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Braucht Obama Deutschland?

HI Kommende Woche besucht der US-Präsident Berlin. Zum ersten Mal, seitdem er im Amt ist. Das Verhältnis ist abgekühlt, der pazifische Raum wichtiger geworden

Harald Leibrecht, 52, koordiniert Transatlantikbeziehungen im Außenministerium

Deutschland ist ein Partner in Verantwortung. Angesichts drängender internationaler Probleme setzen die USA auf einen engen transatlantischen Schulterschluss. Das gilt nicht nur bei Themen wie Syrien oder Nahost, sondern auch für die globalen Herausforderungen der Zukunft. Auch im Umgang mit der Staatsschuldenkrise in Europa nehmen die USA Deutschland als wichtigen und verantwortungsvollen Ansprechpartner wahr. Ja - Deutschland ist der wichtigste Wirtschaftspartner der USA in Europa, dies sowohl bei Handel als auch Investitionen. Gemeinsam wollen wir diese Partnerschaft weiter ausbauen und für Wachstum und Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Atlantiks sorgen. Beide Länder verbindet eine enge Freundschaft. Dazu tragen historische Verbundenheit, gemeinsame Werte und Erfahrungen sowie enge wirtschaftliche und gesellschaftliche Verbindungen bei.

Raimund Lammersdorf, 53, ist Historiker und Direktor des Amerika-Hauses in München

„No man is an island." Kein Staat kann wirklich ganz alleine handeln, nur glauben viele Amerikaner, dass ihr Land grundsätzlich auf niemanden angewiesen sein darf. Doch Obama weiß genau, wie sehr die USA immer wieder deutsche Unterstützung brauchen. Diese Abhängigkeit haben sein Vorgänger und dessen unilateralistische Junta nicht gerne wahrhaben wollen. Die Deutschen dagegen verdrängen ihre eigene Machtfülle gerne - sei es aus Selbstunterschätzung oder aus Verantwortungslosigkeit. Am meisten bangen sie aber darum, dass man nicht im Zentrum amerikanischer Aufmerksamkeit stehen könnte - deswegen auch diese Frage. Aber keine Angst: Für die USA bleiben Europa und Deutschland im Speziellen auch nach der Hinwendung zu Asien die wichtigsten Bündnis- und Handelspartner. Nicht aus Gefälligkeit oder Sentimentalität, sondern aus handfesten nationalen Interessen.

Crister S. Garrett, 51, ist Professor für American Studies an der Universität Leipzig

Obama braucht Deutschland, weil sich die globale Politik grundlegend ändert. Deshalb müssen die USA vielfältige Ressourcen Richtung Pazifik verschieben. Hier geht es nicht darum, einem Partner den Rücken zu zeigen, sondern eine Partnerschaft zu verbreitern und zu vertiefen. So kann man die neulich lancierte Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP, verstehen oder Obamas Versuch, die Nato durch mehr europäische Finanzierung zu stärken. Diese Initiativen können Europa mit mehr handfesten Fähigkeiten ausstatten, um globale Wirtschafts- und Sicherheitspolitik zu gestalten. Es liegt im Kerninteresse der USA, ein selbstbewusstes und gestalterisches Europa als Partner an der Seite zu haben. Und der Motor für den Aufbau dieses Europa - und hier herrscht überparteilicher Konsens in Washington, D.C. - liegt in Berlin. Good morning, Kanzlerin Merkel.

Gayle Tufts, 52, ist US-amerikanische Entertainerin und Autorin in Berlin

Mehr denn je. Ich habe die Hoffnung, dass ihn die deutschen Tugenden genauso beeinflussen, wie sie auch mich geprägt haben. Weg vom typisch amerikanischen, gedankenlosen Enthusiasmus (Yes we can - auch wenn wir nicht immer können) hin zur Nachdenklichkeit über Datenschutz und vertrauensvollen Umgang mit Partnern. Ich lade ihn ein zum Spazierengehen und Luftschnappen. Typisch deutsche Kulturtechniken, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Der frische Wind wird ihm helfen, sich wieder an das zu erinnern, weswegen er angetreten ist: Change.

Nein

Tina Hassel, 49, ist seit Juli 2012 Leiterin des ARD-Studios in Washington, D.C.

Nein, nicht wirklich. Obama ist der einzige US-Präsident, der nicht schon in der ersten Amtszeit nach Deutschland kam. In der Politik ist es wie in vielen Familien - es gibt attraktive Cousins, die „Zukunft" verströmen und lukrative Chancen versprechen. Für Obama sitzen die in Asien und im Pazifik. So intensiv beim Berlinbesuch auch über das transatlantische Freihandelsabkommen gesprochen werden mag - auch weil es derzeit das einzig konkrete Zukunftsprojekt der beiden Partner ist -, leuchtende Augen bekommt Obama nicht beim TTIP - also der Transatlantic Trade and Investment Partnership -, sondern bei TPP, der transpazifischen Konkurrenzveranstaltung. Und dann gibt es den alten Zweig der Familie und eine mächtige Tante, an der niemand vorbeikommt. Sie ist nicht trendy, sondern solide und verlässlich. Vor allem hält sie den Rest Europas auf Kurs und greift dafür immer wieder tief ins Portemonnaie. Das weiß Obama wohl zu schätzen. Europa soll den USA keine Probleme bereiten, sondern sie lösen helfen. Keep the Germans happy and keep them paying - heißt es in Washington hinter vorgehaltener Hand. Vielleicht ein treffendes Motto für Obamas Kurztrip nach Berlin.

Michael Werz, 49, arbeitet am Center for American Progress in Washington, D.C.

Not really. Deutschland ist ein relevanter Gesprächspartner, aber in vielen für die Vereinigten Staaten zentralen Konflikten nicht anwesend. Mit der Verweigerung beim Libyeneinsatz 2011 und der zögerlichen Unterstützung Frankreichs in Mali, der fehlenden Positionierung Deutschlands zu Fragen der Energiesicherheit in der Golfregion oder einer umfassenden Entwicklungs- und Sicherheitspolitik für das Mittelmeer reduzieren sich die Gesprächsthemen. Auch orientieren sich die USA in Richtung Pazifik - der Interessenkonflikt mit China wird die kommenden Jahre prägen, und im Innern gibt es eine Verwestlichung: Amerikaner asiatischer Herkunft sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Würde die deutsche Regierung dazu beitragen, ein umfassendes Sicherheits- und Entwicklungskonzept für den Mittelmeerraum zu entwickeln - am besten mit der Türkei und Israel - und adäquate politische, ökonomische und militärische Ressourcen investieren, dann gäbe es in Berlin mehr zu bereden.

Dieter Schweitzer, 74, ist Arzt. Er lebt seit Langem in den USA und in Berlin.

Obamas Besuch hat nur repräsentative Zwecke. Der Blick der USA richtet sich derzeit mehr auf den lateinamerikanischen Raum und auf Asien. Eine neue Politikergeneration ist herangewachsen. Die Bedeutung der amerikanischen Ostküste hat abgenommen. Zudem wird die Rolle Deutschlands und der EU im für die USA zentralen irakisch-israelischen Konflikt kaum wahrgenommen.

Tobias Brück, 19, ist taz-Leser und beantwortete unsere Streitfrage per E-Mail

Deutschland hat für die USA in der Außen- und in der Wirtschaftspolitik massiv an Bedeutung verloren. Die zukünftigen US-Absatzmärkte liegen im pazifischen Raum. Es besteht in außen- und klimapolitischen Fragen ein Dissens. Die mangelnde Konsequenz bei amerikanischen Maßnahmen im Umweltschutz verdeutlicht die Differenzen. Auch über nationale Grenzen hinweg bedarf es der demokratischen Diskussion, die durch konträre Ansichten einen innovativen Konsens erzielen kann. Um globale Probleme wie den Klimawandel ernsthaft angehen zu können, muss sich die USA auch mit Deutschland an einen Tisch setzen.

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