Tobias Jochheim

Texte mit Herz und Hirn (Journalist), Düsseldorf

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Artikel

Hurra, wir brennen aus!

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Illustration: Martin Ferl

Ein Plädoyer gegen das kranke Denken, in dem Stress ein Statussymbol ist. 

Irgendwo sind wir falsch abgebogen.

Früher hieß es: "Mein Haus, mein Auto, mein letzter Urlaub". Dieses stumpfe Übertrumpfen muss man nicht romantisieren; Glücks-Bringer wie alltägliche Freizeit mit seinen Lieben tauchten nie darin auf. Der Grundgedanke jedoch war nicht ganz verkehrt: Man verglich die Früchte seiner Arbeit, eben das Erarbeitete. Das, weshalb man all das täglich auf sich nimmt: das frühe Aufstehen, die Pendelei, das Kantinenessen, den nichtendenwollenden Papierkram, die Schnapsideen des Chefs.

Die unrealistischen Anforderungen, die Über- und Unterforderung. Das Multitasking. Den Zeit- und Kostendruck. Den Stress.

Heute zählt, wer auf Respekt und Applaus aus ist, oft auf: "Meine Überstunden, meine spätabends von zuhause beantworteten Mails, meine angehäuften Urlaubstage, die ich nie nehmen werde." Zunehmend definieren wir uns über unsere Arbeit. Die Beziehung zu ihr nimmt pseudo-erotische Züge an. Und perverse. Für manche ist Arbeit zum Fetisch geworden. "I make Love to Pressure" hat der Basketballprofi Stephen Jackson einmal erklärt. Diese machohafte, ultimativ ungesunde Geisteshaltung breitet sich offensichtlich aus, erscheint den Ersten vielleicht schon als alternativlos. Bock auf Druck. Von Kopf bis Fuß auf Leistung eingestellt.

Nie offline. Immer unter Strom, immer berechnend und netzwerkend. Immer bereit nicht nur zu funktionieren, sondern zu performen. Am Schreibtisch, im Fitnessstudio, in der Küche, am Tresen, auf der Tanzfläche, im Bett.

Früher war die Rente sicher, heute ist es nichts mehr

Schon Schüler und Studenten gehen reihenweise kaputt unter dem Druck, der aus Versagensangst entsteht angesichts ihrer fast unendlichen Möglichkeiten. Der Luxus Entscheidungsfreiheit wird zur Bürde, wenn jede Entscheidung immer auch als potenzielle Fehlentscheidung gilt, wie es usus ist im Heimatland der "German Angst", zwischen Perfektion und Depression. Die absolute Freiheit der entfesselten Wirtschaft, um die niemand gebeten hat, geht auf Kosten der Sicherheit, die jeder einzelne gern hätte.

Früher war die Rente sicher, heute ist es nicht einmal das x-te nicht vergütete Praktikum, die erste Anstellung, die nächste Verlängerung des Jahresvertrags. Was im Wettbewerb weiterbringt: Selbstausbeutung. (...)

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