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Växjö, die Stadt der Radfahrer | Agorazein Smart City News

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Eine Stadt bedankt sich fürs Radfahren.

Während man hier erst darüber redet, wird Mobilität in Skandinavien bereits ganz neu gelebt. Zum Beispiel im südschwedischen Växjö: Neue Wohnviertel werden für Radfahrer und Fußgänger geplant, nicht mehr für Autos. Radler erhalten per elektronischer Anzeige Dankesgrüße, und selbst in der Fußgängerzone sind Fährräder erlaubt.


Mit dem Rad durch die Stadt der Seen

Es ist 150 Jahre her, da flohen 2 Millionen Småländer vor Hunger und Armut nach Amerika. Steinige Böden und fehlende wirtschaftliche Perspektive machten die Heimat von Michel von Lönneberga zur rückständigsten Region Schwedens. Heute würde kaum jemand mehr auf so eine Idee kommen, denn in den prosperierenden Kleinstädten Südschwedens kann man glücklicher sein als in den meisten anderen Regionen der Welt.

Växjö etwa, eine 60 000-Einwohner-Stadt, nennt sich die "grünste Stadt Europas" und ist ein Mekka für den Lebensstil des 21. Jahrhunderts. Wer hier einmal heimisch geworden ist, möchte garantiert nicht mehr aus dem Småland abgeholt werden. Umgeben von zwei Seen, die bis in das Stadtzentrum hineinreichen, und geschützten Waldgebieten mit Erlen, Eichen, Birken und Kiefern ist Växjö ein Paradies für Schwimmer, Paddler, Segler, Angler, Jogger, Wanderer - und vor allem Radfahrer. Die ganze Stadt ist von einem dichten Netz an Radwegen durchzogen und umringt. Die meisten davon haben Radfahrer ganz für sich allein. Nur ein paar Fußgänger oder Jogger nutzen die schnellen, fast ampellosen Highways durch die Stadt ebenfalls.


Im anderen Universum

Ein Neubaugebiet lässt fremde Besucher sogar denken, sie seien auf einem anderen Stern: Jupiterweg, Uranusweg oder Saturnweg heißen hier die Straßen, und tatsächlich fühlt man sich hier ein wenig außerirdisch. Nicht nur, weil alles so nett, schick, aufgeräumt und jungspießig aussieht, so als hätte man alle Häuser direkt aus einem Ikea-Katalog hierher gebeamt. Sondern auch und vor allem, weil das Viertel so geschickt angelegt ist, dass es wie autofrei wirkt. Alle zentralen Wegeachsen sind Fußgängern und Radfahrern vorbehalten. Autos sieht man nur in den kleinen Nebengassen, in dezenten Carports versteckt. Nur wenige Straßen führen quer durchs Gebiet, die meisten sind Sackgassen.

Das Muster der Planetensiedlung setzt sich in der Nachbarschaft fort. Überall, wo in jüngster Vergangenheit gebaut worden ist, wurde zuerst für den nachhaltigen Radverkehr geplant, dann erst für das Auto. In den Straßen spielen die Kinder und fahren junge Eltern die Kinderwagen spazieren. Auffallend ist, wie jung diese Viertel sind. Die schwedische Kleinfamilie, bestehend aus Barbie, Sven und drei blonden Orgelpfeifen, kann sich hier, im teuren Schweden, Wohneigentum anscheinend deutlich einfacher leisten als in Deutschland.


Shared Space im Zentrum

Je näher man dem Zentrum der Stadt kommt, desto konventioneller werden die Radwege. Überraschend dabei, wie wenig der Autoverkehr stört. Denn eigentlich ist Växjö ein Verkehrsknotenpunkt. Fast alle wichtigen Straßen durch das Småland treffen hier aufeinander. Doch den Planern ist es gelungen, den Durchgangsverkehr so geschickt durch den Ort zu leiten, dass er kaum auffällt.

Im Zentrum Växjös, der wichtigsten Shopping-Stadt im weiten Umkreis, wartet eine weitere Überraschung: eine Fußgängerzone, in der das Radfahren erlaubt ist! "Shared Space" nennen Verkehrsplaner das Prinzip. In der Mitte der Haupteinkaufstraße gibt es einen schmalen Bereich, den sich Fußgänger und Radfahrer teilen müssen. Keine wildgewordenen Ordnungshüter rennen hier in Begleitung von Spiegel TV hinter bösen Radfahrern her. Stattdessen kommen alle prima miteinander aus. So einfach kann Verkehr sein.


Durch die Wälder zu den Seen

Außerhalb der Stadtmitte erstrecken sich Radwege rund um die Stadt und erschließen herrliche Wälder und verträumte Badeplätze an den Seen. Menschen aller Generationen joggen, schwimmen und radeln in einem Tempo, als würden sie für ein Sportevent trainieren. Die Rundwege sind ausgeschildert, so dass auch Touristen ihren Weg finden. Meistens jedenfalls. Und wer einmal die Orientierung zwischen all den Fahrradverbindungen verliert, wird meist auch gleich vom einheimischen Radler wieder auf die Spur gebracht.

Ob sie zufrieden wären mit dem Leben hier und mit der Stadt, fragen wir das freundliche Paar, das uns gerade den Weg zum nächsten Supermarkt erklärt hat. Natürlich, sagen sie, und schauen uns an, als würden sie an unserem Verstand zweifeln. Wieso sollte man nicht glücklich sein in dieser Stadt, die sich selbstbewusst die "grünste Europas" nennt. Dies ist ein Zitat aus einem Bericht der BBC über Växjö. Der liegt schon einige Zeit zurück, wird aber immer noch gerne zitiert und ist offiziell der Claim der Stadt. Ein Marketingding, natürlich, und wer wollte das schon nachprüfen. Aber irgendwie glaubt man es, wenn man sich ein paar Tage hier bewegt hat.


Fazit: Was man von Växjö lernen kann

Die natürlichen Vorzüge Südschwedens lassen sich nicht exportieren. Wälder und Seen, die bis in die Stadt hineinreichen, solche Bedingungen wird man zum Beispiel in Deutschland kaum vorfinden. Faszinierend ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der Radwege in die Stadt integriert wurden. Von den Randbereichen bis ins Zentrum lässt sich fast jeder Ort über sichere, meist separat verlaufende Radwege erreichen. Neue Viertel werden "beinahe autofrei" geplant. An den Bushaltestellen gibt es überdachte Stellplätze für Räder - vermutlich für den Winter gedacht. Selbst in der Fußgängerzone darf mit dem Rad gefahren werden. Växjö ist damit ein Vorbild für Klein- und Mittelstädte auch in Deutschland, wo jeder Verlust eines Parkplatzes als das Ende der lokalen Ökonomie bekämpft wird. Mit skandinavischer Lockerheit zeigt Växjö, dass es auch entspannter zugehen kann.

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