Thomas Fritz

Freier Sportjournalist und Texter (Print, Online), Leipzig

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Leon Draisaitl: Der Eis-Nowitzki

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Leon Draisaitl im letzten WM-Test gegen die USA. Foto: Deutscher Eishockey-Bund e.V. (DEB) / City-Press GmbH

Leon Draisaitl ist der beste deutsche US-Export seit Dirk Nowitzki – und ähnlich bescheiden. Die Eishockeynationalmannschaft soll er zu einer erfolgreichen WM führen.

Von Thomas Fritz

Es dauert gerade mal 18 Minuten, ehe Leon Draisaitl im WM-Test gegen Österreich seine Klasse zeigt. Da bekommt der 23-Jährige die Scheibe, legt sich den Puck sechs Meter vor dem Tor ein paar Mal von rechts nach links und zurück, ehe er aus dem Handgelenk ins rechte untere Eck abzieht - 1:0. Zwei Tore gelingen dem NHL-Profi bei der 2:3-Niederlage, sein erster Einsatz mit dem DEB-Team vor der Eishockey-Weltmeisterschaft, die vom 10. bis 26. Mai in der Slowakei stattfindet.

Zwei Tage später trifft die Mannschaft von Bundestrainer Toni Söderholm erneut auf die Ösis. Diesmal spielt Draisaitl sogar noch besser: Er erzielt drei Treffer, darunter eine spektakuläre Direktabnahme aus der Luft, ein Tor bereitet er vor. Wenn er am Puck ist, geht ein Raunen durch die Halle in Deggendorf. Das DEB-Team gewinnt 5:1 - und blickt trotz durchwachsener Vorbereitung optimistisch auf den WM-Auftakt gegen Großbritannien (Samstag, 16.15 Uhr).

Die Chancen auf ein starkes Turnier sind durch Draisaitls Zusage gestiegen. Bei den Edmonton Oilers knackte er als erst sechster NHL-Profi in den vergangenen zehn Jahren die 50-Tore-Schallmauer und legte 55 Treffer auf. Beides sind neue Saisonbestwerte für einen Deutschen. Der alte Rekordhalter war: Leon Draisaitl. Macht der Kölner (312 Scorerpunkte) so weiter, dürfte er Marco Sturm (487) schon 2020/21 übertroffen haben - mit nur 26 Jahren. In den großen US-Sportligen kann einzig Dirk Nowitzki eine individuell herausragendere Spielzeit eines deutschen Athleten vorweisen. Der große Blonde wurde 2006/2007 zum wertvollsten Spieler der NBA gewählt, zweimal landete er unter den ersten Drei.

"Besser als Gretzky"

Auch Draisaitl wird schon mit den Größten seiner Zunft verglichen. Zum elitärem 50-Tore-Club gehören auch Alexander Owetschkin von den Washington Capitals und Sidney Crosby von den Pittsburgh Penguins. Die prägenden Superstars der vergangenen Dekade. Der letzte Oilers-Profi mit 50 Treffern war Wayne Gretzky, Spitzname "The Great One". 32 Jahre liegt das zurück.

Gretzky gewann mit den Kanadiern viermal den Stanley Cup und gilt als bester Eishockeyspieler aller Zeiten. Schon vor einigen Jahren orakelte Ex-Bundestrainer Pat Cortina. "Vielleicht wird Leon auch besser als Gretzky." Das grenzte fast an Gotteslästerung.

Draisaitls individuelle Klasse übersetzt sich anders als bei Gretzky bisher nicht in Teamerfolge. Mit den Oilers und dem Co-Star Connor McDavid verpasste er zum vierten Mal in fünf Jahren die Playoffs. Deswegen kann er überhaupt bei seiner fünften Weltmeisterschaft die Schlittschuhe schnüren. Beim deutschen Olympia-Silber 2018 stand er nicht auf dem Eis, weil die NHL-Funktionäre ihre Saison nicht unterbrechen wollten.

Elf Helden von Pyeongchang stehen aktuell im Kader, darunter Kapitän Moritz Müller (Kölner Haie), Patrick Hager (EHC Red Bull München) und Dominik Kahun (Chicago Blackhawks). Mit Draisaitl und Korbinian Holzer (Anaheim Ducks) sind zwei weitere Amerika-Legionäre dabei. Nur: Die anderen Teams können ebenfalls auf viele ihrer Übersee-Stars zurückgreifen. Russland tritt mit Alex Owetschkin und dem NHL-Topscorer Nikita Kutscherow an, die USA haben Patrick Kane und Johnny Gaudreau im Kader. Die deutsche Offensive besitzt große Qualität, aber gerade in der Verteidigung klafften in der Vorbereitung viele Lücken. Ohne ein kompaktes und geschlossenes Auftreten wird es schwer.

Er vermisst den Karneval

Draisaitl ist in dieser Hinsicht pflegeleicht. In der ARD sagte er zum neben ihm sitzenden Moritz Müller (32), er selbst stehe wegen geringerer Länderspielerfahrung in der Hierarchie "ganz klar" hinter dem Kapitän. Allüren und große Töne sind ihm fremd. Showeinlagen oder Freudentänzchen gibt es keine. Nach seinem 50. Saisontor riss er kurz die Arme hoch und klatschte mit den Teamkollegen ab. Das war's.

Der Sohn des früheren Nationalspielers Peter Draisaitl ist ein "Kölscher Jung" geblieben. In Kanada vermisst er seine Freunde, den Karneval und die Spaghetti Bolognese seiner Mama Sandra, die häufig einfliegt und für den Sohnemann kocht. Übers Internet verfolgt er, wie sich der FC und die Haie schlagen. In Interviews wirkt er manchmal ein bisschen unsicher. Er fasst sich oft an die Nase, die Antworten fallen nicht länger als nötig aus. Der Trubel um seine Person scheint Draisaitl – wie Dirk Nowitzki – eher unangenehm zu sein. Teamkollegen loben seinen Sinn für Humor, eine weitere Parallele zum jüngst zurückgetretenen Basketballer.

Bei den Kölner Haien beginnt das Talent in der U10 mit dem Eishockeyspielen, ehe er 2010 zu den Jungadlern Mannheim wechselt. Mit 16 Jahren geht er in die kanadische Nachwuchsliga CHL. Dort wird er zum besten Neuling des Jahres gewählt. Die halbe NHL ist hinter dem groß gewachsenen Deutschen her. 2014 zieht ihn Edmonton in der Draft, der jährlichen Talentewahl, an Nummer drei. Damit ist Draisaitl der am höchsten gedraftete Deutsche aller Zeiten. Väterlicher Druck spielt bei seiner Entwicklung offenbar keine Rolle. "Ich bin in erster Linie nur froh, dass aus Leon so ein guter Junge geworden ist", sagte Peter Draisaitl 2018 dem Kölner Express. "Das ist für mich als Vater das Wichtigste." 

Jedes Jahr ein bisschen besser


In Edmonton wird Draisaitl im zweiten Jahr zum Leistungsträger. In der dritten Saison ist er bester Scorer seines Teams in den Playoffs. Während er früher mehr durch Vorlagen glänzte, hat er sich inzwischen zu einem gefährlichen Torschützen entwickelt. Seine Trefferquote stieg dank vieler Extraeinheiten von 12,9 Prozent in der Vorsaison auf 21,6 Prozent. Eine spektakuläre Steigerung. Die Fans wählten Draisaitl erstmals ins Allstar-Spiel, im Nebenprogramm gewann er den Wettbewerb der besten Passgeber. Mit einen Salär von 8,5 Millionen Dollar gehört er zu den Höchstverdienern der Liga. "Ich bin sehr beeindruckt, aber nicht überrascht", sagt der frühere Bundestrainer Marco Sturm. "Ich habe ihn bei ein paar Weltmeisterschaften trainiert und er ist jedes Jahr besser und besser geworden."

Ken Hitchcock, sein Ex-Coach in Edmonton, erklärt, Draisaitl verstehe es meisterlich, sich vor der gegnerischen Verteidigung zu verstecken und dann blitzschnell in die Scoring-Zone vorzustoßen, wenn der Puck dort landet. Der 1,88-Meter-Mann, der als Center und rechter Flügel auflaufen kann, ist ein Meister im Antizipieren. Außerdem verfügt Draisaitl über eine exzellente Stockbehandlung. Der Angreifer schlägt geschickt Pucks weg und stellt seine Gegenspieler. Er verstecke seinen Schläger so gut wie kaum jemand in der Liga, sagt Hitchcock. "Mit 23 Jahren so zu spielen, ist ziemlich beeindruckend."

Aber kann der NHL-Star seine Form bei der WM konservieren? Und werden seine Mitspieler nicht nur zuschauen, wenn die Draisaitl-Show beginnt? Gegen Großbritannien, Dänemark und Frankreich ist das deutsche Team klar favorisiert. Gegen die Slowakei, Kanada, die USA und Finnland muss mindestens ein Sieg her, um nach dem Vorrunden-Aus im Vorjahr wieder das Viertelfinale zu erreichen. Jetzt heißt es: zurücklehnen und genießen. Was seine individuellen Fähigkeiten betrifft, ist Leon Draisaitl vielleicht schon heute der beste deutsche Eishockeyspieler aller Zeiten.

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