdruck angesichts der Schwiegermutter auf dem Beifahrersitz eher ungünstig war.

Aus bewusster Reflexion eines Menschen über sich selbst und seine Identität entstehen Ich- und Selbstbewusstsein, wie sie von Philosophen immer wieder untersucht wurden. Davon wiederum zu unterscheiden ist das Selbstbewusstsein, wie es in der Alltagssprache verwendet wird: die Ausstrahlung eines Menschen, der von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt ist.

Die Theorie vom globalen Arbeitsraum

Der Philosoph Ned Block von der New York University unterscheidet zudem zwischen dem Bewusstsein als phänomenalem Erleben, also unserer subjektiven Erfahrung, während wir beispielsweise eine Blume ansehen oder eine Berührung genießen, und „bewusst“ im Sinne von „für unser Denken und unsere Verhaltenskontrolle verfügbar“. Das letztere nennt er auch „zugriffsbewusst“, und dieses Konzept verbindet sich direkt mit einer Modellvorstellung vom Bewusstsein, die als Theorie vom globalen Arbeitsraum bekannt ist. Dieser „Global Workspace Theory“ zufolge ist das Bewusstsein so etwas wie eine Bühne im Scheinwerferlicht: Nur was sich auf der Bühne abspielt, ist für die im Dunkeln sitzenden Zuschauer – die vielen unbewussten Prozesse im Gehirn – zu sehen und zu hören und steht ihnen somit als Information für ihre Zwecke zur Verfügung.

Die vielen Differenzierungen machen es aus Sicht mancher Philosophen allerdings fraglich, ob Bewusstsein überhaupt ein einzelnes, einheitliches Phänomen ist oder nicht eher ein Sammelbegriff für verschiedene Dinge. Darauf deutet auch der in Metzingers Enzyklopädie-Artikel erwähnte Umstand hin, dass es in vielen Sprachen überhaupt keine Entsprechung für diesen umfassenden Begriff gibt. Unter anderem daran könnte es liegen, dass das Bewusstsein für Naturwissenschaftler lange nicht als ordentlicher Forschungsgegenstand galt. So gibt es noch heute viele hundert Seiten dicke, aktuelle Neurowissenschaft-Lehrbücher, in denen der Begriff noch nicht einmal im Index auftaucht, und John Searle zitiert einen Neurowissenschaftler mit dem Ausspruch: „Du kannst durchaus zum Bewusstsein forschen – nur solltest du vorher unbedingt eine unbefristete Stelle haben.“

Die unsterbliche Seele ist passé – Glaubensfragen bleiben

Aber auch ohne anrüchigen Beigeschmack bleibt es ein überaus schwieriges Feld. In der Frage nach dem Bewusstsein kristallisiert sich gewissermaßen das alte „Leib-Seele-Problem“: Wie hängen geistige und materielle Welt zusammen? Wie viel Wirklichkeit kommt dem Geistigen aus objektiver Sicht überhaupt zu? Zwar hat die Vorstellung einer Seele, die unabhängig vom Körper existieren kann, in der Wissenschaft wohl seit dem 1997 verstorbenen John Eccles (John Eccles – Über den Spalt hinweg) niemand mehr vertreten. Zudem kann als erwiesen gelten, dass die physikalisch-neuronalen Prozesse im Gehirn eine notwendige Voraussetzung für alles Geistige sind.

Ob das Geistige damit aber auch hinreichend bestimmt ist, ist eine ganz andere Frage. Ist das Bewusstsein letztlich nur ein rein biologischer Prozess, so wie alles andere, das sich in unserem Körper abspielt – zwar besonders schwierig zu erforschen, da es sich um ein subjektives Phänomen handelt, aber zumindest im Prinzip auf komplexe physikalische Vorgänge reduzierbar? Diese Frage bleibt vorerst eine Glaubensfrage, die der empirische Wissenschaftler Christof Koch so auf den Punkt bringt: „Es ist überhaupt nicht klar, ob zwei aus physikalischer Sicht identische Gehirne automatisch den gleichen bewussten Zustand aufweisen würden.“

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