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torial Blog | Hashtags, Unique User und Suchtrends: schlaue Zahlen übers Netz

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Zahlen zu Netzphänomenen geben Aufschluss über digitale Trends und Kräfteverhältnisse und zeigen: da hat jemand Ahnung. Ein Überblick über Zahlen-Quellen und ihrer Tücken.


In Artikeln über Internet-Themen sind sie das Tüpfelchen auf dem i: schlaue und möglichst konkrete Zahlen über das jeweilige Netz-Phänomen. Mit ihnen lässt sich etwa schreiben, dass Hashtag X in der letzten Woche so und so viel Mal verwendet wurde, das Webportal Y doppelt so viele Unique User wie ein Jahr zuvor hat, und Thema Z auf Google Trends eine rasante Karriere hinlegt. Das sind die wichtigsten Zahlen und ihre Quellen:


Agof und IVW: Unique User und Visits 

Die quasi-offiziellen Zahlen über die Reichweite deutscher Webportale gehören eigentlich zu den genauesten der Welt. Sie werden mit viel Aufwand und sozialwissenschaftlichem Knowhow erhoben. Die IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeverträgen) misst ursprünglich Print-Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften. Sie erhebt mithilfe aber auch Visits und Page Impressions: die Besuche auf einem Webangebot und die Zahl der aufgerufenen Einzelseiten. Die sind für jedes erfasste Angebot einzeln abrufbar, etwa zu bild.de, und es gibt verschiedene Kategorien wie klassische Web-Zugriffe und Apps sowie thematische Filtermöglichkeiten.


Deutlich mehr Aufwand betreibt die Agof (Arbeitsgemeinschaft Online Forschung). Die will Unique User ermitteln, dass heißt die tatsächlichen, die auf digitale Angebote zugreifen. In einem komplexen Multimethodenmodell kombiniert sie technische Messungen, Onsite- und Inapp-Befragungen sowie Telefonumfragen. Am Ende ergibt das verschiedene Auswertungen. Bei den Digital Facts werden alle stationären, mobilen und App-Zugriffe zusammengefasst, alternativ verfügbar sind Ranking klassischer Webseiten und mobiler Seiten.


Was hoch solide klingt, hat allerdings einen Haken. Faktisch führen die Zahlen von IVW und Agof leicht in die Irre. Auffälligstes Beispiel: Das Mail- und Medienportal T-Online.de führt die Agof- und IVW-Rankings seit langer Zeit unangefochten an. Bei der Agof werden zur Zeit 31 Mio. Unique User angegeben, womit T-online fast 60% aller Internetnutzer monatlich erreichen würde. Faktisch ist T-online.de aber mitnichten das erfolgreichste Angebot und generiert vermutlich nur etwa ein Drittel dieser Aufrufe selbst, hinzu kommen 19 weitere Einzelangebote wie autoscout24, mydoc und wetter.info.


Die Regeln von Agof und IVW ermöglichen, dass verschiedene Portale als Gesamtangebot zusammen ausgewiesen werden. Besonders Nachrichtenseiten greifen rege auf diese Option zurück. Im Agof-Ranking gibt es keinen Hinweis auf diese spezielle Zählmethode. Um doch herauszufinden, wie gezählt wird, muss man die IVW-Übersicht konsultieren. Hinter einigen Angeboten steht ein großes A. Das signalisiert, dass es sich um ein solches "Multiangebot" handelt. Auf den jeweiligen Detailseiten, etwa zu T-online oder zu Computerbild wird dann angegeben, welche Angebote zusammengefasst sind und welche (ab einer bestimmten Schwelle) wieviel beisteuern. Die Agof übernimmt diese Systematik von Multi- und Singleangebot.


Die eigentlich soliden Zahlen von IVW und Agof sind deswegen teilweise mit Vorsicht zu nutzen. In einem Bezahlangebot der Agof werden die Gesamtzahlen auf "Belegungseinheiten" aufgeschlüsselt, wie sie von den jeweiligen Seitenbetreibern definiert werden. Der Dienst ist allerdings für Journalist*innen kaum bezahlbar, der komplette Datensatz eines Monats kostet 500 Euro. Über den Agof Zählservice lassen sich allerdings einzelne Zahlen kostenlos abfragen.


Similar Web: vollständig, doch methodisch schwach

Neben dem selbst verschuldeten Zahlensalat haben IVW und Agof noch ein weiteres Manko: einige der wichtigsten Onlineangebote werden nicht erfasst, da sie sich nicht an den Messungen beteiligten. Das sind vor allem die großen US-amerikanischen Angebote Google, Facebook, Wikipedia und Amazon.

Behelfsweise muss man auf Daten zurückgreifen, die aufgrund ihrer Erhebungsmethode eher als vage zu bezeichnen sind. Oft werden die Angaben von Similar Web verwendet. Der britische Dienst liefert Zahlen zu Visits für deutsche Webseiten, aber auch für Google.de und Google.com, Facebook, Twitter und Wikipedia. Auf Grundlage dieser Daten erstellt beispielsweise der Zahlen-Experte Jens Schröder seine regelmäßige Rangliste der am meisten genutzten sozialen Netzwerke. Hinzu kommen weitere Detail-Angaben zu den Webseiten. Schaut man sich die deutsche Rangliste, zeigt sich das Dilemma von Agof und IVW. Auf den ersten fünf Plätzen laut Similar Web stehen US-Angebote, die in deren Datenbanken schlicht nicht auftauchen. Die Similar Web-Zahlen genügen allerdings keinen sozialwissenschaftlichen Standards, es sind Hochrechnungen. Nach eigenen Angaben werden dafür unter anderem die Daten von 100 Mio. Endgeräten berücksichtigt. Jens Schröder erläutert auf dem Branchenblog Meedia dazu: "Die Vergleiche verschiedener Websites passen zwar meist sehr gut zu Rankings von AGOF oder IVW, die Visits-Zahlen für Deutschland sind allerdings bei großen Websites deutlich zu gering. So lassen sich die SimilarWeb-Visit-Hochrechnungen getrost mit 2 oder 3 multiplizieren, um in etwa auf die Messungen der IVW zu kommen."


Erfolg auf Google 

Was auf der großen Suchmaschine passiert, versucht Google Trends abzubilden. Es gibt eine Rangliste mit "Trendgeschichten", zu denen die zeitliche Entwicklung der Suchanfragen dargestellt wird, allerdings in relationalen und nicht in absoluten Zahlen. Es wird angegeben, in welchen Bundesländern das jeweilige Suchinteresse am höchsten war. Darüber hinaus wird zu Such-Begriffen der zeitliche Verlauf der Anfragen dargestellt, bei VW etwa von 2004 bis Oktober 2015.


Absolute Zahlen liefert der Google Keyword Planer, für den ein Konto beim Adwords-Programm erforderlich ist. Der Dienst richtete sich primär an Firmen, die Textanzeigen auf Google schalten wollen. Klickt man auf "Tools", kann man einzelne Suchbegriffe abfragen. Dann wird angezeigt, wie oft dieser in Deutschland oder anderswo frequentiert wird. Nach "Griechenland" etwa wurde im August, dem letzten verfügbaren Monat, etwa 800.000 Mal gesucht. Angezeigt wird auch ein "vorgeschlagenes Gebot" für eine Textanzeige auf Google. Bei "Private Krankenversicherung", einem der am stärksten auf Google umkämpften Begriffe, sind es beispielsweise knapp 11 Euro pro vermitteltem Klick. Die Angaben sind allerdings eher als Richtwerte zu betrachten, da sich der tatsächliche Anzeigenpreis in komplexen Versteigerungen ergibt.


Web 2.0 und Social Media 

Verschiedene Einzel-Rankings versuchen, den Erfolg auf Social Media und im Web 2.0 Plattform-übergreifend zu ermitteln. Eines davon sind die Likemedien-Top-100 von 10000 Flies. Autor ist Jens Schröder, der zuvor die mittlerweile eingestellten Deutschen Blogcharts erstellt hatte. Für die einzelnen Plattformen mit Inhalten von meist nicht-professionellen Autor*innen gibt es meist separate Zahlendienste.


Wikipedia 

Die große, nicht-kommerzielle Online-Enzyklopädie liefert eigene Zahlen. Unter jedem Lexikon-Eintrag findet sich ein Link zur Abrufstatistik, tageweise abrufbar. Dann gibt es noch eigene Statistik-Übersichten. Auf einer deutschen Statistik-Seite lässt sich beispielsweise die Zahl aller Einträge und der registrierten und aktiven Nutzer*innen ablesen. Und stats.wikimedia.org bietet eine Übersicht über alle Wikipedia-Sprachversionen. Im Eintrag zur deutschen Wikipedia finden sich unter anderem Zahlen zu monatlichen Seitenaufrufen und zu neu angelegten Artikeln pro Tag.


Twitter 

Topsy gibt an, wie oft ein Begriff auf Twitter verwendet wird. Die Suche lässt sich nach Sprachen filtern und auch auf die Verwendung von Hashtags anwenden sowie auf andere Twitter-Kategorien wie Mentions oder Links. Eine Liste mit den erfolgreichsten deutschen Twitterer*innen erstellt bietet Twittercounter.


Youtube 

Ein Ranking deutscher Youtube-Kanäle findet sich auf Socialblade.com. Auf den jeweiligen Detailseiten ist zu jedem Kanal auch die Zahl der Video-Aufrufe aufgelistet sowie eine Schätzung der Einnahmen, die aber auf kaum mehr als kompenten Spekulationen beruhen dürften. Socialblade bietet auch Rankings für Instagram an, allerdings ohne Filtermöglichkeiten nach Ländern. Eine Alternative zu Socialblade ist Vidstatsx.


Facebook 

Social Bakers erstellt Facebook-Account-Ranglisten für alle Länder, so auch für Deutschland. Die Zahlen können auf einzelne Branchen und Themen herunterzubrochen werden, etwa auf Politiker. Das deutsche Fanpagekarma generiert thematische Sub-Rankings für verschiedene Themengebiete wie Bundestags-Politiker oder Verlage an.


Schlaue Zahlen 

Mit den Zahlen zu den größten Digitalangeboten oder auch zur Themenentwicklung auf Google, Twitter und Wikipedia lässt sich eine eigene These überprüfen oder belegen. Schaut man genauer auf die Erhebungsmethoden, zeigt sich, dass sie nicht sozialwissenschaftlichen Standards genügen. Das allerdings hält auch die großen Qualitätsmedien meist nicht davon ab, sie unbekümmert zu nutzen.

Die oft eher analog sozialisierten Redakteur*innen, die die Texte am Ende abnehmen, wissen zwar nicht immer, was die verwendeten Zahlen genau bedeuten. Gerade dann denken sie aber: der oder die Autor*in hat anscheinend richtig Ahnung vom Netz.

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