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torial Blog | Netzwelt-Rückblick Januar: Nazis raus, Doxing-Angriff, Habeck sagt Social Media bye bye

Robert Habeck am Smartphone. Bild: Olaf Kosinsky, Licence: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Im Januar entfaltete ein Zwei-Wort-Tweet einen Shitstorm, ein Schüler veröffentlicht Promi-Daten im Netz - was auch ein Grund ist, warum sich der Grünen-Chef aus Facebook und Twitter zurückzieht.


ZDF-Reporterin polarisiert mit "Nazis raus"-Tweet

Den ersten großen Aufreger des Netzjahres gab es gleich am Neujahrstag: ZDF-Reporterin Nicole Diekmann twitterte "Nazis raus". Auf Nachfrage, wen sie damit meine, antwortete sie ironisch: "Jede(r), der/die nicht die Grünen wählt." Sie erntete einen Sturm der Entrüstung, es gab sogar Vergewaltigungsaufrufe und Morddrohungen. Je länger die Diskussion dauerte, desto mehr prominente Unterstützung bekam Diekmann, u.a. von Bundesjustiziminister Heiko Maas und dem FC Schalke 04. Der Deutschlandfunk fasst den Fall gut zusammen, die SZ kommentiert: "Die Solidarisierung per Hashtag mag gut gemeint gewesen sein. Sie zeigt aber, dass auch etablierte und öffentlich-rechtliche Medieninstitutionen sich dem Narrativ von der Polarisierung kaum noch entziehen können, seit man sie "Lügenpresse" schimpft."


Doxing-Attacke: Schüler legt Daten von Prominenten offen

Noch größere Wellen auch außerhalb des Netzes schlug die Veröffentlichung vertraulicher (Kontakt-)Daten und Dokumenten von Hunderten Politikern, Prominenten und Journalisten auf Twitter. Zuerst war von einem Hacker-Angriff die Rede, es wurde darüber spekuliert, ob dieser möglicherweise aus dem AfD-Umfeld kommen könne, weil die AfD als einzige Partei nicht betroffen war. Dann kam heraus, dass es sich um einen so genannten Doxing-Angriff eines 20-jährigen Schülers aus Hessen handelte. Doxing ist das systematische, netzbasierte Sammeln von personenbezogenen Daten, meist mit bösartiger Absicht. T-Online hat einige Netzexperten gefragt, wie der 20-Jährige vorgegangen sein könnte, Zeit Online hat sich einige Studien angeschaut, die sich mit möglichen Motivationen für Doxing befassen und Datenschutz-Spezialist Daniel Moßbrucker gibt auf Medium Tipps, wie man sich effektiv gegen Doxing-Angriffe schützen kann. Sehr sinnvoll ist es in diesem Zusammenhang auch, sich eine Viertelstunde durch die " Security Checklist", ein Open-Source-Projekt, des Designers und Entwicklers Brian Lovin zu klicken.


Habeck kehrt Facebook und Twitter den Rücken

Unter den Opfern des Doxing-Angriffs war auch der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck. Für ihn ging der Jahresauftakt aber noch auf eine andere Weise schief. In einem Video, das der grüne Landesverband von Thüringen via Twitter teilte, rief Habeck auf: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land." Dafür ernteten Habeck und die Grünen einen echten Shitstorm. Innerhalb eines Tages zog Habeck eine radikale Konsequenz: Er kündigte auf seinem Blog an, seine Accounts auf Twitter und Facebook zu löschen. Von Twitter, weil es "offenbar etwas in mir etwas antriggert: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein", von Facebook wegen des Datenklaus. Dirk von Gehlen kritisiert auf sueddeutsche.de, dass es sich Habeck zu leicht mache, wenn er sage, das Medium sei schuld.


Facebook im Januar

Über Facebook könnte ich jeden Monat einen eigenen Rückblick schreiben, das wäre bei aller Bedeutung Facebooks aber doch des Guten zuviel. Deswegen sammle ich hier die Facebook-Nachrichten aus dem Januar in einem eigenen Block:


Google im Januar

Für Google gilt das gleiche wie für Facebook, darum auch hier ein kurzer Überblick über die gesammelten Google-Nachrichten:


Fake News schwächer verbreitet als vielfach vermutet

Viel Neues gab es auch in der nie endenden Fake-News-Diskussion. Zur Frage, inwieweit Fake-News die US-Wähler in der heißen Phase vor den Wahlen 2016 beeinflusst haben, wurden im Januar gleich zwei Studien veröffentlicht. Forscher der Uni Princeton kamen zu dem Ergebnis, dass Fake News auf Facebook gar nicht so verbreitet waren, wie die Debatte darüber. Wenn Fake News geteilt worden seien, dann eher von Konservativen und von über 65-Jährigen. Eine andere Studie legte den Fokus auf Twitter, dort seien mehr Fake News zur US-Wahl im Umlauf gewesen, die Reichweite sei aber vergleichsweise gering gewesen. Facebook hatte auf die Vorwürfe unter anderem damit reagiert, externe Fact-Checker mit der Prüfung von zweifelhaften Posts zu beauftragen. In Deutschland zählt z.B. Correctiv dazu. Paul Schreyer ist auf Telepolis der Frage nachgegangen, wie unabhängig die Facebook-Faktenchecker sind.


Ich schließe den Netzwelt-Rückblick mit zwei praktischen Tipps:

Tooltipp: Auf Remove Background kann man den Hintergrund von Fotos entfernen, auf denen im Vordergrund Personen zu sehen sind. Auf gut deutsch: Das Freistellen von Personen geht damit viel einfacher als in Photoshop und Co. Dahinter steckt die auf künstliche Intelligenz spezialisierte Firma Kaleido aus Wien, die in ihren FAQ sagt, die Bilder nicht zu speichern und auch nicht die AI damit zu trainieren.
Neue gemeinfreie Werke: Das Urheberrecht an einer geistigen Schöpfung gilt bis 70 Jahre nach dem Tod. Das heißt, dass nun auch Werke von allen Künstlern die 1948 oder früher gestorben sind, nun ohne urheberrechtlichen Schutz nutzbar sind. Netzpolitik hat zusammengetragen, wessen Werke nun gemeinfrei sind, unter anderem die von Egon Erwin Kisch und Karl Valentin.

Das war's für den Januar, schöne Grüße und bis bald

Bernd Oswald

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