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Interview

"Das Wasser gehört Gott und muss geteilt werden"

Die Länder am Nil sind schicksalhaft verbunden durch den Fluss - und entzweit wegen seines Wassers. Der äthiopische Professor für Hydropolitik Yacob Arsano hat nun eine erstaunliche Vision: Das Wasser des Nil wird mehr, wenn man es unter den Anrainerstaaten aufteilt.
Mein Interview mit ihm in der Terra Mater Juli/August.

Im Nordosten Afrikas, einer der trockensten Gegenden der Erde, verhandelt Yacob Arsano über Wasser.
Die Vision des Professors für Hydropolitik: Das Wasser des Nil wird mehr, weil die Länder am Strom es teilen.

INTERVIEW: SUSANNE KAISER
FOTOS: HILINA ABEBE

DIE LÄNDER AM NIL SIND SCHICKSALHAFT VERBUNDEN DURCH DEN FLUSS. Sie brauchen das Wasser dringend, weil hunderte Millionen Menschen davon leben. Doch seit 60 Jahren gibt es speziell zwischen Ägypten und Äthiopien Streit. Mal verhandeln die beiden Staaten, mal droht man sich. Wie jetzt, wo am Blauen Nil im äthiopischen Hochland ein Stau­ damm entsteht, der bald mit Wasser auf­ gefüllt werden soll.
Einer, der diese komplexe Situation verstanden hat und vermitteln will, ist Yacob Arsano. Der Professor, der in der Schweiz und in den USA studiert hat, lehrt HydropolitikanderUniversität Addis Abe­ba in Äthiopien und berät in seinem Land das Wasser­ und das Außenministerium. Und Arsano hat einen Traum: Die Länder am Nil sollen endlich aufhören, das Was­ ser als nationalen Besitz zu begreifen. Seit 40 Jahren verhandelt der 67­Jährige deshalb unbeirrt an einem Punkt, wo eigentlich kein Spielraum zu sein scheint. Und ent­wirft Konzepte, die das Unmögliche leisten müssen: Am Ende sollen alle mehr Wasser haben, obwohl sie mehr davon nutzen, Kli­mawandel und Dürren zum Trotz.

TERRA MATER: In einer der trockensten RegionenderWeltverhandelnSiemitden Anrainerstaaten des Nil über deren wert­ vollstes Gut: Wasser. Was treibt Sie an?

YACOB ARSANO: Alles begann 1979.
Die Zeitungen waren voll von Berichten über die verhärteten Fronten zwischen Äthiopien und Ägypten und die Kontrolle über das Nilwasser. Die geopolitischen Beziehungen wurden immer vertrackter: Es war die Zeit des Kalten Krieges, die Länder standen sich auch in verfeindeten Blöcken gegenüber. Das interessierte mich: Wie hatte es dazu kommen können? Ich spezialisierte mich auf Hydropolitik am Nil und schrieb meine Doktorarbeit über den Kampf ums Wasser. Seitdem lässt mich der Nil nicht los.
Äthiopien hat den riesigen GERD ­Staudamm am Blauen Nil gebaut, den Grand Ethiopian Renaissance Dam – und riskiert damit, dass es zum Streit mit Ägypten kommt.

Wie wichtig ist dieser Staudamm für Ihr Land?

Mit dem Staudamm können wir saubere Energie produzieren und unsere wach­ sende Bevölkerung versorgen. Eines der größten Probleme bei uns: Nur die Hälfte aller Haushalte hat Strom. Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Erde.
Hier leben jetzt schon 100 Millionen Menschen, und die Gesellschaft wächst rasend schnell. Auf dem Land wird noch mit Holz geheizt. Deshalb sind mehr als 80 Prozent der Wälder bei uns heute abgeholzt – mit verheerenden Folgen für Natur und Mensch, denn die Einheimi­ schen leben ja von dem, was die Erde hervorbringt. Wenn da aber nichts mehr steht, die Böden erodieren und Bauern nichts mehr pflanzen können, geht ihre Lebensgrundlage verloren. Dann wächst dort nicht einmal mehr Gras. Wie sollen die Menschen ihre Tiere versorgen? Wie sich selbst? Schon jetzt gibt es erbitterte Kämpfe um das Allernotwendigste.

Wie kann der Staudamm das Leben in den Städten und auf dem Land verändern?

Die Wirtschaft kann durch die grüne Energie mehr Industrie entwickeln, das Kleingewerbe wird aufblühen. Das schafft Arbeitsplätze, besonders für junge Leute. Das ist die Idee: die Armut besiegen.
Sind alle in Äthiopien vom Staudammprojekt so überzeugt wie Sie?
Die meisten. Die Menschen hier haben persönlich viel für das Projekt geopfert: Sie haben unentgeltlich gearbeitet, Know­how eingebracht, viele sogar Geld gespendet. Obwohl die Bevölkerung arm ist – das gab es niemals zuvor. Der Staudamm bedeutet ihnen viel, er ist ihre Hoffnung. Natürlich sind manche auch dagegen, mit den Argumenten, das Projekt sei zu teuer, zerstöre die Natur oder verdränge Einhei­ mische aus der unmittelbaren Umgebung. Aber wir haben nur diese eine natürliche Ressource, und die müssen wir nutzen.

Nach sieben Jahren Bauzeit ist der Damm fast fertig. Was passiert jetzt?

Er sollte eigentlich bereits stehen, aber ein entscheidendes Detail fehlt: die Turbinen. Deshalb verzögert sich nun alles. Die zuständige Firma war damit überfordert. Die Führungsebene musste gehen, neue und kompetentere Leute kamen. Es besteht also Hoffnung, dass der Damm in absehbarer Zeit doch noch fertig wird. Der nächste Schritt wird sein, GERD mit Wasser aus dem Nil aufzufüllen. Und zwar so, dass in den Ländern weiter unten am Strom, Sudan und Ägypten, noch
genug Wasser ankommt. Das kann dauern, wie lange, wissen wir nicht. Wir müssen von Jahr zu Jahr neu entscheiden, wie viel Wasser wir abzweigen können – je nachdem, wie trocken der Sommer wird.

Anderthalb Jahre lang müsste der gesamte Nil in das Staubecken fließen, um es vollzu­ bekommen. Äthiopien kann nur einen Bruch­ teil davon abzwacken, weil es sonst Ärger gibt mit Ägypten. Wovor hat Ägypten Angst?

Es macht sich Sorgen, dass Länder weiter oben am Nil ihm das Wasser abgraben. Als letztes Land am Strom mitten in der Wüste hat Ägypten nur diese Wasser­ quelle. Deshalb kann die Regierung in Kairo unseren Damm nicht akzeptieren. Schuld daran ist die lange Vorgeschichte ...
Nach der Kolonialzeit teilten Ägypten und der Sudan 1959 alles Wasser unter sich auf. Ägypten bekam drei Viertel zugespro­ chen, der Sudan den Rest. Alle anderen Länder, am Blauen wie am Weißen Nil, gingen leer aus. An dem alten Vertrag hält Ägypten jetzt mit aller Macht fest und fordert sogar noch mehr. Aber das wiederum kann Äthiopien nicht akzep­ tieren. Das Wasser gehört allen Staaten am Nil. Es kann nicht einfach von einem Land monopolisiert werden.

Eine heikle Situation: Wie bringt man Ägypten zum Einlenken?

Die Nachbarländer hier am Nil haben gar keine andere Wahl, als sich zu verstän­digen. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Wir sitzen alle im selben Boot. Die Menschen müssen dringend ein Bewusstsein dafür bekommen, dass es in der Nilregion keine Zukunft geben wird ohne Zusammenarbeit.
Um Ägypten zu überzeugen, hat Äthiopien eine Studie in Auftrag gegeben ...
Der Staudamm kann in fünf bis sieben Jahren aufgefüllt werden, je nach Nieder­ schlägen und Überschwemmungen in der Regenzeit, ohne gravierende Auswir­ kungen auf den Wasserstand weiter unten am Fluss. Die größte Herausforderung aber ist, das konventionelle Denken zu überwinden, dass es schädlich sei, wenn alle das Wasser nutzen. Im Gegenteil: Nur wenn es geteilt wird, wird es mehr.

Dieses Paradoxon müssen Sie erklären ...

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