Sylvia Meise

Freie Journalistin, Frankfurt

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Feature

Familie&Co Frühling/18: Luft - "Die 4 Elemente", Teil 2

Windmaschine, Knallfolie, Flaschentornado... Das Element Luft regt immer zu besonderen Aktionen an – und lässt die Fragen nur so sprudeln: Wo ist sie? Wie schwer ist sie? Ganz nebenbei ergibt sich hier ein Grundkurs in Physik.

 

Einfach die Backen aufblasen und los gehts! Die fünfjährige Leann pustet ganz feste durch einen Trichter und hält gleichzeitig eine Hand davor. Ihre Augen sind kugelrund vor Anstrengung und sie stellt fest: „Das war mein Wind!“ Das Element Luft in Bewegung zu bringen ist genau das richtige Forschungsprogramm für Kinder: Bewegung, Staunen und Neues ausprobieren wechseln einander ab. Nicht zuletzt deswegen greifen Kita-Teams mit ihren Vorschulgruppen das Thema regelmäßig auf.


Leanns Kita in Frankfurt ist ein Beispiel dafür. Zwei Fachkräfte sind dort jeden Freitag für naturwissenschaftliche Bildung verantwortlich. Heute haben sie vier Tische als Luft-Lernstationen vorbereitet und mit diversen Materialien bestückt. Darunter Federn, Bälle, Papprollen oder Fächer – außerdem Trinkhalme, Plastikspritzen und sogar eine Ballpumpe.


Die Windmacher


Der Erzieher und die Erzieherin sind zwar immer in Reichweite, aber sie wollen, dass die Kinder in Ruhe und selbstständig die Materialien kennen lernen. Und genau passiert auch. Marie pustet durch einen Trinkhalm und lässt eine Feder fliegen. Armin steht vor einer Pappschachtel und erklärt: „Das ist eine Windmaschine.“ An der Stirnseite ist ein Loch, davor platziert er einen Tischtennisball. Dann haut er rechts und links mit den Händen auf die Seiten: Paff! Der Ball macht einen kleinen Hüpfer. Großer Spaß! Das wollen die andern auch alle machen.


Ein gelungener Auftakt - die ganze Kindergruppe ist völlig fasziniert. Das liegt aber nicht nur an den tollen Aktionen, sondern auch daran, dass die Fachkräfte mit diesem Forschungstag auf die Fragen der Kinder reagiert haben. Nach einem kräftigen Sturm hatten sie sich an diesem Thema geradezu festgebissen. Zwei Fragen hat das Naturwissenschafts-Team dann aufgegriffen: „Was bewegt die Luft?“ oder „Wie können wir Wind machen?“  


Ein anderes Beispiel stammt aus der Kita Warnowkrümel in Mecklenburg-Vorpommern. Auch diese ermuntert die Kinder, ihren Fragen aktiv auf den Grund gehen. Vor drei Jahren wollte hier eine Kindergruppe wissen, warum ihre selbst gebastelten Flieger so unterschiedlich schnell fliegen. Damit sie in Ruhe forschen konnten, hat sich die ganze Kita 15 Tage lang nur mit dem Thema Luft und Fliegen beschäftigt.


Die Kinder bastelten Flieger aus verschiedenen Materialien und fanden heraus, dass Luft „die Bewegung von Gegenständen abbremsen oder beschleunigen“ kann. Außerdem haben sie mit Trinkhalmen Wasserfarbe über ihr Zeichenpapier gepustet und so die Luft als Pinsel benutzt. Sie haben ihre Flugzeuge erst gebastelt, dann bemalt und dann zum Fliegen gebracht. Konkret heißt das, dass sie pausenlos Treppen steigen und wieder hinabrennen mussten. Danach fehlte es ihnen sicher ein bisschen an Luft.

Ideen teilen


Schließlich waren alle so begeistert, dass die Erwachsenen das Projekt beschrieben und an die Mitarbeiter vom Haus der kleinen Forscher geschickt haben. Die wiederum fanden den Praxistipp so gut, dass sie ihn gleich auf ihrer Website veröffentlichten. Dort kann man nun lesen, dass den Kindern damals besonders gut gefallen hat, wie sie ihre Luft-Forschung mit Kreativem und mit Bewegung verbinden konnten. Neben diesem gibt es auf der Webseite gibt es noch viele weitere Forscher-Tipps zum Nachmachen.

Darunter etwa der beliebte „Flaschentornado“. Hier wird eine Flasche zu einem Drittel mit Wasser oder ähnlichem befüllt, und über einen Adapter mit einer zweiten, „leeren“ Flasche luftdicht verschraubt. Jetzt unten festhalten, während oben schnell und kreisförmig gedreht wird. Luft und Wasser kommen in Bewegung: Ein Tornado entsteht – und mittendrin das Wasser.


Leer? Nein voll!


Und natürlich das Gummibärchen-U-Boot. Dafür werden die Geleetierchen in einem Glas befestigt, das dann umgedreht und wie eine Glocke ins Wasser getaucht wird – und dann? Die große Überraschung ist natürlich, dass die Bärchen nicht nass werden. Viel Spaß macht es auch, Luftpolsterfolie knallen zu lassen. Oder gemeinsam ein Windspiel aus Holz und Perlen zu basteln und den Klängen zu lauschen. Wer kennt noch schöne Klangspiele mit Luft? Wer kann pfeifen? Einen Grashalm quietschen lassen oder einen Luftballon? Auch Singen geht nur mit Luft.

Lauter Aktionen, mit denen Kinder erkennen können, dass Luft nicht nichts ist. Dass also eine Flasche oder ein Glas nicht leer sind, wenn keine Flüssigkeit mehr drin ist, sondern voll – und zwar mit Luft. Eine simple Tatsache, die wahrscheinlich nicht mal allen Erwachsenen bewusst ist.


Manche Mamas oder Papas werden sich dennoch fragen, ob so ein Aufwand für Vorschulkinder wirklich schon Sinn macht. Die Antwort:  Sofern die Kinder nicht gezwungen werden, Dinge zu tun, für die sie sich nicht interessieren, Ja! Dann profitieren sie sogar sehr. Kinder haben nämlich eine ganz eigene Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Manches davon ist erstaunlich zutreffend, anderes gar nicht. Das liegt aber nicht daran, dass sie falsch denken, sondern dass sie altersgemäße Schlüsse ziehen.

Wind aus der Kiste!

 

So denken etwa dreijährige Kinder noch, Luft sei nichts. Durch Versuche wie die oben genannten erleben sie nun, dass es anders ist. Je älter sie werden, desto mehr nähern sich dann ihre Vorstellungen dem an, was den Tatsachen entspricht. Und zwar umso stärker, je mehr Erfahrungen sie machen. Deswegen ist es wichtig, dass sie so viele Anregungen wie möglich bekommen. Auch zu Dingen, zu denen sie noch keine Fragen haben, weil sie sie die sie noch gar nicht kennen.

 

Genau das bieten Kita-Teams, die solche Forschertage veranstalten. Auf die geniale Schuhkarton-Windmaschine etwa, die Armin gerade so fasziniert, wäre er von allein wohl nicht gekommen.  Sie mag unscheinbar aussehen, entzündet aber im Denken der Kinder kleine Böen: Warum kommt denn da Wind raus? Da ist doch gar nichts drin? Oder doch? Paff! Jetzt ist die fünfjährige Ghizlan dran und merkt: Wenn der Ball nicht genau vor dem Loch liegt, tut sich gar nichts. Wieder und wieder macht sie dieses Experiment und hält auch mal die Hand vor das Loch, während andere es machen. So erfährt sie, dass Luft in der Schachtel sein muss.

 

Richtig gute Fragen


Damit Kinder dann auch verstehen, was sie tun, brauchen sie aufmerksame Lernbegleitung – und die besteht zum großen Teil darin, gute Fragen zu stellen. Für Dr. Stephan Gühmann von der Stiftung Haus der Kleinen Forscher ein wesentlicher Aspekt, um Lernprozesse anzustoßen: „Wir sollten nicht nur nach ihrem Wissen fragen, sondern zum Experimentieren Entdecken und Forschen selber: ‚Was hast du gemacht, oder was passiert, wenn du die Flasche umdrehst?‘ Nach dem Versuch dagegen geht es um die Erkenntnisse: Woran erinnert dich das? Was war neu für dich? Man kann auch nachhaken: Was hast du gelernt? oder Was willst du jetzt noch rausfinden?“


Woran man merkt, dass sie etwas gelernt haben? Dr. Gühmann, der bei der Stiftung die Fortbildung für Kita- und Grundschul-Fachkräfte leitet, antwortet: „Wenn sie das Gelernte im Alltag anwenden. Oder wenn sie erklären können, was sie gemacht haben.“ Wie sich das anhören kann schildert er an einem Beispiel: „Einmal hat mir ein Junge sein Portfolio gezeigt und mir von dem Versuch mit dem umgedrehten Wasserglas erzählt – dabei legt man einen Bierdeckel auf ein Glas Wasser, und dann dreht man es um. Der Junge zeigte mir die Bilder und sagte: ‚Guck ma, Da war ich noch klein, da hab ich gedacht, das Wasser saugt den Bierdeckel an. Und jetzt weiß ich, dass die Luft von außen dagegen drückt.‘“

Raus mit euch!


Das kann man übrigens auch draußen erleben. Wer etwa mit einer Zeitung vorm Bauch durch den Garten rennt, kann spüren, wie die Luft sie fest an den Körper drückt. Die schönsten Draußen-Ideen mit Luft haben übrigens Landart-Künstler wie Andy Goldsworthy. Er wirft Hände voll Schnee, roter Erde oder gelber Blütenblätter in die Luft – und schaut dann zu, wie der Wind die bunte Fracht verteilt.


Solche Aktionen sollte man auch immer anbieten, denn Vorschulkinder lernen am besten, wenn sie selbst etwas tun können – und zwar mit allen Sinnen. Die Frankfurter Kinder hatten deshalb immer auch Gelegenheit, Luft hautnah zu spüren. Etwa, als sie ihnen im Schwungtuch um die Ohren wirbelte – oder bei ihren selbst gebastelten Windrädchen, mit sie denen draußen um die Wette rannten. Das werden sie sicher nicht vergessen.