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torial Blog | Journalismus & Netz im Juni: Aus für die Graph Search, erster Verithon, wem gehört Hamburg?

Auszug aus “Wem gehört Hamburg?”

Facebook stellt mit der Graph Search ein mächtiges Such-Feature ein, die Fact-Checker der Republik treffen sich zum ersten Verithon und bei den Grimme Online Awards wird „Wem gehört Hamburg?" ausgezeichnet.


Was Politiker und Journalisten aus der Rezo-Affäre lernen können

Im Vorfeld der Europawahl hatte Rezos Video „Die Zerstörung der CDU" die Republik beschäftigt, erst online, dann auch offline. Inzwischen haben sich die Wogen etwas geglättet. Mit dem Abstand von ein paar Wochen hat Social-Media-Watchblog-Gründer Martin Fehrensen für Politik&Kommunikation „ 91/2 Lektionen aus der Rezo-Debatte" aufgeschrieben. Die richten sich zwar in erster Linie an Parteien, ich finde aber, dass die meisten Learnings wie „die Spielregeln der Plattformen kennen", „native Inhalte produzieren", „den Dialog suchen" oder „Transparenz wagen" sich 1:1 auf den Journalismus (im Netz) übertragen lassen. Fehrensen kommt auch in einem taz-Artikel mit dem schönen Titel „ Rezo d'Être " zu Wort, in dem es speziell um das Verhältnis von Journalisten zu YouTubern geht. Fehrensen stellt den Journalisten kein allzu gutes Zeugnis aus: „Es fehle den meisten Redaktionen an Expertise und Willen, das Geschehen auf Plattformen wie Youtube oder Twitch unabhängig von vereinzelten viralen Phänomenen journalistisch zu begleiten", heißt es in dem Artikel von Alexander Graf.


Deutsche Verlage jubeln ihren Nutzern viele Facebook-Tracker unter 

Nicht so genau mit der Transparenz nehmen es viele Websites von Verlagen, wenn es darum geht, wie die Nutzer getrackt werden. Datenschutz-Experte Matthias Eberl hat 130 deutsche Nachrichtenseiten analysiert und ermittelt, welche Facebook-Tracker dort an welchen Stellen installiert sind: Erschreckend viele. Die Verlage weisen die Nutzer ihrer Seiten aber so gut wie nie darauf hin, was einen Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung darstellt.


Facebook killt die Social-Graph-Suche 

Für die #OSINT-Community (steht für Open Source Intelligence), zu der auch eine ganze Reihe investigativ arbeitender Journalisten gehören, hatte Facebook Anfang Juni eine ziemlich böse Überraschung parat: Quasi über Nacht stellte das Unternehmen aus Menlo Park die so genannte Social Graph Search weitgehend ein. Mit dieser Funktion konnte man persönliche Facebook-Profile und Seiten nach sämtlichen Eigenschaften durchsuchen, die auf öffentlich gestellt waren. Also auch komplexe Suchen wie „alle Männer aus Chemnitz, die Pegida und die AfD mögen". Offiziell begründete Facebook den Schritt gar nicht, auf Nachfragen von Journalisten deuteten Facebook-Mitarbeiter an, dass man die Privatsphäre der Nutzer besser schützen wolle. Craig Silverman fasst die Geschehnisse auf Buzzfeed zusammen. Die meisten Websites, die Social-Graph-Suchanfragen in die dafür nötige Facebook-Syntax übersetzten, sind offline gegangen oder hinter einer Zugangsbeschränkung verschwunden. Eine Ausnahme ist die Seite GraphTips des niederländischen Recherche-Trainer Henk van Ess. Übrig geblieben ist nur die Filterfunktion auf Facebook, nachdem man einen Such-Begriff eingegeben hat.


Fact-Checker treffen sich bei der dpa zum „Verithon" 

Hackathons gab es schon viele, neu war aber die Idee der dpa, erstmals einen „Verithon" zu veranstalten. Am 4. Juni kam die deutsche Fact-Checker- und Verifikations-Szene in Hamburg zusammen, um zu zeigen, wie sie arbeitet und welche Tools und Recherchetechniken sie dabei verwendet. Die dpa hat ein kurzes Video von der Veranstaltung produziert, in dem einige Teilnehmer zu Wort kommen, darunter dpa-Chief-Verification Officer Stefan Voß, der sagt:

"Ich glaube, dass das Thema Verifikation und Faktencheck noch viel mehr in die Breite der Redaktion reinmüssen. Das ist Basiswissen für alle Journalisten."

Das kann ich nur unterstreichen. Meine BR-Kollegin Sissi Pitzer war auch in Hamburg und hat einen Beitrag über den Verithon für das BR-Medienmagazin produziert (gleich der erste in der Sendung vom 9.6. Aus netzjournalistischer Sicht ebenfalls interessant ist der Beitrag über die Transforming Media Konferenz in Nürnberg, die sich mit der Frage beschäftigte, wie künstliche Intelligenz im Journalismus eingesetzt werden kann (etwa bei Minute 13-17).


Ausgezeichnetes Fact Sheet zu Deep Fakes 

Jedem, der es mit der Wahrheit hält, sind sie ein Dorn im Auge: Deep Fakes. Die Technologie, die es erlaubt, Gesichter in Videos auszutauschen und Menschen Worte in den Mund zu legen, die sie nie gesagt haben, entwickelt sich ständig weiter. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg war schon von einem Deep-Fake betroffen. Das Science Media Center Germany, das (Wissenschafts-)Journalisten mit Fachwissen unterstützt, hat ein hervorragendes Fact Sheet zum Thema Deep Fakes zusammengestellt: Von der Begriffsdefinition über aktuelle Beispiele bis hin zu technischen und juristischen Gegenmaßnahmen ist alles dabei.


Digital News Report: Geld verdienen mit Journalismus ist im Netz schwierig

Mitte des Monats ist der jährliche Digital News Report des Reuters Instituts an der Universität Oxford erschienen ( kompletter Bericht beim Reuters Institute). Der Reuters Report ist einer der wichtigsten Mediennutzungsstudien. Zu den wichtigsten globalen Ergebnissen zählen: * die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus ist nach wie vor gering * Journalismus muss mit Unterhaltungs-Angeboten wie Netflix oder Spotify um die Aufmerksamkeit des Publikums konkurrieren * Nutzer kommen immer seltener direkt auf eine journalistische Website, sondern häufiger über Suchmaschinen oder soziale Netzwerke: Die Bindung zu journalistischen Marken nimmt also ab.

Das Leibniz-Institut für Medienforschung hat die Ergebnisse für Deutschland zusammengefasst: * Instagram gewinnt an Bedeutung für die Nachrichtennutzung * Fernsehen bleibt die wichtigste Nachrichtenquelle, das Internet gewinnt an Bedeutung * Vertrauen in die Medien ist gespalten ARD und ZDF führen das Ranking der Medien, denen die Deutschen am meisten vertrauen, an.


Indexmodell für den Rundfunkbeitrag? 

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, genauer gesagt: sein künftiges Finanzierungsmodell, war im Juni auch ein heiß diskutiertes Thema. Bislang müssen die Sender ihren Finanzbedarf bei der „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten" (KEF) anmelden und von der KEF genehmigen lassen. Nun scheint sich eine Mehrheit für das so genannte Indexmodell abzuzeichnen, bei dem der Rundfunkbeitrag jährlich an die Inflationsrate angepasst wird. ZDF-Fernsehrats-Mitglied Leonhard Dobusch (ein Österreicher) erklärt auf Netzpolitik.org, warum kein Weg an „irgendeiner Form der Indexierung vorbeiführen" wird.


Grimme Online Award für „Wem gehört Hamburg?" 

Ende Juni sind die Grimme Online Awards verliehen worden. In der Kategorie Information wurde das Wohnungsmarkt-Projekt „ Wem gehört Hamburg?" ausgezeichnet. Correctiv ermittelte zusammen mit dem Hamburger Abendblatt und der Mithilfe von mehr als 1000 Nutzern, wem 15.000 Wohnungen in Hamburg gehören. Die Daten wurden systematisch ausgewertet, und visualisiert und führten zu einer Reihe von Geschichten, etwa über die städtische Wohngesellschaft Saga, die den Rahmen zulässiger Mieterhöhungen fast ausreizt. „Neben der Relevanz des Themas zeichnet das Projekt vor allem die interaktive Recherche über den extra eingerichteten Newsroom aus", heißt es in der Begründung der Grimme-Jury. Das „Wem gehört...-Projekt" hat Correctiv auch auf Berlin und Düsseldorf ausgeweitet.


Tooltime! 

* Die Twitter-Suche funktioniert mit Operatoren, ganz ähnlich wie bei Google. Luca Hammer erläutert die wichtigsten Twitter-Operatoren in diesem Blog-Post 

* Tommy Shane gibt bei First Draft sechs einfach nachzuvollziehende Tipps, wie man in sozialen Netzwerken die wirklich relevanten Posts findet 

* Die Jahrestagung des Netzwerks Recherche ist eine der nützlichsten Tagungen für Journalisten. Wer nicht dabei sein konnte, kann sich auf YouTube die Aufzeichnungen von 22 Sessions anschauen. 

* Die US-Firma Newsguard bietet ein Browser-Plugin an, das auf einen Blick die Vertrauenswürdigkeit einer von Newsguard überprüften Nachrichten- oder Informations-Website anzeigt. Futurezone stellt das Tool vor.


Das war's für den Juni, den Juli-Rückblick gibt's Anfang August.

Bis dahin schöne Grüße

Bernd Oswald

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