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Gesellschaftlicher Wandel durch Journalismus.

Kommunikation findet in einem umkämpften Terrain statt. Inwiefern die SDG-Konzepte „nachhaltige Entwicklung" und „ökologische Transformation" einen Platz in der globalen Medienlandschaft finden können, wurde von Wissenschafter*innen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaft im April 2019 diskutiert.


Im Panel „ Implementing the Agenda 2030 in a Mediatized World" (dt.: Implementierung der Agenda 2030 in einer mediatisierten Welt), das Teil des internationalen Symposiums „ Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World " (dt.: Globale Nachhaltigkeitsziele in einer mediatisierten Welt) war, referierten Jasmin Godemann (Justus-Liebig-Universität Gießen), Roy Bendor (Technische Universität Delft) und Alison Anderson (Universität Plymouth und Monash, Melbourne).


Relevante Kommunikation und nachhaltige Entwicklung.

„Die Mediatisierung ist ein Metaprozess, so wie Globalisierung, Urbanisierung und Klimawandel, der unsere Gesellschaft prägt. Sie beinhaltet die Omnipräsenz von Medien und die Möglichkeit, überall und immer online zu sein. Diese Entwicklung hat unser gesellschaftliches Leben, unsere soziale Interaktionen stark verändert", leitete der österreichische Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin das Panel ein. Die Effekte der Mediatisierung betreffen fast sämtliche gesellschaftliche Sphären wie Wirtschaft und Politik, Sport, Familie sowie die Themenbereiche der SDGs. Letztendlich sind die Auswirkungen des medialen Wandels nicht nur auf persönlicher Ebene relevant, sondern auch im Prozess von politischen Entscheidungsfindungen beziehungsweise für nicht-staatliche Akteur*innen und deren Positionierungen gegenüber zukünftigen Generationen. Gemein haben unterschiedliche gesellschaftliche Akteur*innen, dass sie ihre Ansichten in medialen Kommunikationsprozessen bilden und ihre Anliegen dort verbreiten können. Im Zuge des individuellen Meinungsbildungsprozesses ist wiederum relevant, welche Art von Informationsvermittlung im Vordergrund steht: überwiegen emotionale Auslöser, die komplexe Sachverhalte vereinfacht darstellen, oder fundierte Meldungen über ökologische Tragfähigkeit im individuellen Medienkonsum?


Zweifel führt zu Handlungsohnmacht.

Für eine erfolgreiche Informationsvermittlung müsse das Vertrauen in Journalismus sowie Wissenschaft und deren Reliabilität gewährleistet werden. Dieses Vertrauen würde im Zuge der Mediatisierung zunehmend schwinden, setzte Karmasin fort. Nur unter dieser Bedingung könne der Mut beziehungsweise die Motivation zur Veränderung vorangetrieben werden. Globale Graswurzelbewegungen (z.B. Fridays for Future) stellen Beispiele von sozialen Bewegungen dar, die im Kontext einer mediatisierten Welt entstehen, und Nachhaltigkeit in diversen Bereichen (wie zum Beispiel der Klimapolitik) einfordern. Um gesellschaftliches Engagement zu erreichen, sei nachhaltige Kommunikation von zentraler Bedeutung. Diese grenze sich von der bloßen Bewusstseinsbildung in Form einer vereinfachten Informationsvermittlung ab, unterstrich Jasmin Godemann.


Beziehungen zu komplexen Themen aufbauen.

Nachhaltige Kommunikation möchte die Distanz von Individuen zu ökologischen Themen überwinden und begreife Berichterstattung nicht nur als bloßen Übertragungsprozess, sondern wolle Medienkonsument*innen in den Nachhaltigkeitsdiskurs miteinbeziehen. Godemann argumentierte: „Nachhaltigkeit ist ein Gegenstand, welcher mit Unsicherheiten und Kontroversen ausgestattet ist. Menschen finden es schwierig, ihre Komplexität zu verstehen und sich darauf zu beziehen. Sie konsumieren die sozialen und ökologischen Auswirkungen als räumlich beziehungsweise zeitlich distanzierte Gegebenheiten. Daher ziehen viele Personen die Konsequenz, dass ihnen keine direkte Gefahr droht oder aber andere Sorgen dringender sind."


Globale Ungleichheiten und Mediale Fragmentierungen.

Transnational betrachtet bestehen Differenzen, von wem und wie Nachrichten konsumiert werden, selbst wenn sich dieser Zustand in einem stetigen Wandel befindet. Deutlich zeigt sich dies beispielsweise in der Nutzung von digitalen Medien, welche in ökonomisch reichen Staaten mehr Verwendung finden als in Ländern mit niedrigem Bruttoinlandsprodukt. Hinzu kommt der „Gender Digital Divide", der eine geschlechtsspezifisch Kluft zwischen Personen(-gruppen) und ihren Zugängen zu digitalen Medien innerhalb und zwischen unterschiedlichen geographischen Räumen beschreibt. Beispielsweise besitzen Frauen* in manchen Teilen Afrikas wenig Möglichkeiten, um sich in einer globalisierten Welt zu vernetzen. Für sie stellt das analoge Radio ein zentrales Medium im Nachrichtenkonsum dar. Im Gegensatz dazu haben soziale Medien eine hohe Bedeutung für jüngere Generationen im globalen Norden.

Doch nicht nur diese globalen Ungleichheiten finden sich im Kommunikationsfeld, sondern auch neue Probleme wie sinkende journalistische Qualität aufgrund prekärer Arbeitsbedingungen bei anhaltendem Publikationsdruck oder falsche Nachrichten (Fake News), die sich schnell über soziale Medien wie Twitter und Facebook verbreiten. Zudem stellt die Fragmentierung der Medienlandschaft durch die Personalisierung von Nachrichten durch Algorithmen und den daraus resultierenden Echo-Kammern eine Herausforderung im Mediennutzungsverhalten dar. Um dem entgegenzusteuern, wäre „es notwendig, Medien-Alphabetisierung voran zu treiben", argumentierte Alison Anderson abschließend.

Wechselwirkung zwischen Berichterstattung und Medienkonsum.

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass die SDG- Konzepte „nachhaltige Entwicklung" und „ökologische Transformation" in der Berichterstattung zentrale Komponenten darstellen können, um gesellschaftliches Engagement anzuregen, wenn Medien nicht mehr nur zur Informationsvermittlung dienen, sondern Nutzer*innen zu sozialen Handlungen anregen. Auf globaler Ebene erscheint das Ziel des gesellschaftlichen Engagements durch nachhaltige Kommunikation schwer zu erreichen. Gründe dafür sind unter anderem eine global gesehen sehr heterogene Medienlandschaft, unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu Nachrichten sowie sinkende Vertrauenswerte in Journalismus im globalen Norden.


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Weiterführende Links: Internationales Symposium: Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World Report der OECD zum Gender Digital Devide
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