Sylvia Meise

Freie Journalistin, Frankfurt

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Reportage

So viel Spaß macht Kochen - Familie&Co. 02/2017

Im Kochkurs der Frankfurter Münzenbergerschule lernen Grundschulkinder, was gute Lebensmittel sind, woher sie kommen – und verarbeiten sie zu köstlichen Gerichten.

 

 

Schon mal für 12 Leute gekocht? In der der Münzenbergerschule tun das zehn Viertklässler jeden Donnerstag in ihrem Kochkurs. Und sie machen wirklich alles selbst: Zwiebeln schneiden bis die Tränen kullern, Eier aufschlagen oder mit bloßen Händen Streuselteig kneten – sie schrecken vor nichts zurück. Und wenn eine oder einer mal genug vom Zwiebelschneiden hat, ist eine Ablösung fix gefunden. Die beiden Lehrerinnen Angelika Burkhardt und Jutta Lehner rufen dann nur: „Jemand arbeitslos?“

 

Man nehme

 

Bevor die Jungs und Mädchen allerdings zu Messern und Schneidbrettern greifen, beschäftigen sie sich ausgiebig mit den Zutaten. So auch an diesem Donnerstag. Die Lehrerinnen packen auf den Tisch, was heute gebraucht wird: Äpfel, Paprika, Zucchini, Möhren, Kartoffeln, Haferflocken, eine Zwiebel... Alles bekannt? die Kinder nicken. „Wer weiß, was das ist?“ Jutta Lehner hält einen Kräuterstrauß in die Höhe. „Basilikum?“ überlegt Erin, „Schnittlauch?“ vermutet Nora. Petersilie wäre richtig gewesen. „Müssen wir noch üben“, kommentiert Jutta Lehner trocken und lässt das Sträußchen zum Anschauen, Befühlen und Beriechen und herumgehen.

 

Angestoßen wurden Kochkurse an Schulen wie dieser vor neun Jahren durch kostenlose Lehrerfortbildungen der Sarah Wiener Stiftung. Mittlerweile kochen so rund 400 Schulen im Rahmen der 2016 gestarteten, bundesweiten Ernährungsbildungskampagne „Ich kann kochen!“ (www.ich-kann-kochen.de). Um die Kinder auch damit vertraut zu machen, woher die Lebensmittel eigentlich kommen – wo Zucchini, Kartoffeln oder Petersilie wachsen und wie Kühe, und Schweine (artgerecht) gehalten werden, gehört auch ein Ausflug zum Bauernhof zum Kurs. Damit sich einprägt, wie viel Einsatz nötig ist, dürfen sie etwa Kühe füttern oder Kartoffeln hacken und ernten. Die Grundidee damals wie heute: Kindern auf entspannte Weise Freude am Kochen und den bewussten Umgang mit Lebensmitteln nahe zu bringen.

 

Man lese

 

Jetzt öffnet Angelika Burkhardt die Eierkartons. Natürlich weiß jedes Kind was darin ist, aber „Wisst ihr auch, ob es da Unterschiede gibt?“ In Biologie ging es kürzlich um Hühnerhaltung und David hat sich alles gut gemerkt: Käfighaltung sei nicht gut, weil die Tiere da keinen Platz hätten, „Bodenhaltung – da haben sie, was nötig ist und bei Freilandhaltung noch mehr und sie können draußen sein. Dann gibt‘s noch Bio, da kriegen sie dann kein Kraftfutter.“ Dass all das auf jedem Ei steht, ist ihnen jedoch neu. Jolene liest vor, was auf der Packung zur Erklärung des Stempel-Codes steht – dann bekommt jedes Kind ein Ei in die Hand. Steht da auch wirklich alles drauf? Tatsächlich. Übrigens geht kein einziges zu Bruch – jetzt noch nicht.

 

Nach der Zutatenkunde verteilt Jutta Lehner die Rezepte, nach denen gekocht wird: „Gemüse-Omelett mit Pellkartoffeln“ und „Apple Crumble“ zum Nachtisch. „Naaachtisch!“, seufzt Erin voller Vorfreude. Dann lesen sie abwechselnd die Rezepte vor, „Fragt, wenn ihr etwas nicht versteht“, ermuntern die Lehrerrinnen und haken sicherheitshalber immer wieder nach: „Wisst ihr was ‚stocken lassen‘ heißt?“ Nein, das muss erklärt werden. Das Nachtisch- Rezept sehr knapp gehalten. Was denken Küchenneulinge wohl, wenn da steht: Obst in die Auflaufform füllen? Die Äpfel einfach reinwerfen? „Nein“, Nora hat mitgedacht, „die müssen vorher geschnitten werden.“

 

Schritt für Schritt

 

Ganz wichtig ist den Lehrerinnen der praktische Aspekt, deswegen geben sie den Kindern auch Rezepte für ihre Hefter, die nicht anfängergerecht formuliert sind. Die angepasst werden müssen, weil es die Zutaten gerade nicht gibt oder die Portionen anders angegeben sind als man sie braucht. Angelika Burkhardt betont: „Wir wollen vermitteln, dass man sich nicht akribisch an Rezepte halten muss. Damit sie sicher werden und auch mal variieren.“ Beim Gemüse-Omelett etwa sind die Pilze gegen Zucchini und Möhren ersetzt, weil einige Kinder keine Pilze mögen. Und beim Nachtisch Rhabarber gegen Äpfel und Birnen – einfach, weil es noch keinen Rhabarber gibt. Schritt für Schritt gehen sie die Rezepte durch und erst wenn alles verstanden ist, geht es los.

Aber Moment mal: „Womit fangen wir an?“ fragen die Lehrerinnen in die Runde und Magdalena antwortet ohne zu zögern: „Mit dem Nachtisch“ und David ergänzt: „Wir müssen den Ofen vorheizen!“ Respekt! Das ist ein gut organisiertes Küchenteam!

 

Kochen ist wie Meditieren – man sieht es an den Gesichtern. In aller Ruhe schälen sie Äpfel, kneten Streusel.... Jedenfalls jene, die genau wissen, was zu tun ist. Erhan kaut auf seiner Unterlippe, pult im Apfel, dann schaut er sich um und fragt „Wie macht ihr denn die Kerne raus?“ Nora hilft ihm: „Guck: du musst ihn vierteln. Hat mir meine Oma gezeigt.“ Einen Arbeitstisch weiter justiert David die Waage und rechnet. Beim Nachtisch-Rezept sind nämlich die Angaben nur für sechs Personen – sie sind aber zu zwölft... „Guck mal Frau Lehner“, ruft Hevin, „Da steht 200 Gramm drauf ich muss aber doch 240 abwiegen, wie mach ich das?“

 

7 Kochmützen

 

Wer wie die beiden Lehreinnen cool bleibt inmitten von zehn quirligen Schnippelanfängern, schlägt sieben Fliegen auf einen Streich: 1. Die gemeinsame Aktivität hat Spaßfaktor – ein großes Plus für nachhaltiges Lernen. 2. Kochen ist Mathe, denn es werden Haferflocken abgemessen, Butter gewogen und je nach Rezept Mengen halbiert oder verdoppelt. 3. Außerdem Lebensmittelkunde, wenn Fragen wie „Was ist Muskat? „Woher kommen die Mandeln?“ oder „Wie wird Knoblauch gepresst?“ beantwortet werden. 4. Grob- und Feinmotorik trainieren die Kinder beim Kartoffelhacken auf dem Feld oder beim Paprika schneiden am Tisch. 5. Achtsamkeit: Sie lernen, Risiken und Gefahren in der Küche einzuschätzen und sorgsam mit Messern und dem Herd umzugehen. 6. Erfahren sie, was und wie lecker gesundes Essen ist. Ma nennt es auch „bewusste Ernährung“.

 

Für den Gesetzgeber gilt die Fähigkeit sich bewusst zu ernähren als Vorbeugung gegen Übergewicht, Stress und Bewegungsmangel. Seit 2016 fordert das Präventionsgesetz, Kindern genau das zu vermitteln. Und ach ja: nicht zuletzt lernen Kinder 7. die Basics des Kochens natürlich am besten durch Kochen. Und das tun sie zur Freude der Eltern auch zuhause.