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Fußball-WM Katar: Acht oder neun Männer in einem kleinen Raum

Um die Bauarbeiter der WM-Stadien kümmerten sich Katar und Fifa vorher nicht. Und sie tun es auch jetzt nicht. Dabei trifft Corona die Arbeitsmigranten besonders hart.


Es ist noch nicht lange her, da haben sie sich bei der Fifa noch einmal bestätigt gefühlt in ihrer umstrittensten Entscheidung: feine Sache, die WM in. Als die Fußball-Weltmeisterschaft noch genau 1.000 Tage in der Zukunft lag, am 25. Februar, hat der Weltverband eine Mitteilung verschickt, in der der Präsident Gianni Infantino schrieb, die WM 2022 werde "In- und Ausländern eine neue Perspektive bieten und die Menschen vereinen". Sie werde "ein kultureller und gesellschaftlicher Brückenbauer" sein.


An die, die in Katar tatsächlich Brücken bauen und Fußballstadien, Hotels und Parkplätze, wird Infantino eher nicht gedacht haben. Im Emirat Katar leben 2,6 Millionen Menschen, darunter 2 Millionen Arbeitsmigranten. Sie stammen aus Ländern wie Bangladesch und Nepal und hoffen, im reichen Katar der Armut in ihrer Heimat zu entkommen.

Nur lebt es sich in Katar nicht gut als Arbeitsmigrant. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren seit Jahren unwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen und das Kafala-System. Der Fußball möchte lieber nicht genau hinschauen. Es geht um Macht und Geld. Auch Franz Beckenbauer war 2013 zu Besuch im Emirat, er sagte: "Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen."


Zuletzt ist wieder öfter über Katar berichtet worden. Mitte März haben sich 238 Arbeitsmigranten mit dem Coronavirus infiziert. Innerhalb weniger Tage soll die Zahl der infizierten Arbeiter um mindestens 113 weitere Fälle gestiegen sein, schreibt der Guardian. Tendenz steigend.


Seitdem herrscht eine halbe Autostunde außerhalb der Hauptstadt Doha, in den Unterkünften der Arbeiter, Ausnahmezustand. Tausende sind in Quarantäne - und wer sich einmal mit den Lebensbedingungen in den Unterkünften dort beschäftigt hat, wird sich nun erst recht große Sorgen machen. Acht oder neun Männer in einem kleinen Raum, Sanitäranlagen gibt es wenige und manchmal nicht einmal fließendes Wasser.


"Infizierte Arbeiter und Arbeiterinnen und auch solche, die es womöglich noch nicht sind, sitzen auf engstem Raum fest", sagt Regina Spöttl, die sich bei Amnesty International mit Entwicklungen in der Golfregion beschäftigt, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Was wir Social Distancing nennen, ist dort unmöglich." Laut der Johns Hopkins University waren in Katar Ende März 781 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, es gibt zwei Todesopfer.


Längst hat die Regierung Versammlungen auf öffentlichen Plätzen verboten und Einkaufszentren, Kinos oder Fitnessstudios geschlossen. Nur auf den Baustellen im Emirat wird weiter geschuftet, auch auf denen für die WM. Wie der Guardian berichtet, werden die Arbeiter in vollbesetzten Bussen mit bis zu sechzig Personen zu den Baustellen gefahren, die Arbeit ist mühsam und die Temperaturen steigen auch zu dieser Jahreszeit auf über 30 Grad. Es sind ideale Bedingungen für ein Virus wie Covid-19.


Es ist in Katar wie überall auf der Welt: Eine Pandemie wie Covid-19 trifft oft diejenigen besonders hart, denen es ohnehin am Nötigsten fehlt. In Katar sind es die Arbeitsmigranten.


Die Fifa äußert sich nicht zu Details

Man sei sich bewusst, dass die Lage der Arbeitsmigranten in Katar ernst ist und tue alles, um die Menschen zu schützen, teilt die auf Anfrage mit. Für Details möge man sich an Katars Supreme Committee for Delivery & Legacy wenden, schließlich sei man dort verantwortlich für die Infrastruktur der WM 2022.


Das Komitee wiederum schreibt, unter den 25.000 Arbeitern, die auf WM-Baustellen eingesetzt werden, sei noch kein einziger, der am Coronavirus erkrankt sei. Prüfen lässt sich das nicht. Und ja, man messe bei jedem Arbeiter zweimal täglich Fieber. Wer zu einer Risikogruppe gehöre, werde vorsorglich in Quarantäne geschickt. Und natürlich werde auch bezahlt, wer erkranke und deshalb nicht arbeiten könne. Zwei Wochen, schreibt das Komitee, zahle es das volle Gehalt, anschließend die Hälfte, nach sechs Wochen nichts mehr.


Ist das also die Wandlung eines Unrechtsstaats, der kein Unrechtsstaat mehr sein mag? Man darf zweifeln. Einige Arbeiter hätten unbezahlten Urlaub nehmen müssen, nur Essen hätten sie bekommen, schreibt der Guardian und beruft sich auf eigene Quellen. Andere hätten gemeinsam eine der Massenunterkünfte gereinigt, um sich vor Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Sonst habe dies keiner getan. 


2019 hat das WDR-Magazin Sport Inside mit versteckter Kamera einen bedrückenden Film in den Unterkünften gedreht, Gefangen in Katar. Stimmt die Recherche, nehmen Unternehmer den Arbeitern nicht nur die Pässe ab, sondern zahlen auch manchmal monatelang nicht. Und auf Baustellen und in den Unterkünften kommt es zu Misshandlungen und immer wieder zu Todesfällen.


Dabei hatte Katar eigentlich angekündigt, das ausbeuterische Kafala-System abzuschaffen. Was sich das Emirat überlegt hatte, klang zunächst gut: So sind Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch für Hausangestellte inzwischen geregelt. Es existiert ein Fonds zur finanziellen Entschädigung von Arbeitern, die nicht bezahlt oder deren Papiere einbehalten wurden. Und die meisten Arbeiter dürfen nun ausreisen, wann sie wollen.


Medizinische Versorgung nur in der Theorie

Doch in der Realität, da sind sich Menschenrechtsorganisationen einig, würde vieles davon gar nicht umgesetzt. Katar habe tatsächlich einige Gesetze verabschiedet, aber "die Behörden scheinen mehr daran interessiert zu sein, diese kleinen Reformen in den Medien zu fördern, als sie zum Funktionieren zu bringen", sagt Michael Page, der stellvertretende Direktor für den Nahen Osten bei Human Rights Watch.


Auch Amnesty International bemängelt, Katar müsse die gemachten Zusagen nun endlich einhalten. Noch immer müssten Arbeiter ihre Pässe beim Arbeitgeber abgeben, eine medizinische Versorgung sei nur in der Theorie gewährleistet und der Mindestlohn liege umgerechnet bei gerade einmal 188 Euro pro Monat. 


"Auch das schönste Gesetz ist nichts wert", sagt Regina Spöttl, die Katar-Expertin von Amnesty International, "wenn es nicht eingehalten und umgesetzt wird".

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