Suse Lübker

Journalistin, Texterin, Trainerin, Bremen

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Artikel

Gesunde Ernährung in der Familie - aber wie?

Neulich im Wartezimmer des Augenarztes, zwei ältere Damen sitzen meiner Tochter und mir gegenüber. Mit der Zeitschrift vor der Nase lausche ich ihrem Gespräch, es geht um Enkel und Essen. „Spaghetti?" „Genau!" „Im Kindergarten - ach so. Im Kindergarten gibt es doch kein gesundes Essen!" Damit ist das Thema beendet.

Meine Tochter und ich schauen uns an und grinsen. Wie war das noch in unserer Kita? Nachdem das Kita-Team mehrere Lieferdienste ausprobiert hatte, beschlossen die Erzieherinnen, die Verköstigung „ihrer" Kinder selbst zu übernehmen. Von nun an gab es nur noch frische gekochte Kindergerichte, statt des angelieferten lauwarmen, leider oft zerkochten Großküchenessens. In einer winzigen Küche wurde das Essen tagtäglich zubereitet, häufig unter Mithilfe der Kinder. Spaghetti mit selbst gekochter Tomatensauce standen ebenfalls auf dem Wochenspeiseplan. Dazu gab es frisch geschnippelte Rohkost. Nicht so ungesund, oder? Zumal die ganze Gruppe regelmäßig zum Einkaufen auf den Markt gelaufen ist und die Kleinen ganz begeistert frisches Obst und Gemüse ausgesucht haben.

Beim Kinderessen scheiden sich die Gemüter, das weiß jedes Elternteil, das einmal bei einem Kita- oder Grundschul-Elternabend vorsichtig die Frage nach der Zusammenstellung der Frühstücksdose gestellt hat. „Gesund" sagen die einen, „Auf keinen Fall süß" die anderen. Und dann kommt der alles entscheidende Satz: „Mein Kind isst aber nichts, wenn es nur Vollkornbrot und Käse gibt". Kurze Gedankenstille. Und dann wird diskutiert. Schier endlos raufen sich Eltern die Haare und kommen zu keiner Lösung. Also wird schließlich das Thema gewechselt und am nächsten Tag werden die Frühstücksdosen wie immer gefüllt. Mit Vollkornbrot und Käse oder Nutella-Toast.

Kinder ernähren sich ungesund: Vorurteil oder (statistischer) Fakt?

Kinder ernähren sich sehr unterschiedlich, allerdings essen die meisten zu wenig Obst und Gemüse - das geht aus einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) zum Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen hervor. Zwar konsumieren Kinder heutzutage deutlich weniger Süßwaren und zuckerh altige Lebensmittel als noch vor einigen Jahren, allerdings nehmen nur etwa 14% der 3- bis 10-Jährigen die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse zu sich. Statt zu Apfel und Möhre greifen sie lieber zu Schokoriegel und Co. und nehmen zu viel Zucker und Fett zu sich. Laut Kinder-Medien-Studie 2017 geben Kinder ihr Taschengeld übrigens auch am liebsten für Süßigkeiten aus.

Nichts spricht gegen gelegentliche Schleckereien - allerdings wirkt sich ständiger Süßigkeitenkonsum und unausgewogene Ernährung negativ auf die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder aus und begünstigt ernährungsbedingte Störungen wie zum Beispiel erhöhte Cholesterin-, Blutzucker- und Blutdruckwerte oder gar Übergewicht. In Deutschland sind rund 15% der Kinder übergewichtig, fast 6% leiden unter Adipositas, also starkem oder krankhaftem Übergewicht. Die Ursachen für ein zu hohes Körpergewicht liegen vor allem im Bewegungsmangel in Kombination mit dem Ernährungsverhalten.

Zwar wissen die meisten Kinder, welches Essen gesund ist, allerdings handeln sie weniger vernunftgesteuert, als die Eltern das gern hätten. Schließlich sind Lebensmittel, die besonders Kinder ansprechen und als ungesund gelten, fast überall zu gänglich und werden gern und häufig konsumiert. Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 17 Jahren trinken im Durchschnitt mehr als einen halben Liter zuckerhaltige Getränke und essen circa 70 Gramm Süßigkeiten am Tag. Die Mengen steigen, je älter die Kinder werden und Jungen konsumieren deutlich mehr Süßes als Mädchen.

Eltern sind Vorbilder

Der Grundstein für das zukünftige Essverhalten wird bereits in den ersten Lebensjahren gelegt und festigt sich bis etwa zum zehnten Lebensjahr. Anders ausgedrückt: Was Hänschen nicht kennt, isst Hans nimmermehr. Eltern, Geschwister, Freunde und Freundinnen, Erzieherinnen und Erzieher sind die wichtigsten Vorbilder für das Ernährungsverhalten der Kinder - was am gemeinsamen Esstisch vorgelebt wird, prägt bereits die Kindergartenkinder.

Interesse am Essen entsteht am ehesten, wenn die Kinder beim Einkaufen, bei der Zubereitung und auch beim Tisch decken mitmachen. So erfahren sie einiges über die Lebensmittel und deren Zubereitung und sehen, dass Essen mehr ist als gesunde Ernährung. Und: Kinder, die mithelfen, wissen besser Bescheid und essen gesünder. Oft schmeckt dann plötzlich genau das Gemüse, was sie sonst vom Teller schieben.

Es macht durchaus Sinn, den Kindern auch mal ein untypisches Kinderessen wie Sauerkraut oder Linsen zu servieren. Auf diesem Weg werden die Kinder an Gerichte herangeführt, die sie noch gar nicht kennen. Und die meisten Kinder probieren zumindest mal, manche kommen sogar auf den Geschmack.

Kinder auf das Essen neugierig machen

Kleine Kinder sind meist neugierig und interessieren sich für die Dinge, die sie noch nicht kennen. Das trifft auch auf Nahrungsmittel zu. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat die folgenden einfachen Grundregeln für ausgewogene Kost aufgestellt:

Geben Sie Ihrem Kind reichlich zu trinken: am besten Wasser oder andere ungesüßte bzw. zuckerfreie Getränke. Verwenden Sie reichlich pflanzliche Lebensmittel: Gemüse, Obst, Getreide und Getreideprodukte, Kartoffeln. Bieten Sie nur in Maßen tierische Lebensmittel an, wie Fleisch, Wurst, Fisch, Eier, aber auch Milch und Milchprodukte wie Käse, Quark, Joghurt. Seien Sie sparsam mit: Salz, Zucker, Süßigkeiten, Snackprodukten und fettreicher Kost. Dies gilt insbesondere für fettreiche Produkte mit einem hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren, wie zum Beispiel Schokocreme, Chips, Flips und Ähnliches. Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Mindestens einmal am Tag sollten alle Familienmitglieder am Familientisch zusammenkommen, darüber sind sich Ernährungsexperten einig. Zusammen essen macht nicht nur mehr Spaß, sondern steigert auch den Genuss und fördert den Austausch. Gerade weil die eng getaktete Arbeits- und Freizeitplanung oft wenig Zeit lässt, ist es umso wichtiger, dass sich alle Familienmitglieder so oft es geht am Esstisch treffen. Am Morgen zum Beispiel, um den Tag zu planen, oder beim Abendessen, um sich über den Tag auszutauschen. Der dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul beschreibt in seinem Buch „Essen kommen. Familientisch - Familienglück", dass der gemeinsame Küchentisch nicht nur der Nahrungsaufnahme diene, sondern dort Beziehung gelebt werde: „ Das Essen, das auf den Tisch der Familie kommt, hat neben dem Geschmacks- und Nährwert auch noch eine andere Bedeutung. Es wird als Symbol für das Engagement, die Liebe und Fürsorge der Eltern erlebt." Umso wichtiger sei es, so der Autor, Wert auf das gemeinsame Essen zu legen und den Kindern zu vermitteln, wie wichtig die Qualität der Lebensmittel ist.

Gesundes Essen beginnt beim Einkauf

Ein erster Schritt zu bewusster Ernährung ist der Kauf von überwiegend saisonalen Produkten aus der Region, möglichst wenig verpackt - zum Beispiel auf den Wochen- und Bauernmärkten oder in den Hofläden der Region. Wer wenig Zeit zum Einkaufen hat und Wert auf Ökoprodukte legt, kann das umfangreiche Angebot eines Öko-Lieferdienstes nutzen, die in der Regel saisonales Obst und Gemüse aus der Region verkaufen. Apropos saisonal: ein Saisonkalender zeigt, welches heimische Obst oder Gemüse gerade Erntezeit hat - besonders für Kinder ein spannender Aspekt. Saisonkalender können im Netz heruntergeladen werden, zum Beispiel auf der Website der Naturschutzorganisation NABU e. V. Die Kombination aus frischen saisonalen Produkten und unverpackten (Bio-)Supermarktartikeln ist für viele Familien eine bezahlbare Alternative zu reiner Biokost.

Nein, meinen Spinat ess' ich nicht!

Wenn Kinder partout ein bestimmtes Gemüse nicht essen wollen, kann man durchaus zu kleinen Tricks greifen. Viele Gemüsesorten lassen sich püriert oder klein geraspelt in beliebte Saucen, Suppen und sogar in Pfannkuchen mischen. Und wenn Kinder nicht gern gekochtes Gemüse essen: einfach frisch geschnitten auf den Tisch stellen - Rohkost ist bei den meisten Kids sehr beliebt und passt auch gut in die Kindergarten- oder Schulbrotdose. Da beim Erhitzen viele Vitamine verloren gehen, ist rohes Obst und Gemüse besonders nährstoffreich. Es müssen ja nicht immer die obligatorischen Karotten- oder Apfelschnitzer sein. Auch Kohlrabi, Paprika oder Radieschen werden gern genascht und schmecken besonders gut zu leckeren Dips. Und bei manchen Gemüsemuffeln erreicht man kleine Veränderungen, wenn sie ihr Gemüse selbst „anbauen" können. Radieschen, Kresse, Kräuter, Tomaten - viele Gemüsesorten lassen sich aus Samentütchen ganz einfach selbst ziehen. Dafür braucht man nicht einmal einen großen Garten - ein Balkon oder eine sonnige Fensterbank reichen meist schon.

Wenn das alles nicht fruchtet: Nicht aufgeben, denn die Geschmacksvorlieben von Kindern ändern sich manchmal sogar erst nach dem zehnten Probieren. Am besten man bietet auch unbeliebtes Gemüse immer wieder an, möglichst auch mal in einer anderen Variante zum Beispiel als Suppe oder Auflauf. Ganz wichtig: kein Kind sollte gezwungen werden, etwas zu probieren.

Tipp: die Verbraucherzentrale hat in ihrem neu aufgelegten Buch „Bärenstarke Kinderkost" jede Menge Infos rund um das Thema Kinderernährung mit leckeren Rezepten von und für Kids & Co. kombiniert. Infos über Bestellmöglichkeiten gibt es hier.

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