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torial Blog | Journalismus&Netz im Juli: Tipps für Innovation, die Werte der SZ, Recherche auf TikTok

Was es bei innovativen Projekten zu beachten gilt, warum der Wertekompass der SZ für Diskussionen sorgt und wie man auf TikTok recherchiert.

Vor fünf Jahren ist das Media Lab Bayern an den Start gegangen, um als Inkubator Innovationen im Medienbereich zu fördern. Auch einige journalistische Angebote waren darunter, wie Der Kontext, Wafana oder The Buzzard. Auf Medium zieht Media-Lab-Leiterin Lina Timm Bilanz. Interessant und ehrlich finde ich vor allem diese Erkenntnis:

Man kann nichts neu machen, ohne Altes abzuschaffen. 99% der Ideen gibt es schon. Der Großteil, wenn nicht gar alle Innovationen sind eine Verbesserung von bestehenden Dingen.

Und dann berichtet Timm von fünf Lektionen, von denen ich exemplarisch die zweite erwähne: Hinterfrage alles. Damit meint sie, dass neue Ideen nur entstehen, wenn man die Routine hinterfragt. (Es gibt auch eine offizielle Jubiläums-Seite des Media Labs mit Zahlen, einer Timeline und Learnings).


Nutzerzentrierte Formatentwicklung beim BR

Wie Innovation bzw. die neue Contentstrategie die Unternehmenskultur beim Bayerischen Rundfunk (für den ich auch arbeite) ändert, schildert Salvan Joachim, Teamlead Digitale Formatentwicklung, im BR-Next-Blog auf Medium. Joachim legt dar, wie der BR neue Formate entwickelt: Am Anfang der dreistufigen Content-Strategie steht die Zielgruppendefinition. Der BR hat sich genau angeschaut, welche Zielgruppen er gut erreicht, welche weniger und welche noch so gut wie gar nicht.

Darauf baut eine nutzerzentrierte Formatentwicklung (zum Beispiel die News-WG) auf und schließlich werden klare Ziele in Form von KPIs festgelegt und evaluiert. Diese nutzerzentrierte Formatentwicklung hat zu einem Kulturwandel im BR geführt:

„Wo Führungskräfte früher gewohnt waren, das Gespräch einzuleiten mit ‚Ich will, dass wir X machen' oder ‚Meine Tochter ist 15 und jetzt auf Plattform Y', da beginnen die Gespräche jetzt immer öfter mit ‚Was hat die Beschäftigung mit der Zielgruppe ergeben?'"


Neue Kanäle zu bespielen, ist nur bedingt innovativ

Auch Johannes Klingebiel hat sich in den vergangenen Jahren mit Medieninnovationen beschäftigt, und zwar für die Süddeutsche Zeitung (SZ). Über seine Erfahrungen berichtet er auf seinem Blog, der erste Beitrag zieht ein eher pessimistisches Fazit. Klingebiel findet, dass Innovation im Journalismus in den letzten zehn Jahren fast ausschließlich das Erschließen neuer Distributionskanäle bedeutete (VR, Voice, Chatbots):

„Wer seine Mitarbeiter nur über VR-Brillen und Roboterjournalisten sinnieren lässt, hält sie weit weg vom operativen Tagesgeschäft und verhindert so echte Veränderung am Geschäftsmodell, der Organisationsstruktur oder Unternehmenskultur."

Oft werde alter Wein in neue Schläuche gegossen und dies als Innovation verkauft anstatt grundlegend den Journalismus zu verändern.


SZ definiert ihr Selbstverständnis

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung, in deren Innovationsabteilung Klingebiel arbeitet, hat vor einigen Wochen ihr Selbstverständnis in ein Zehn-Punkte-Papier gefasst, das „in der digitalen Transformation als Kompass dienen soll". Im Wesentlichen geht es um journalistische Standards, der digitale Wandel wird eher am Rande thematisiert, am stärksten in Punkt 7, in dem es heißt:

„Die Redakteurinnen und Redakteure begreifen den digitalen Raum als Experimentierfläche und wollen selbstbewusster Vorreiter für digitalen Qualitätsjournalismus sein, vom multimedialen Longread bis hin zur Podcast-Serie - ohne dabei auf jeden Trend aufzuspringen."

Auf piqd wurde das Papier kritisch diskutiert („warum muss man das überhaupt veröffentlichen?", „ziemliches Armutszeugnis", „Selbstverständlichkeiten"). Die ehemalige SZ-Mitarbeiterin Dorit Kowitz kritisiert, die neue Co-Chefredakteurin Judith Wittwer sei„quasi schon vor Antritt entmachtet worden, indem man ihr komplett neu umgebaute Ressorts und Ressortleitungen vor die Nase setzt, ohne ihre Expertise abzuwarten, ohne ihr Zutun". Über die Umbesetzungen hatte die Berliner Zeitung berichtet.

Kress Pro-Chefredakteur Markus Wiegand hält das Wertepapier für den „Gipfel der Naivität". Er stört sich vor allem an dem Satz „Die Qualität eines Textes und dessen kommerzieller Erfolg sind grundsätzlich getrennt zu betrachten." Wiegand sieht das genau anders herum: „Die Qualität eines Textes und dessen kommerzieller Erfolg können nicht getrennt voneinander betrachtet werden." Künftig würden Medien noch stärker über das Geld der Nutzer finanziert werden. Deswegen werde die Fähigkeit, Inhalte digital zu verkaufen, „entscheidend dafür sein, wie groß Redaktionen künftig sein werden".

Eine heikle Diskussion. Ja, Medien müssen sich verkaufen, aber ich finde, dass diesem Ziel nicht die gesamte Themenauswahl und -aufbereitung untergeordnet werden darf. Journalismus ist mehr als ein Produkt und hat auch eine gesellschaftliche Aufgabe: Auf Missstände hinweisen, Öffentlichkeit herstellen, durch fundierte und ausgewogene Berichterstattung Meinungsbildung ermöglichen. Dafür sollte meines Erachtens auch in Zukunft Platz sein, ganz unabhängig von der absoluten Reichweite oder Monetarisierung.


100 Jahre Kicker: Branchenführer auch im Netz

Eine andere bekannte Printmarke war im Juli ebenfalls viel im Gespräch: Das Sportmagazin Kicker, das 100 Jahre alt geworden ist. Aus der großen Anzahl an Würdigungen habe ich die der SZ herausgegriffen, weil sie nicht nur rein deskriptiv die Stationen der Kicker-Geschichte herunterbetet, sondern das Magazin sehr treffend charakterisiert:

„Dass der Kicker sich selbst und vor allem den Fußball überaus ernst nimmt und man ihm gelegentlich wünscht, er möge öfter mal ein Lächeln aufsetzen, das gehört zu seiner überlieferten Kultur."

Der Kicker ist auch eine erfolgreiche digitale Marke (weswegen er Eingang in diesen Rückblick findet). „Als digitales Medium ist der Kicker der Konkurrenz enteilt, mit schnellen, präzisen Informationen auf Abruf verdient er im Netz mehr Geld als in Handel und Vertrieb", schreibt Selldorf weiter. Ich kenne kaum einen Fußballfan, der nicht die Kicker-App installiert hat und sich dort über seinen Lieblingsklub auf dem Laufenden hält. Gerade bei Spielen ist man mit dem Kicker-Ticker zumindest ein bisschen live dabei.


Das Medienmagazin ZAPP muss sparen - und zugleich digitaler werden

Bei weitem nicht so gut geht es dem NDR-Medienmagazin „ZAPP". Es soll zwar weiter im NDR-Fernsehen laufen, aber nur noch „in reduziertem Umfang" produziert werden. Redaktionsleiterin Annette Leiterer rechnet damit, dass das Magazin ein Drittel seines Etats einbüßt. NDR-Intendant Joachim Knuth wünscht sich, dass das Magazin konsequenter den Weg ins Digitale beschreitet.

Ich finde, dass ZAPP dort schon ein gutes Angebot hat, ja, ich nehme ZAPP vor allem darüber wahr. Da Medienjournalismus ohnehin ein - wenn auch wichtiges - Nischenangebot ist, ist das Netz nicht der schlechteste (Verbreitungs-)Ort dafür. Welche Überlegungen es in der Redaktion gibt, wie man den Spagat aus linearer Fernsehsendung und non-linearen Online-Aktivitäten meistern könnte, zeichnet Jürn Kruse in einem lesenswerten Beitrag auf Übermedien nach.


Bund will Verlage mit 220 Millionen Euro unterstützen

Auch den deutschen Verlagen geht es wirtschaftlich überwiegend nicht besonders gut. Das war schon vor der Corona-Krise so, hat sich seither aber durch bröckelnde Anzeigeneinnahmen noch verschlimmert. Nun hat der Bundestag beschlossen, die Verlagsbranche in den kommenden Jahren mit bis zu 220 Millionen Euro zu unterstützen. Noch im vergangenen Jahr war eine „Zustellförderung" im Gespräch, denn der Vertrieb von (Tages-)Zeitungen wird immer teurer.

Nun ist davon keine Rede mehr, die staatliche Hilfe soll den Verlagen nun bei der „digitalen Transformation" helfen. Wie genau das aussehen soll und wer nach welchen Vorgaben Geld bekommen soll, ist noch ziemlich unklar. Sicher wird aber wieder die Frage aufgeworfen werden, ob sich staatliche Finanzspritzen mit der redaktionellen Unabhängigkeit vertragen. Die taz untersucht die wirtschaftliche Lage der Verlage und hat sich auch bei den medienpolitischen Sprechern der SPD und der Grünen umgehört. Martin Rabanus von der SPD schlägt eine Art „Spotify für Journalismus" vor: Die Verlage stellen ihre Inhalte auf einer gemeinsamen Plattform zur Verfügung, die Nutzer zahlen einen Flatrate-Preis.


Online-Kiosk Blende wird verkauft

Große Hoffnungen hatten die Verlage 2015 in den Start des deutschen Ablegers des Online-Kiosks Blendle gesetzt. Dort waren anfangs alle großen Marken an einem Ort versammelt, dazu gab es die Möglichkeit, Artikel einzeln zu kaufen (oder auch ein Abo abzuschließen). Was praktisch klingt, hat aber - zumindest in Deutschland - nie so recht abgehoben, mehrere Verlage zogen sich wieder zurück. In den Niederlanden schien es besser zu laufen, allerdings wurde dort im vergangenen Jahr das Geschäftsmodell geändert: Statt einzelne Artikel zu kaufen, konnte man nur noch ein Blendle-Premium-Abo abschließen: Für 10 Euro monatlich können Nutzer von Blendle Premium unbegrenzt Artikel lesen.

Nun wird der Online-Kiosk vom deutlich größeren französischen Konkurrenten Cafeyn übernommen. Ob nach der Übernahme beide Plattformen erhalten bleiben, ist noch unklar. Felix Hooß, der von 2015 bis 2017 deutscher Chefredakteur bei Blendle war, berichtet in der FAZ über die Blendle-Geschichte und das, was über die Übernahme bekannt ist.


Wie die Suche auf TikTok funktioniert

Zum Abschluss gibt's noch einen handwerklichen Tipp. Die Video-Plattform TikTok ist ja in aller Munde, auch Journalisten und Medien experimentieren dort. Wer wissen will, wer auf TikTok aktiv ist, wie das Storytelling dort funktioniert und vor allem, wie man dort recherchiert, dem sei dieses Webinar von First Draft empfohlen: „How journalists can monitor TikTok to inform their reporting". Und wem die 75 Minuten Video zu viel sind, der kann einen Blick das zugehörige Google Doc werfen, in dem interne und externe Möglichkeiten zur Suche von TikTok-Inhalten erläutert werden.

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