3 Abos und 0 Abonnenten
Artikel

Unwetter richtet im Kreis Ahrweiler Zerstörung unglaublichen Ausmaßes an

In der Ahrweiler Altstadt hat sich das Wasser am Freitag nach dem Starkregen zwar weitgehend zurückgezogen, doch macht dies die Schäden umso deutlicher. Foto: Sven Westbrock

In der Ahrweiler Altstadt ist das Wasser am Freitagmorgen weitgehend abgeflossen. Doch wird dadurch das Ausmaß des Schadens nur umso deutlicher: überall Schlamm, überall Schmutz. Zerbrochene Fensterscheiben, dahinter Chaos, Zerstörung. Autos stehen kreuz und quer auf der Straße. Dorthin gespült hat sie die Flut, verursacht vom Starkregen in der Nacht zu Donnerstag.

Rund um die Sebastianstraße Richtung Bad Neuenahrer Zentrum zeigt sich eine Szenerie wie aus einem apokalyptischen Film. Überall Autowracks, zum Teil auf dem Dach liegend oder eingehüllt in Schlamm. An manchem Haus hat sich ein See gebildet, gefüllt mit Wasser und Unrat. Wer an der Kreuzung zur L 83 rechts abbiegt, kommt bald kaum noch weiter. Etliche umgerissene Baumstämme versperren den Weg. Abgesperrt sind die Gefahrenstellen nicht, obwohl ständig Fahrzeuge von Polizei und Feuerwehr zu sehen sind. Doch die Einsatzkräfte müssen Prioritäten setzen, Menschenleben retten, wo es am dringendsten ist oder die Toten bergen. Deren Zahl steigt am Samstag im Kreis Ahrweiler auf mindestens 90. Dazu kommen Hunderte verletzte und vermisste Personen.

Auf der überfluteten Rheinwiese türmt sich das Treibgut

Justizminister Herbert Mertin besucht Bad Neuenahr-Ahrweiler am Freitag, um sich vor Ort einen Überblick über die Schäden zu verschaffen, insbesondere am dortigen Amtsgericht, teilt das Justizministerium mit. Das Gebäude und wichtige technische Infrastruktur seien durch das Hochwasser beschädigt, sodass derzeit nur ein eingeschränkter Betrieb des Gerichts möglich sei. Auf der überfluteten Rheinwiese vor dem Haus der Weinhändler Ursula und Hans Diedenhofen aus Remagen-Kripp türmt sich das Treibgut aus dem Ahrtal. Im knietiefen Wasser fischen Plünderer nach Verwertbarem und Leergut des weggeschwemmten Flaschenlagers des Sinziger Mineralbrunnens, berichten sie.

In Sinzig knickt der Pfeiler einer Brücke über die Ahr ein, woraufhin diese absackt und weiträumig gesperrt wird. Lange Staus sind nur eine Folge. In einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung sterben zwölf Menschen (siehe Bericht Seite 3). Das Erscheinungsbild des Ortes Schuld in der Verbandsgemeinde Adenau gleiche beinahe einem Bombeneinschlag, schildert GA-Fotograf Benjamin Westhoff, der am Donnerstagmorgen vor Ort ist, seinen Eindruck. Zwar stehen Häuser nicht mehr unter Wasser, hier und da sind noch größere Wasserflächen zu sehen, doch zeigt sich ein Bild der Verwüstung. Autos sind weggespült worden, eines liegt in der Ahr.

Die Zugangswege und Brücken sind im Groben freigeräumt. Abgebrochene Brückenteile machen das Passieren jedoch nach wie vor teils sehr schwierig. Im Osten des Ortes ist eine Brücke ganz weggebrochen. Außerdem schnellt die Ahr weiterhin reißend durchs Bett. Der Kern des Ortes ist verschüttet. Die ersten Familien kehren mit Schaufeln bewaffnet zurück, um aufzuräumen. Außer einem Bagger sind am Donnerstagmorgen jedoch noch keine schweren Geräte für Aufräumarbeiten im Ort zu sehen.

Die Strom- und Wasserversorgung ist vielerorts unterbrochen. Die Stadtwerke Bonn bemühen sich darum, auch an der Ahr Wasserwagen in die Orte zu schicken, die wenig oder gar nicht mit Wasser versorgt werden. Das Unternehmen bittet außerdem die Bürger in den Orten, die mit Wasser versorgt sind, dieses sparsam zu verwenden und vorher abzukochen, sofern es zum Trinken, Kochen oder zur Zubereitung von Speisen oder Getränken genutzt wird.

Der Versorger Energienetze Mittelrhein hat die Situation nach der Hochwasserkatastrophe im Kreis Ahrweiler laut SWR als dramatisch bezeichnet. „Die Gasleitung ist komplett gerissen. Wirklich zerstört", wird Unternehmenssprecher Marcelo Peerenboom zitiert. Bis es dort wieder Gasversorgung gibt, werde es Wochen oder Monate dauern.

Auch an der Festnetz-Infrastruktur der Telekom haben die Wasser- und Geröllmassen im Ahrtal und der Eifel große Schäden verursacht, teilt das Unternehmen mit. Noch fehle der Gesamtüberblick, denn es gebe immer noch Orte, die man noch nicht anfahren könne. Und es gebe Orte, in denen man eine komplett neue Infrastruktur aufbauen müsse, da dort ganze Straßen weggerissen seien. Die wichtigsten Betriebspunkte zentraler Vermittlungsstellen seien mit Notstromaggregaten ausgestattet, die den Betrieb nach einem Stromausfall für 48 Stunden sicherstellten und bei Bedarf durch Betankung verlängert werden könnten. Dagegen sei ein Großteil der Mobilfunkstandorte im Ahrtal wieder funktionsfähig, heißt es.

Sven Westbrock und Simun Sustic

Zum Original