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Der Spaß beim Lesen kommt mit der Übung

Studie zum Lesen zeigt, was Kinder motiviert

Macht Kindern Lesen Spaß, lesen sie mehr, werden besser und haben noch mehr Freude daran. Je mehr sie üben, umso mehr Spaß macht es ihnen letztendlich. Doch wie bringt man Kinder dazu, Lesen zu üben?

 „Erst hatte der Papa keinen Nerv und die Mama zu viel Arbeit, um beim Lesen nachzuschaugn. Dann hab ich mich halt alleine hin ghockt und dann plötzlich haben’s alle gefragt, was liest n da? Und dann haben mir doch laut gelesen. Also, mhh, ich glaub schon, dass des was bracht hat.“ So lautet das Fazit eines Zweitklässlers, der an der Studie „Basale Lesekompetenz fördern“ zum FLOH-Lesefitness-Training, teilgenommen hat. Prof. Gabriele Gien, die den Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur  an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt innehat, setzte sich im Rahmen einer großen empirischen Untersuchung mit der Fragestellung auseinander, wie Lehrer und Eltern Kinder dazu motivieren können, lesen zu üben und wie sie dadurch ihre Lesekompetenzen verbessern.

 

Persönliche Leistungssteigerung und Gemeinschaftsgefühl  

Wie über 1000 andere Grundschüler bekam auch der Zweitklässler Testbögen, die sich in Leseverständnis- und  Lesetempo-Checks gliederten. Für jede richtige Antwort und Lesetemposteigerung konnten die Schüler Punkte erwerben. Dadurch konnten sie ihre persönliche Verbesserung dokumentieren. Doch ebenso sammelten die Schüler Punkte, um Papiermotive für ein Klassenposter, den Lesewurm, zu erwerben. Der wurde immer länger, die Schüler konnten ihren gemeinsamen Erfolg bildlich erfassen – ein Gemeinschaftsgefühl kam zu Stande. Dies stellt einen wichtigen Faktor der Lesemotivation dar, denn: Das Lesen soll Spaß machen. Deswegen gab es auch weder Leistungs- noch Notendruck. Das motivierte die Schüler offenbar zu üben: 88,8 Prozent der Jungleser gaben am Schuljahresende  an, schneller lesen zu können als am Schuljahresbeginn, 86,6 Prozent fühlten sich sicherer und immerhin 71 Prozent sagten, sie verstünden jetzt besser, was sie lesen.

 

„Unser Gehirn ist nicht fürs Lesen gebaut“  

Nur durch Spaß am Lesen liest man mehr und steigert somit wiederum seine eigene Lesekompetenz. Und nur wenn das Lesen flüssig klappt, wird es einfacher. Doch bereits an der Flüssigkeit des Lesens scheitern viele Schüler. Das Grundproblem dabei lautet: „Unser Gehirn ist eigentlich nicht für das Lesen gebaut, denn das Lesen erfanden die Menschen erst vor einigen tausend Jahren. Dank einer ‚offenen Architektur’ ist das Gehirn aber in der Lage, neue Verbindungen zwischen Schaltkreisen und Strukturen herzustellen und auf neue, evolutionäre Herausforderungen zu reagieren, das Gehirn kann sich verändern und ist beeinflussbar“, heißt es in der Studie von Prof. Dr. Gabriele Gien, die den Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt inne hat.


Jede Generation müsse erlernen, die Buchstaben selbst zusammenzusetzen, damit Wörter, Sätze, Texte entstehen. Je mehr die Schüler dann üben, desto mehr ganze Wortbilder prägen sie sich ein. Und umso schneller erkennen sie die Wortbilder wieder. Durch Automatisierung wird aus Buchstabenzusammensetzen dann Lesen. „Wenn die basalen Lesefertigkeiten nicht zur Gewohnheit werden, nützen alle anderen Maßnahmen der Leseförderung wenig und man muss zu dieser Stufe zurückgehen“, erklärt Prof. Dr. Gien.

 

Frühe Förderung in der Schule und daheim wichtig  

In der Untersuchung wurde deutlich, dass vor allem eine frühe Förderung der Lesekompetenzen wichtig ist. Zwar könne sie noch bis zur neunten Klasse gesteigert werden, am bedeutendsten allerdings sind die Grundlagen, die früher gelegt werden. Je früher, desto besser. Dabei ist es wichtig, „bereits im frühen Lesealter Kinder mit unterschiedlichen Textsorten zu konfrontieren“, heißt es in dem Forschungsbericht. Zudem sei es wichtig, dass die Kinder nicht nur in der Schule das Lesen üben, sondern auch zu Hause, erklärt die Wissenschaftlerin in ihrer Studie. Daher sind die vom BLLV herausgegebenen Schul-Jugendzeitschriften FLOHKISTE/floh! besonders gut geeignet und bilden die Plattform des FLOH-Lesefitnesstrainings.

 

Spannende Bücher sind angesagt, Gedichte kaum  

Die Schüler konnten in ihren Testbögen auch ihr Lieblingsbuch, die Lieblingsthemen und den Lieblingsort zum Lesen angeben – wichtige Hinweise für die Lehrkräfte und Eltern. So kamen vor allem witzige und spannende Bücher sowie Bücherserien bei den Junglesern gut an. „Ganz klischeehaft kam bei Mädchen alles rund ums Pferd gut an“, sagt die Professorin- Für Gedichte hingegen hätte sich kaum ein Grundschüler begeistern können. Die Untersuchung habe zudem gezeigt, dass in den teilnehmenden Klassen mehr in der Unterrichtszeit gelesen wurde als das in anderen Klassen der Fall war. Gerne nahmen die Schüler aber auch zu Hause vor dem Schlafengehen ein Buch zur Hand.

 

Übung macht den Meister  

Professor Gien erklärt: „Am allermeisten kann man die Kinder durch Vorlesen oder durch Buchvorstellungen anderer Schüler motivieren. Außerdem kann auch ein gemeinsamer Besuch der Buchhandlung anspornen. Auf keinen Fall soll man die Kinder aber zum Lesen zwingen. Das klappt nur kurzfristig.“ Darüber hinaus wird die Motivation gesteigert, wenn zu Hause oder im Unterricht über das Gelesene gesprochen wird – gerade bei denen, die mit der geringsten Lesekompetenz an der Studie teilnahmen. Die Leseverständnis- und Lesetempo-Checks belegten, dass die Steigerung bei jenen Klassen und Schülern am größten war, die zu Beginn die geringsten Lesekompetenzen vorweisen konnten. Dabei hat es so ziemlich allen gefallen, die mitgemacht haben. 98,6 Prozent der Grundschüler würden wieder mitmachen, gaben sie an.  Von Thomas Klotz


erschienen auf www.bllv.de