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Tauchen im Auesee - „Das Weltall des kleinen Mannes"

Wesel. 6,7 Meter sind die Taucher unter der Oberfläche des Auesees. Der Computer am Handgelenk zeigt die Tiefe an. Mit sanften Flossenschlägen gleitet Siegfried Meyer (51) durch das grüne Wasser.

In der rechten Hand hält der zweite Vorsitzende des „Barakuda Clubs" einen Kompass, ohne ihn wäre die Unterwasser-Navigation unmöglich. Schwebeteilchen und Algen schränken die Sicht enorm ein.

Halt nicht das Rote Meer

„Zurzeit sind die Sichtweiten schlecht", warnte Siegfried schon vorher, beim Zusammenbauen seiner Ausrüstung. Wie schlecht? „Nicht ganz schlecht. Aber schon ziemlich schlecht", war seine Antwort. Taucher in den hiesigen Breitengeraden sind augenscheinlich Kummer gewöhnt. Der Auesee ist halt nicht das Rote Meer. Und doch steigen Tag für Tag Froschmänner - und Froschfrauen - am Auesee in die Tiefe. Warum?

„Mich fasziniert die Ruhe, die man unter Wasser genießen kann", sagt Angela Kämmerer. Die 45-Jährige wurde jüngst zur neuen Barakuda-Vorsitzenden gewählt. „Ich kann einfach mal abschalten und die Schwerelosigkeit genießen." Da stimmt ihr Vereinskollege Siegfried zu: „Wer taucht, bewegt sich im Weltall des kleinen Mannes."

Aus dem dunklen Grün zeichnet sich plötzlich eine Silhouette ab. Siegfried Meyer hat sein Ziel erreicht. Langsam steigen die Blasen seiner Atemluft zur Wasseroberfläche. Der Schein seiner Taucherlampe erhellt den Rumpf eines Schiffswracks. Es ist die „Poseidon", eine Motorjacht, die Taucher hier versenkt haben. Aktuelle Tiefe: 7,5 Meter.

„Die tiefste Stelle im See liegt bei etwa 17 Metern", sagte Siegfried zuvor bei der Einweisung am Seeufer. „Aber da kommen wir vom Taucher-Einstieg aus nicht hin." Tief bedeutet ohnehin nicht, dass es dort interessant ist. „Je tiefer, desto dunkler und kälter", erklärt Barakuda-Chefin Angela. Sie zieht es vor, sich beim Tauchen an den Randbereichen des Sees aufzuhalten.

Schimmernde Muster

Tiefe: drei Meter. Das Wasser ist hier recht klar. Das weiche Licht der Abendsonne bricht sich an der Wasseroberfläche, die Strahlen malen schimmernde Muster auf den weichen Seegrund. Üppig ist der Bewuchs mit grünen Wasserpflanzen. Junge Barsche gleiten in großen Schwärmen durchs Flachwasser. Hechte liegen auf der Lauer, sammeln Kraft für die spätere Jagd.

„Im Auesee haben wir die ganze Palette der Süßwasserlebewesen", berichtet Siegfried. „Da braucht man daheim kein Aquarium." Bei mehr als 500 Tauchgängen in dem Gewässer hat er schon vieles gesehen: Hechte von 1,40 Meter Länge, Karpfen, Krebse - doch am liebsten mag er den versunkenen Wald.

Tiefe: Fast zehn Meter. Am Grund ist das Wasser tiefbraun. Es ist finster und kühl. Etwas Schwarzes schält sich aus der Dunkelheit. Der versunkene Wald. Taucher haben hier Tannenbäume versenkt. Damit sie nicht an die Oberfläche treiben, sind sie in Beton verankert. Siegfried umrundet die Stämme, deren Nadeln schon lange abgefallen sind. Heute wachsen an den Bäumen Algen und Schwämme. Ein gespenstischer Anblick. „Solch eine mystische Stimmung erlebt man sonst nirgendwo auf der Welt", wird er nach dem Tauchgang sagen.

Nach 62 Minuten sind die Taucher zurück an der Oberfläche. Sie pellen sich aus ihren Neopren-Anzügen. Gemütslage: Begeisterung. Tauchen kann also auch vor der Haustür ein Erlebnis sein. Das ist das Stichwort für Taucher Artur Rodzio (71). „Die Nähe zum Wohnort ist ein großer Vorteil des Auesees", sagt er. Außerdem: „Wer hier tauchen kann, kommt in jedem Gewässer der Welt zurecht."

Immer wieder in die Fluten

Und dann geraten die Barakuda-Taucher ins Schwärmen. Sie erzählen von exotischen Zielen - Thailand, Mexiko, Bali, Philippinen, Malediven - und von unvergesslichen Tauchgängen mit Hammerhaien, Adlerrochen. Das meiste, was Taucher entdecken können, haben sie schon gesehen.

Und trotzdem steigen sie immer wieder in die grünen Fluten. „Bis die Tage", sagen sie zum Abschied. Und: Wer braucht denn schon das Rote Meer, wenn er den Auesee hat.

Tobias Appelt

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