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Bei Nimwegen steht ein Haus im See

Da steht eine Villa auf dem Grund: Guido Brinkman vom Tauchclub „De Kaimaan". Foto: Appelt

Nimwegen. In der Nähe von Nijmegen gibt es ein Unterwasserhaus. Die „Aquavilla" wurde vor fast einem Vierteljahrhundert von Tauchern des Clubs „De Kaaiman" gebaut. Doch was mit dem Haus in Zukunft geschieht, ist ungewiss


Schon zehn Meter unter der Oberfläche ist es stockfinster. Der Lichtstrahl der Taucherlampe wird von den Schwebeteilchen im Wasser geschluckt. Einziger Orientierungspunkt ist ein straff gespanntes Seil. Petra Terbrugge vom Tauchclub „De Kaaiman" zieht sich daran entlang. Seit einer gefühlten Ewigkeit geht das schon so. Der Tauchcomputer an Petras Handgelenk zeigt inzwischen eine Tiefe von 13 Metern - und plötzlich ist vor ihr ein heller Lichtpunkt zu erkennen. Es ist das Ziel dieses Tauchgangs: die „Aquavilla". Hier, in der Nähe der Stadt Nijmegen, steht am Grund des Tauchplatzes „De Berendonck" in 18 Metern Tiefe eines der größten und ältesten Unterwasserhäuser Europas.

Es ist ein erstaunliches Bauwerk. Die Taucher des Clubs haben es vor beinahe einem Vierteljahrhundert aus einem ausrangierten Übersee-Container gefertigt. „Damals, in den späten 80ern, waren Taucher noch richtige Kerle", scherzt Clubmitglied Guido Brinkman (42). „Die wussten, wie sie mit einem Schweißbrenner umzugehen hatten." Wer ins Unterwasserhaus will, muss erst ein Vorhängeschloss öffnen und ein schweres Gitter beiseite scheiben. Petra hantiert mit einem Schlüssel. Keine leichte Aufgabe, wenn die Finger als Schutz vor dem sechs Grad kalten Wasser in dicken Neopren-Handschuhen stecken. Dann ist der Eingang frei. Und über eine Treppe geht es hinein ins Haus. „Willkommen", sagt Petra, „Du bist der 2917. Taucher, der dieses Haus in den vergangenen 25 Jahren betreten hat."

Die Taucher haben ein Faible für Statistik. Und das ist gut so. Denn dadurch haben sie stets Zahlen parat: Das Haus ist sechs Meter lang, 2,50 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Das Gesamtgewicht liegt bei rund 65 Tonnen. Auf dem Dach und am Boden sind schwere Betonplatten verankert, damit der mit 34000 Litern Luft gefüllte Raum nicht abhebt und wie ein Luftballon an die Oberfläche schießt.


„Nicht die Zeit aus dem Augen verlieren"

Petra hat ihre Tauchausrüstung abgelegt und beginnt mit einer Führung. Es ist kühl hier, frische Luft wird von der Oberfläche in den feuchten Raum gepustet. Der Luftstrom erzeugt ein gurgelndes Geräusch. Es ist schon unheimlich in dieser an für sich lebensfeindlichen Umgebung. Einzig der Gegendruck der in den Container gepressten Luft verhindert, dass Wasser durch die Bodenluke einströmt. Was, wenn nun eines der 2,5 Zentimeter dicken Fenster einen Riss bekommt und platzt? „Keine Sorge", sagt Petra. „Wir dürfen nur nicht die Zeit aus den Augen verlieren, das ist das einzige Risiko."

Anders als an der Wasseroberfläche herrscht hier unten ein erhöhter Umgebungsdruck. Dadurch reichert sich Stickstoff im Körper an. Bleibt man zu lange und taucht anschließend zu schnell auf, könnte man die Taucherkrankheit bekommen. „Deswegen können wir hier unten auch keinen Hotelbetrieb anbieten", sagt Petra. Nach 30 Minuten muss jeder Taucher wieder im Wasser sein. Das reicht für ein paar Tassen Kaffee aus der Thermoskanne, ein Gespräch über die Geschichte des Hauses oder für eine Partie Tischtennis auf dem Tsch in der Mitte des Containers.

Wenn sich Taucher in dem Haus aufhalten, werden sie ständig von der Oberfläche aus beobachtet. Die Stromversorgung des Unterwasserhauses wird von Land aus geregelt, Videokameras übertragen ständig Live-Bilder ans Kontrollzentrum am Ufer. Um mit den Aufpassern an Land reden zu können, haben die Taucher eine Telefonleitung gespannt. High-Tech pur.


Eintrag im Logbuch

Es ist so weit, Guido gibt vom Kontrollzentrum aus das Signal, dass es an der Zeit ist aufzubrechen. Nach kurzer Tauchzeit sind wir wieder an Land. Der Tauchgang wird im „Logbuch" verewigt.

Was in der Zukunft mit der Aquavilla geschieht, ist ungewiss. Alle paar Jahre muss das Monstrum aus Stahl und Beton mit einem Kran aus dem Wasser gehoben werden. Dann wird der Rost abgeschliffen, es bekommt einen neuen Anstrich, die Fensterdichtungen werden erneuert und es wird insgesamt auf Vordermann gebracht. Zwei Mal war das bereits nötig, 1995 und 2001. Langsam wäre es wieder an der Zeit. Doch die Arbeiten sind teuer. „Wir wissen nicht, ob wir das Haus ein drittes Mal restaurieren können", sagt Brinkman. Das Tauchen in „De Berendonck" ist kostenlos, nur Besucher der Villa zahlen 7,50 Euro. „Das reicht nicht, um die Kosten für den Betrieb des Unterwasserhauses zu decken." In der ersten Jahreshälfte 2013 haben die Clubmitglieder gerade einmal 50 Taucher zur Aquavilla geführt.

Von Tobias Appelt

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