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Sechs Enigmas aus der Ostsee geborgen: was Archäologen sagen

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Enigma-Chiffriermaschine aus dem 2. Weltkrieg

(Foto: Florian Huber/picture alliance/dpa/submaris)

Von Tomma Schröder

Wer häufiger mit einem Boot auf dem Meer unterwegs ist, kennt diesen Moment: Irgendein Ding fällt über die Bordwand, ist noch einen Augenblick zum Greifen nah, bis es schemenhafter wird und schließlich verschwindet. Für immer, oder zumindest für ziemlich lange Zeit.

Oder bis Christian Hüttner kommt. Der Berufstaucher wird immer dann angerufen, wenn irgendwo etwas Wertvolles ins Wasser gefallen ist. So wie die Schiffsschraube, die Hüttner an einem grauen Januartag vom Grund der wenige Grad warmen Ostsee bergen will. Irgendwo bei Schleimünde, im Nordosten Schleswig-Holsteins.

An diesem Tag jedoch will das nicht gelingen. Die Schraube scheint wie vom Meeresboden verschluckt. Stattdessen entdeckt der Taucher ein kastenartiges Ding. Hüttner kennt diese Form, sie ist typisch für alte Munitionskisten, die nach dem Krieg in rauen Mengen in der Ostsee verklappt wurden. Über solche Objekte taucht Christian Hüttner in der Regel mit respektvollem Abstand hinweg. Doch diesmal ist etwas anders: Hüttner sieht ein metallisches Schimmern auf dem Kasten. Als er genauer hinschaut, erkennt er ein Messingblech mit Löchern und kurz darauf auch runde Buchstabentasten. "Da war klar: Jo, das ist eine Enigma", erzählt der Taucher. Und es bleibt nicht bei der einen. Nach und nach holt er an der Stelle sechs der Verschlüsselungsmaschinen der Nationalsozialisten vom Meeresboden.

Als sich in den letzten Kriegstagen die deutsche Niederlage mehr als deutlich abzeichnete, gab es einiges, was schnell und möglichst dauerhaft verschwinden sollte: Munition, geheime Maschinen oder auch schon mal ganze U-Boot-Flotten. Und da sich mit einigen verbliebenen Nationalsozialisten auch viel Kriegsgerät rund um die neue, kurzzeitige Reichshauptstadt Flensburg angesammelt hatte, lag die Lösung quasi vor der Tür: die Ostsee.

Archäologisch betrachtet ist der Fund keine Sensation

Erkannt habe er die Maschinen lediglich, weil er die Berichte des ersten Fundes einer Enigma im November 2020 gelesen und gesehen hatte, sagt Hüttner. Die Meldung schaffte es damals in unzählige Medien. Immerhin haben die Enigma und ihr Code im 2. Weltkrieg eine nicht unerhebliche Rolle gespielt: Die für damalige Verhältnisse komplexe Verschlüsselung hielten viele zunächst für unknackbar. Dass es den Briten mit Hilfe des Mathematikers Alan Turing dann doch recht früh gelang, die deutschen Funksprüche zu entschlüsseln, gilt als ein entscheidender Wendepunkt im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Auch das macht die Enigma so legendär.

Diese tragende Rolle im Kriegsgeschehen schwingt immer mit, selbst wenn die Geräte gut 75 Jahre später, völlig verrostet und mit bräunlichem Algenmatsch überzogen, in Plastikwannen des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein lagern. Neben den typischen runden Buchstabentasten lassen sich auch die Steckverbindungen vorn an den Maschinen erkennen, die Messingbleche mit den Fassungen für die Glühlämpchen sowie einige Walzen, die das Kernstück für die Verschlüsselung bildeten.

Und doch, nüchtern betrachtet, ist das Wiederauftauchen der insgesamt sieben Enigma-Maschinen kaum eine Sensation. Man nimmt an, dass zu Kriegszeiten 100 000 bis 200 000 Exemplare produziert wurden. "Das heißt, dass unter Wasser vermutlich noch sehr viele Enigmas liegen", sagt Stefanie Klooß vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein, das sich nun um die Konservierung der Maschinen kümmert.

Für das Landesamt bedeuten die Funde viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Arbeit für Archäologen, die sich normalerweise eher mit steinzeitlichen Pfeilen, denn mit modernen Verschlüsselungsmaschinen beschäftigen. Gleichzeitig ist die Restaurierung der Maschinen sehr aufwändig und teuer. Von Kunststoffteilen über Metalle bis hin zur Holzkiste sind viele unterschiedliche Materialien verbaut. "Und die müssen alle durch verschiedene Vorgänge restauriert werden", erklärt Stefanie Klooß, die beim Landesamt für Unterwasserfunde zuständig ist. Unter anderem eine Computertomografie, die das Innere der Maschinen sichtbar macht, soll bei dieser schwierigen Aufgabe helfen.

Einige Maschinen sollen so wieder hergestellt werden, andere, stark beschädigte Exemplare dürfen von Militärhistorikern auch auseinander genommen werden. Vielleicht, so die Hoffnung, könne man auf diese Weise herausbekommen, warum und wie die Enigmas auf den Meeresboden gelangten, zu welchem Typ sie gehören und von welchem Boot oder welchem Ort sie stammen.

Experten raten, die Enigmas einfach am Meeresgrund zu lassen

Der Flensburger Historiker Gerhard Paul kann sich indes nicht vorstellen, dass man große Erkenntnisse aus den Funden ziehen wird. "Die Geschichte der Enigma ist präzise erforscht. Man weiß, wie sie gebaut wurde, wie sie funktioniert hat und wer sie wann entschlüsselte." Zudem, so der Kenner der Regionalgeschichte, dürften an Land noch sehr viel mehr, besser erhaltene Enigmas zu finden sein. Denn bevor die deutsche Marine in den ersten Maitagen 1945 Dutzende ihrer U-Boote in der Förde versenkte, sind diese meist ordentlich geräumt worden. "Man hat alles, was irgendwie brauchbar war, an Land geschafft", erzählt Paul. "Vom Porzellan, über das Besteck, die Bettwäsche und die Munition und sicher auch die Enigmas." In einer Bauerscheune in einem der kleinen Dörfer an der Außenförde habe er selbst schon einmal eine gesehen. "Die hat man aber nie systematisch gesucht. Man ist gar nicht auf die Idee gekommen, dass diese Dinger heute in Privathaushalten lagern und nicht in irgendwelchen Museen oder Ausstellungshallen."

Zumindest einige der sieben Enigmas aber werden nun ihren Weg in Ausstellungshallen finden. Damit, so meint Stefanie Klooß, sei es dann aber auch gut. "Jetzt bei dem zweiten Fund ist uns die Relevanz bewusst geworden, darauf hinzuweisen, dass man solche Funde in situ, an ihrem Fundort, bewahren sollte." Das bedeutet: nicht berühren, sondern nur dokumentieren. Am Meeresboden seien die Geräte ohnehin erstmal günstiger und besser konserviert, sagt Klooß. Und Erkenntnisse über ihre Versenkung und ihren Typ könne man auch dort gewinnen.

Abgesehen davon sei das Bergen von unbekannten Gegenständen aus der Ostsee nicht ungefährlich, warnt Taucher Christian Hüttner, der bei seiner Arbeit immer wieder auf Munition stößt. Die mehrere tausend Euro teure Schiffsschraube hat der Taucher indes immer noch nicht gefunden. Nicht alles, was ins Meer fällt, taucht wieder auf. Manchmal dauert es aber auch einfach nur sehr lange.

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