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Warum drei Klimaforscher:innen nicht mehr das Klima erforschen

Ausgeforscht: Payal Parekh, Wolfgang Knorr und Janina Messerschmidt arbeiten nicht mehr in der Klimawissenschaft. Fotos: Danielle Liniger, privat.

Die Menschheit weiß seit Jahrzehnten alles Grundlegende über die Klimakrise - und hält sie trotzdem nicht auf. Was macht das mit denen, die dieses Wissen produzieren? Unsere Autorin hat mit Klimawissenschaftler:innen gesprochen, die ihren Job geschmissen haben und die Rettung des Planeten jetzt anders angehen.


In einer Welt voller Krisen scheint die Bedrohung durch die Klimakatastrophe für viele abstrakt und weit weg. Dabei ist sie das keineswegs: Durch das Hochwasser im Sommer 2021 starben mehr als 180 Menschen. Extremwetterereignisse werden durch die Klimakrise wahrscheinlicher, und sie werden heftiger.

Vor über 30 Jahren veröffentlichte der Weltklimarat IPCC, die wichtigste wissenschaftliche Instanz in Sachen Klima, seinen ersten Sachstandsbericht mit Warnungen vor der Erderhitzung. In den 30 folgenden Jahren sind die CO 2-Emissionen weltweit um 67 Prozent gestiegen - trotz der politischen und diplomatischen Bemühungen von klugen Menschen auf 26 Weltklimakonferenzen.

Vielerorts spitzt sich die Lage zu: Alaska verzeichnete im vergangenen Dezember einen Temperaturrekord von 19,4 Grad Celsius, wo eigentlich minus 20 Grad zu erwarten wären. In der Ostantarktis wurden Mitte März 40 Grad zu viel gemessen.

Aufgrund menschlicher Eingriffe stößt die Region des Amazonasregenwalds inzwischen teils mehr Treibhausgase aus, als sie absorbiert. Nie in der Geschichte der Menschheit war die Konzentration von CO 2 in der Atmosphäre so hoch wie heute.

Es ist längst nicht nur der Temperaturanstieg, der eine existenzielle Bedrohung für das Leben auf unserem Planeten darstellt: Auch in Gewässern, Böden und Ökosystemen wie Mooren und Meeren wurden die Belastungsgrenzen teilweise schon überschritten.

Die Ostsee sich bereits um zwei Grad erwärmt, das setzt den Dorsch unter Stress. Menschen, die sich mit Meeresbiologie befassen, glauben nicht mehr an eine Erholung der Populationen jener Arten, die einmal die häufigsten Fangfische der Ostsee waren: Kabeljau ade!

Immer mehr Wissen, aber kein Handeln

Doch wenn diese Erkenntnisse zur Klimakrise schon so lange bekannt sind, warum ist dann die Notwendigkeit einer umfassenden Transformation noch immer nicht im Mainstream angekommen?

Schlagzeilen machte auch der neue IPCC-Bericht kaum, und das, obwohl aus der Wissenschaft deutlichere Worte kommen als je zuvor: "Halbe Sachen sind keine Option mehr", sagte Hoesung Lee, der Vorsitzende des IPCC. Der aktuelle Sachstandsbericht sei eine "deutliche Warnung vor den Folgen der Untätigkeit".

Anfang Januar haben einige Professoren ein Moratorium für die Klimaforschung gefordert. Sie wollen keine weiteren Berichte durch den IPCC veröffentlicht sehen, bis Regierungen weltweit ernsthafte Maßnahmen ergreifen. Wenn es nicht Fakten sind, die das Blatt wenden, was ist es dann?

Ausgeforscht

Drei promovierte Klimawissenschaftler:innen erzählen, warum sie aus der Forschung ausgestiegen sind - und wie sie nun stattdessen mit der Klimakrise umgehen. Eine Kurzserie.

Wir wissen doch schon alles! Geologin Payal Parekh: "Mein Chef sagte: 'Du bist zu politisch'" Mathematiker Wolfgang Knorr: "Wir Klimawissenschaftler haben die Menschheit im Stich gelassen" Physikerin Janina Messerschmidt: "Auf Konferenzen wurde in einem neutralen Ton vorgetragen, unglaublich"

Das haben wir drei Klimawissenschaftler:innen gefragt, die jahrelang erfolgreich wissenschaftlich arbeiteten, nun aber schon einige Zeit aus der akademischen Welt ausgestiegen sind - weil sie ihnen zu unpolitisch war.

Seit den Protesten von Fridays for Future und der Gründung der Scientists for Future hat sich zwar vieles verändert, aber Payal Parekh, Janina Messerschmidt und Wolfgang Knorr würden ihr altes Leben dennoch nicht mehr wiederhaben wollen.

Wie so viele andere haben sie sich gefragt, was es jetzt angesichts der Krise zu tun gilt - und fanden dadurch die unterschiedlichsten Aufgabenfelder, denn zu tun gibt es viel. In einem Punkt sind sie sich einig: Es braucht nicht noch mehr Wissen, sondern einen tiefgreifenden Wandel von Werten und der Art, wie wir das gemeinsame Leben auf dem Planeten gestalten.

Der Beitrag erschien zuerst in Oya - enkeltauglich leben
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