Suse Lübker

Journalistin, Texterin, Trainerin, Bremen

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Rolle rückwärts? - Frauen in der Corona-Krise

Berufstätigen Frauen verlangt die Corona-Krise besonders viel ab: Überwiegend sind sie es, die ihre Arbeitszeit reduzieren und sich um Kinder und Haushalt kümmern, während die Männer beruflich am Ball bleiben. Verstärkt die Pandemie die Nachteile von Frauen im Beruf? Text: Suse Lübker Foto: Jonas Ginter

Morgens (noch) früher aufstehen und vor dem Frühstück eine Runde ins Homeoffice, vormittags Homeschooling mit den Schulkindern und zwischendurch eine paar berufliche Telefonate. Mittags Essen zubereiten für alle, nachmittags Freizeitprogramm mit dem Nachwuchs, nebenbei Einkauf, Wäsche und was sonst noch anliegt. Abends und am Wochenende die fehlenden Arbeitsstunden nachholen, während der Partner sich um die Kinder kümmert.

Ein typischer Tagesablauf für viele Frauen mit Kindern, die während der Corona-Krise ihre (Teilzeit-) Arbeit ins Homeoffice verlegen mussten. Denn in der Regel sind es die Frauen, die einspringen, wenn Schulen und Kitas geschlossen sind. Deutschlandweit haben 27 Prozent der Frauen, aber nur 16 Prozent der Männer ihre Arbeitszeit reduziert, damit sie sich um die Kinder kümmern können, das zeigt eine Befragung der Hans-Böckler-Stiftung. Die Folge dieser ungleichen Verteilung: Mütter sind rund um die Uhr gefordert. Der Druck wächst, parallel den Anforderungen im Familienleben und bei der Arbeit gerecht zu werden.

„Je gleichberechtigter beide Partner auf dem Arbeitsmarkt dastehen, desto weniger eindeutig ist die Entscheidung, wer zurücksteckt." Marion Salot

Eine Umfrage der Arbeitnehmerkammer aus dem Herbst 2020 zeigt, wie sehr gerade Frauen darunter leiden, wenn sich Arbeits- und Familienleben nicht trennen lassen. „Das Argument, man könne die Arbeitszeit ja abends nachholen, ist ein Hohn", schreibt eine Befragte. Und ergänzt: „Wer hat dafür noch Kraft, wenn er bereits 14 Stunden Familienarbeit geleistet hat. Insgesamt führte das zu einer großen Gereiztheit bei allen Familienmitgliedern." Da ist die Rede von der „täglichen Zerreißprobe" oder vom „massiven Druck und hoher psychischer Belastung".

Besondere Herausforderung für Alleinerziehende

Für Einelternfamilien sind die Herausforderungen während der Pandemie besonders groß. Die Erhöhung des Kinderkrankengeldes von 20 auf 40 Tage sei ein richtiger Schritt, erklärt Christiane Goertz, Koordinatorin des Bremer Netzwerks Alleinerziehende. Trotzdem stelle sich die Frage, ob es für Alleinerziehende wirklich weniger Stress bedeutete. „Das Recht auf die Kinderkrankentage ist das eine, die Durchsetzung erfordert manchmal Mut und Kraft", so Goertz. Aus Umfragen sei bekannt, dass Alleinerziehende häufiger als andere krank zur Arbeit gehen. Sie müssen sich besonders beweisen oder befürchten, dies tun zu müssen.

All das ist bekannt und tagtäglich zu erleben. Bereits vor der Corona-Krise waren es vor allem die Frauen, die den größten Anteil der so genannten Sorgearbeit übernehmen und auf dem Arbeitsmarkt zurückstecken. „Ein Großteil der Familien entscheidet unter ökonomischen Gesichtspunkten, wer zu Hause bleibt und die Kinder betreut", sagt Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Da Frauen insgesamt häufig weniger verdienen, seien sie in einer schlechten Verhandlungsposition, wenn es um die Entscheidung geht, wer seine Arbeitszeit reduziere. Und das bleibt nicht ohne Folgen für das eigene Einkommen, den beruflichen Werdegang und die Rentenansprüche.

Corona verstärkt die Ungleichheit

Durch die Pandemie wurde vor allem deutlich, wie wichtig eine verlässliche Betreuungsstruktur für Familien ist. Sobald diese wegbricht, sind es in der Regel die Frauen, die sich kümmern. Das hänge auch damit zusammen, dass die Gesellschaft Frauen diese Eigenschaft eher zuschreibt, erklärt Salot. Dabei gibt es genug Männer, die mehr Familien- und Pflegearbeit übernehmen würden, das belegt zum Beispiel eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW Berlin). Allerdings befürchtet ein großer Teil der Männer erhebliche Nachteile für die Karriere, wenn sie sich für eine längere Elternzeit entscheiden oder ihre Arbeitszeit reduzieren. Wäre die Care- und Erwerbsarbeit vor der Corona-Krise besser verteilt gewesen, hätte sich dieser Effekt vermutlich nicht so verschärft, dessen ist sich auch Salot sicher: „Je gleichberechtigter beide Partner auf dem Arbeitsmarkt dastehen, desto weniger eindeutig ist die Entscheidung, wer zurücksteckt."

Die Abwesenheit vom Arbeitsmarkt habe langfristige Konsequenzen, so sieht es Sonja Bastin, Sozialwissenschaftlerin an der Uni Bremen: „Wenn Frauen wieder verstärkt zu Hause sind, haben sie weniger Chancen in Führungsoder Entscheidungspositionen zu gelangen." Auch darüber müsse es eine öffentliche Debatte geben, fordert Bastin. Man müsse verhindern, dass sich Ungleichheiten immer wieder reproduzieren.

„Männer und Frauen können nicht 40 Stunden die Woche arbeiten und dabei noch die Familien versorgen - in der Krise nicht, aber auch nicht im Normalfall." Sonja Bastin

Fest steht: Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit wird überwiegend von Frauen geleistet - wertvolle Arbeit, ohne die die Gesellschaft nicht existieren könnte. Das wird ganz besonders jetzt in der Corona-Krise deutlich. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die das Fundament unserer Gesellschaft bilden, nicht nur wertgeschätzt, sondern auch angemessen bezahlt werden. „Wir müssen gleiche Löhne für gleichwertige Arbeit schaffen", so Bastin. Es könne nicht sein, dass so genannte Frauenberufe grundsätzlich schlechter bezahlt werden. Man müsse Berufe geschlechterneutral bewerten und bezahlen, das würde die Position von Frauen schon nachhaltig stärken. Aber das sei, so Bastin, nur ein Teil der Lösung. Klar sei auch, dass Männer und Frauen nicht 40 Stunden die Woche arbeiten und dabei noch die Familien versorgen können - in der Krise nicht, aber auch nicht im Normalfall.

Die Corona-Krise ist noch lange nicht vorbei. Gerade jetzt sind politische Lösungen gefragt, die beiden Elternteilen ermöglichen, sich beruflich weiterzuentwickeln und sich die Familienaufgaben gerecht aufzuteilen. Jetzt und in Zukunft.

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