Timo Al-Farooq

Freelance journalist & Area Studies Expert, Berlin

1 subscription and 1 subscriber
Article

Die Antiflüchtlingskrise

4yook07fnl detail image 234729

Flüchtlinge in Idomeni / Griechenland warten auf Grenzöffnung © Tim Lüddemann @ flickr.com (CC 2.0), Tim Lüddemann

Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das Gejammer will nicht enden. Ein Kontra gegen den faktenfremden, unsolidarischen Zeitgeist


„Merkels Marschbefehl" titelte letztes Jahr das konservative Nachrichtenmagazin Cicero auf dem Cover der Septemberausgabe, als das „zweite Sommermärchen", das „Wunder von München" bereits ein Jahr her war. Die multiplen Unwahrheiten, die diese martialische Überspitzung konnotierte (Flucht und Migration als Kriegserklärung; der subtile Vorwurf, Merkels humanitäre Geste sei eine Art Volksverrat, was ins selbe ignorante Horn blies wie das von Pegidisten und AfDlern; Überdramatisierung der Geflüchtetenzahl), sind immer noch symptomatisch für die mittlerweile zwar abgeebbte, aber leider noch nicht endgültig begrabene Debatte über Für und Wider von Geflüchtetenaufnahme. Und das trotz Grundrecht auf Asyl im Grundgesetz und der UN-Flüchtlingskonvention.

Obwohl die Statistik nach wie vor eine eindeutige Sprache spricht, scheint es immer noch bei großen Teilen der Bevölkerung nicht angekommen zu sein: Trotz Fluchtbewegungen, wie es sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte, waren die Zahlen der Neuankömmlinge im Rahmen der sogenannten „Flüchtlingskrise" (über 1 Million Menschen 2015) im prozentualen Verhältnis zur EU-Bevölkerung (743,1 Millionen) gesehen auch für den arithmetisch Eingeschränktesten als äußerst marginal zu erkennen (0,13 %!). Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es die meisten in eine handvoll EU-Staaten zog, blieben die Zahlen trotzdem in überschaubarem Rahmen: 476,000 gestellte Asylanträge 2016 im demographisch dahindümpelnden Deutschland (83 Millionen) konstituieren immer noch keine überproportionale Bürde (0,57%!). Demnach hätte das merkelsche „Wir schaffen das" kein Mantra, sondern redundante Selbstverständlichkeit sein sollen.

Im Klartext heißt das: Es gab 2015 hierzulande, in Österreich, Frankreich, UK oder Schweden schlichtweg keine „Flüchtlingskrise". Das Gegenteil zu behaupten ist nicht nur eine Ohrfeige für all die Staaten, die nicht nur erst seit dem syrischen Bürgerkrieg und der ISILisierung dieses Landes und des Iraks Geflüchtete aufnehmen (Libanon, Jordanien, Kenia, Bangladesch, um nur einige zu nennen), sondern auch für die EU-Außengrenzenstaaten Griechenland und Italien, die wegen ihrer geographischen Lage schon seit Jahren Erstankunftsort für Geflüchtete aus Drittländern sind und mit Hilfe des ungerechten Dublin-Verfahren auch noch auf ganz legale Weise von anderen EU-Staaten mit der Versorgung und Verwaltung von Neuankömmlingen alleine gelassen werden können.

Nein, die „Krise" wurde erst durch die verursacht, die in ihr eine sehen wollten: verunsicherte Teile der Gesellschaft, deren Verunsicherung mehr über ihren Rassismus aussagt als über ihre Ängste; Teile der Politik - etabliert wie start-up, rechts wie links, die die reaktive und reaktionäre Feindseligkeit Ersterer versuchen in Wählerstimmen umzumünzen; Teile der Medien, die ihr Bildungs-und Aufklärungsmandat aus ökonomischen Gründen vernachlässigen und das drucken, sagen und senden, was die landläufige Meinung zu sein scheint.

Sie alle in Personalunion konstruierten das Narrativ dieser vermeintlichen „Flüchtlingskrise", die nichts weiter als eine „Antiflüchtlingskrise" war und dies auch bis heute geblieben ist: Denn nicht die Zahl der Geflüchteten war das Problem, sondern der Grad der Antipathie, die ihnen von breiten Teilen europäischer Transit- und Aufnahmegesellschaften entgegenschlug und somit - trotz einer gesellschaftlich breit verankerten Willkommenskultur in einigen Staaten - lediglich jene Krise brachlegte, in der sich unser europäischer, ach so aufgeklärter Humanismus mal wieder befindet. Diese eigentliche Krise findet ihren Ausdruck in europäischer Abschottungspolitik und menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Geflüchteten; in unserer historischen und neokolonialen Mitschuld an Fluchtursachen und unserer seligen Unwissenheit diesbezüglich; sowie in unserer Gleichgültigkeit gegenüber globalen Konflikten und Kriegen und daher in unserem Missmut gegenüber eigenen, proaktiven Handlungsimperativen.

Alle wollen nach Europa? Quel narcissisme!

Nur weil Europa der Geburtsort von Demokratie und Dampfmachine, Sozialversicherung und beutellosem Staubsauger ist, halten wir uns für soviel besser als der Rest der Welt (trotz anderer äußerst fragwürdiger Errungenschaften wie Kolonialismus, Faschismus, Weltkriege und Holocaust): Und aus bifokaler Selbstliebe erliegen wir tatsächlich dem Irrglauben, alle Notleidenden dieser Welt wöllten in unser ach so unbescholtenes Europa. Gehts noch vermessener?

Fakt ist: Die meisten Geflüchteten - ob temporär oder dauerhaft - leben überall, nur nicht in Europa. Davon wiederum leben die meisten Geflüchteten in den Nachbarstaaten des jeweiligen Landes, aus dem sie geflohen sind (eine halbe Million Somalis leben im Nachbarland Kenia und 440,000 in Äthiopien, aber nur 115,000 im fernen UK; 160,000 Geflüchtete aus Eritrea - dem sich am schnellsten entvölkernden Land der Welt - leben im benachbarten Äthiopien (eigentlich ein Erzfeind) und im Sudan, während im vergangen Jahr nur 46,000 in die EU gekommen sind). Dies hat gute Gründe: der Nachbarstaat dient meistens nicht als Sprungbrett in den Westen, sondern als Warteraum für die Rückkehr in die Heimat, auch wenn diese Jahrzehnte auf sich warten lässt und sich vielleicht auch nie erfüllt, wie im Falle der halben Million aus dem Buddhistenmehrheitsstaat Myanmar geflohenen muslimischen Rohingyas in grenznahen Geflüchtetencamps in Bangladesch. Ganz zu schweigen von den Millionenen Palästinensern, die seit Jahrzehnten in Jordanien und im kleinen Libanon leben, zum Teil seit der Nakba und besonders im Letzteren dank dessen fragiler konfessioneller und politischer Gemengelage unter schwierigsten Lebensbedingungen.

Darüber hinaus hat nicht jeder die finanziellen Mittel oder den langen Atem, es bis nach Europa oder zu schaffen (nochmal: Schlepper sind nicht billig, und Balkan-und Mittelmeerroute keine südafrikanische Garden Route). Und drittens: Viele wollen einfach nicht nach Europa! Heimatverbundenheit ist ein universelles Phänomen, die meisten Menschen wollen ihre Heimat schlichtweg nicht verlassen: Antiflüchtlinge mit rassistischen Brettern vor ihren minderbemittelten Köpfen sollen das endlich mal kapieren.

Für uns hierzulande, die der Fremdsprache der Bedachtheit oft nicht mächtig sind, heißt all das übersetzt: Solange in Frankreich oder den Beneluxstaaten keine Hungersnot ausbricht und in Polen oder Tschechien kein Bürgerkrieg, werden wir hier in Deutschland nie eine „Flüchtlingskrise" haben, die in europäischen Staaten wie Griechenland und Italien schon eher diesen Namen verdient, so einfach ist das. Und angesichts der „Lasten", die sozioökonomisch schwächere Staaten wie Äthiopien und Bangladesch (beide zählten vor nicht vor all zu langer Zeit zu den ärmsten Ländern der Welt) schon seit Jahren, gar Jahrzehnten „stemmen", sollten wir uns auf diesem wohlhabenden Kontinenten schämen, wenn wir wegen eines Bruchteils Geflüchteter mit Alarmismus und Abschottung reagieren. Zumal unser Wohlstand in einem nicht unbeträchtlichem Umfang - historisch wie heute - auf Ressourcenausbeutung und wirtschaftliche Benachteiligung eben jener postkolonialen Regionen basiert, aus denen heute Menschen hierher fliehen. Der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka hatte bei einer Podiumsdiskussion im Berliner HKW letztes Jahr über die „Flüchtlingskrise" gesagt, Europa solle gefälligst alle Geflüchteten aufnehmen, die hierher kommen, und das als Reparationszahlung für seine Kolonialverbrechen betrachten, die bis heute ungestraft geblieben sind. Da ist was Wahres dran.

Original