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Nicht zur Verzierung hier (Focus)

Fabriona benno

Die erste christliche Bürgermeisterin in der Türkei


Fabronia Benno heißt sie eigentlich, doch den Namen darf sie in ihrem Land nicht führen. Fabronia, wie sie getauft ist, wird sie von ihren aramäischen Landsleuten in Südostanatolien gerufen, wo ihre Familie seit Jahrhunderten unter dem Namen Benno bekannt ist. Doch auf dem Amt, in der Schule, an der Universität ist sie Februniye Akyol – das ist der Name, den der türkische Staat ihr verordnet hat.

 

Unter dem türkischen Namen übernahm die 25jährige in der vergangenen Woche die Amtsgeschäfte als Ko-Oberbürgermeisterin von Mardin, einer uralten mesopotamischen Stadt, von deren Terrassen und Teegärten aus man weit nach Syrien hinein blicken kann. Die eigentliche Sensation lieferte sie aber als Fabronia Benno: Erstmals regiert nun eine Christin eine türkische Großstadt – und das auch noch zusammen mit einem kurdischen Stammesfürsten.

 

Viele Aramäer sind nicht mehr übrig in der urchristlichen Landschaft um Mardin, der Heimat des aramäischen Volkes, das noch immer die Sprache von Jesus Christus spricht. Hunderttausende waren es dort noch vor einem Jahrhundert, doch nur 50.000 überlebten die Christenmassaker von 1915, die eigentlich den Armeniern galten. Von ihnen und ihren Nachfahren wiederum leben die meisten heute in Deutschland, Schweden und der Schweiz – aus der Türkei geflohen vor Armut, Unterdrückung und dem Kurdenkrieg, zwischen dessen Fronten sie zerquetscht wurden. Obwohl im letzten Jahrzehnt eine vorsichtige Rückkehr eingesetzt hat, zählen die Aramäer in ihrer Heimat heute kaum 5000 Seelen.

 

„Die Aramäer sind hier noch immer nicht frei, sie können hier nicht in Ruhe leben“, sagt Fabronia Benno. Anders als Armenier oder Griechen werden die aramäischen Christen von der Türkei nicht als Minderheit anerkannt und dürfen deshalb keine eigenen Schulen haben, in denen sie ihre Sprache weitergeben könnten. Ihre Dörfer sind im Kurdenkrieg verwüstet, ihre Wälder abgeholzt und ihre Weinberge niedergebrannt worden. Und wenn sie heute aus dem europäischen Exil zurückkehren wollen, finden sie ihre Häuser und Felder oft von kurdischen Clans besetzt vor, die sie mit der Waffe bedrohen.

 

In ihrem neuen Amt will Fabronia Benno dazu beitragen, das zu ändern und den Boden für die Rückkehr ihres Volkes zu bereiten. „Jeder Aramäer, der von hier gehen musste, ging mit dem Traum von der Rückkehr“, sagt sie. „Wohin wir auch fliehen mögen auf der Welt, wir gehören einfach hierher, wo unsere Kirchen und Klöster sind und wo die Gebeine unserer Heiligen begraben sind.“

 

Ihre eigene Familie hat es nur ein paar Jahre in Istanbul ausgehalten und kehrte schon früh nach Midyat bei Mardin zurück, wo Fabronia im Juni 1988 zur Welt kam. Zusätzlich zur Familiensprache Aramäisch musste das Kind die Amtssprache Türkisch lernen, bevor es eingeschult wurde, und dann auch Kurdisch und Arabisch, um mit den Schulkameraden reden zu können. Kein Wunder, dass sie heute am Sprachinstitut der Uni Mardin studiert, wo nach Aufhebung der Sprachverbote in der Türkei seit 2009 erstmals Kurdisch und Aramäisch als Studiengänge angeboten werden.

 

Zum Magistergrad fehlt ihr noch ein Jahr, doch möglicherweise wird der Abschluss warten müssen. Seit zwei Monaten ist die Studentin auch Politikerin – seit ihr ausgerechnet die Kurdenpartei BDP, der politische Arm der kurdischen Rebellengruppe PKK, für die türkischen Kommunalwahlen am 30. März die Kandidatur zur Ko-Oberbürgermeisterin antrug. Die Doppelspitzen von Männern und Frauen – nach dem Vorbild der deutschen Grünen - hat die Kurdenpartei für alle von ihr regierten Rathäuser in Südostanatolien eingeführt, doch eine Christin an der Spitze - das ist nicht nur bei der Kurdenpartei neu, sondern in der gesamten Türkei.

 

Gepaart ist die christliche Studentin in der Doppelspitze von Mardin mit Ahmet Türk, dem grand old man der Kurdenbewegung. Der 71jährige ist seit 40 Jahren in der Politik, saß für wechselnde Parteien sechs Legislaturperioden im türkischen Parlament und diente der kurdischen Sache in allen Funktionen bis zum Parteivorsitzenden. Zugleich ist Türk das Stammesoberhaupt eines einflussreichen Kurdenclans, der im feudal geprägten Südostanatolien noch immer mehr zu melden hat als jede Partei oder Behörde. Wenn Türks Familie die Nachbarn zum Essen einlädt, dann kommen auf seinem Landsitz bei Mardin ohne weiteres 15.000 Menschen zu einer Mahlzeit zusammen, für die tausend Hammel geschlachtet werden.

 

Fabriona Benno, die Tochter eines Silberschmieds, lässt sich von diesen Sitten nicht einschüchtern, auch wenn sie roh werden können. So schickte die Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Erdogan in Mardin den Vertreter eines rivalisierenden Kurdenclans gegen sie ins Rennen – eines Clans, der in eine epische Blutfehde mit dem Stamm von Ahmet Türk verwickelt ist. Dutzende Menschen starben bei der Fehde, die von einem Streit um die Ehre ausgelöst wurde und ein halbes Jahrhundert währte; inzwischen gibt es einen Burgfrieden, doch solche Abkommen sind zerbrechlich. „Da fragt man sich natürlich“, sagt Fabriona Benno zur Auswahl des AKP-Kandidaten. „Wir können natürlich nicht sicher wissen, ob sie ihn nur wegen der Blutfehde mit Ahmet Türk aufgestellt haben, aber die Frage stellt sich schon.“

 

Politik ist oft ein blutiges Geschäft hier im wilden Osten der Türkei, wo nach 30jährigem Kurdenkrieg die Waffen locker sitzen. Noch am Wahltag wurde der BDP-Bürgermeisterkandidat im benachbarten Artuklu in den Rücken geschossen, als er einen Streit zwischen Dorfbürgermeistern schlichten wollte. Der Kandidat überlebte die Kugel, doch Mut muss man hier schon mitbringen in die Politik, erst recht als Christ. Der erste und bis letzte Woche einzige aramäische Bürgermeister der Türkei, Sükrü Tutus in Azeh, wurde im Juni 1994 vor seinem Haus von Unbekannten erschossen. Es war das Fanal für die Flucht der Christen aus der uralten Aramäerstadt, die sich binnen eines Monats leerte und heute eine kurdische Ortschaft namens Idil ist.

 

„Ich finde es gut, dass eine Aramäerin im Amt ist, egal mit welcher Partei“, sagt Robert Tutus, der Sohn des damals ermordeten Bürgermeisters, der nach Jahren im deutschen Exil als einziger Christ nach Idil zurückgekehrt ist und dort den geplünderten Besitz seines Vaters zusammensucht. Skeptisch ist er allerdings, was die Absicht der Kurden angeht, sich für die Rechte der aramäischen Christen einzusetzen. Die Scherereien würden den Christen in Südostanatolien doch vor allem von Kurden bereitet, die ihren Besitz geplündert und ihre Häuser und Ländereien besetzt hätten und die Rückkehrer nun bedrohen würden, sagt Tutus.

 

Die Angst vor den Kurden und das Misstrauen gegen sie sitzen tief bei den Christen dieses Landstrichs, die vor hundert Jahren erbarmunglos massakriert wurden von kurdischen Freischärlern im Dienste des osmanischen Staates. Hamidiye hießen die berüchtigten Kurdenregimenter, die damals Armenier wie Aramäer abschlachteten. Offiziell galten die Masssaker zwar den Armeniern, die des Verrats bezichtigt wurden, doch mit der Unterscheidung zwischen Armeniern und Aramäern hielten sich die Christenjäger nicht lange auf. „Nicht auf die Farbe der Zwiebel kommt es an, sondern auf den Geruch“, war ihr Motto: „Eine Zwiebel ist eine Zwiebel.“ Drei von vier Aramäern wurden damals getötet. Und einer der berüchtigsten Hamidiye-Kommandanten war der Großvater von Ahmet Türk.

 

Fabronia Benno weiß das natürlich, und sie hat damit gehadert. „Ja, die Kurden haben uns Christen verfolgt, und dieses Trauma sitzt tief – ich hatte früher auch Vorurteile gegen sie“, sagt sie. Doch immerhin würden die Kurden das heute eingestehen und bedauern – Ahmet Türk hat das als damaliger Vorsitzender der Kurdenpartei schon vor Jahren getan. Und ihren einzigen Sitz im türkischen Parlament verdanken die Aramäer der Kurdenpartei, die bei den letzten Parlamentswahlen 2011 den aramäischen Christen Erol Dora auf einem sicheren Listenplatz in die Volksvertretung hievte – den ersten Christen dort seit einem halben Jahrhundert.

 

Auch ihr eigenes Amt verdankt Fabronia Benno nicht nur der Kurdenpartei, sondern dem PKK-Chef Abdullah Öcalan persönlich. Aus seiner Zelle auf der Gefängnisinsel Imrali schickte der inhaftierte Rebellenchef vor zwei Monaten die Order, in Mardin eine aramäische Kandidatin für das Bürgermeisteramt aufzustellen. Daraufhin zog die altgediente Kurdenpolitikerin, die eigentlich für das Amt nominiert war, ihre Kandidatur zurück, und die BDP machte sich eilig auf die Suche nach einer christlichen Kandidatin, wie Fabriona Benno freimütig erzählt. „So bin ich ins Amt gekommen.“

 

Kritiker in der aramäischen Gemeinde meinen, die Kurdenpartei wolle die junge Christin nur als Feigenblatt benutzen, um in Europa zu gefallen. Doch als reines Aushängeschild will Fabriona Benno sich nicht sehen. „Die Kurdenpartei hat mich ermächtigt, für mein Volk und seine Rechte zu kämpfen, und das werde ich auch tun“, sagt die Studentin. „Ich bin nicht zur Verzierung hier.“

 

Der erste Kampf im neuen Amt mit Ahmet Türk gilt jedenfalls einer gemeinsamen Sache. Die scheidende AKP-Stadtverwaltung hat noch schnell das Rathaus mitsamt Tischen, Computern und Dienstwagen an die Staatskasse verschoben, wie sich bei der Amtsübergabe herausstellte. Die beiden neuen Oberbürgermeister müssen sich nun erst einmal einen Arbeitsplatz suchen.


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