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Appell an die Christen: Bitte bleibt hier! (Die Zeit)

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Fahles Winterlicht fällt durch die Bogenfenster in den geweißelten Kirchenraum des aramäischen Klosters, das sich seit 1500 Jahren an einen kargen Berghang außerhalb der Stadt Mardin im Südosten der Türkei klammert. Der aramäische Sprechgesang fliegt hin und her zwischen den schwarz gekleideten Mönchen und den Laien, die sich bei der Morgenandacht im Kloster Deyrulzafaran um die Gesangbücher scharen. Nur eine Handvoll Christen waren es in den letzten Jahren noch, die hier am früheren Patriarchensitz der syrisch-orthodoxen Kirche den alten Glauben pflegten. Doch seit einigen Wochen füllt sich das alte Kloster wieder mit neuen Bewohnern, im Gottesdienst schwillt der Sprechgesang vielstimmig an. Beim Gebet unter der schlichten Kuppel danken die Neuankömmlinge ihrem Schöpfer, dass er sie entkommen ließ aus Syrien. Aus Angst um ihre Kinder seien sie geflohen, nachdem ein Nachbarskind von bewaffneten Rebellen entführt worden war, erzählt ein Ehepaar aus dem nordostsyrischen al-Hasakah nach der Andacht. Dreizehn Jahre alt war das Kind, genauso alt wie der älteste ihrer drei Jungen, sagt die Mutter, eine Sportlehrerin mit kurz geschnittenen Locken, und blickt zu den Kindern hinüber, die im Klosterhof spielen. Um Lösegeld ging es, fügt sie hinzu: „So beschaffen die sich ihr Geld." Bevor eines ihrer Kinder an der Reihe gewesen wäre, flohen sie und ihr Mann, ein Schneider, über die Grenze in die Türkei. Ihre Wohnung in al-Hasakah werden sie wohl nie wiedersehen, fürchten die beiden - die dürfte inzwischen schon geplündert sein. Die Gewalt gegen Christen eskaliert in al-Hasaka, der nordöstlichsten Provinz von Syrien, die außer von Kurden und Arabern auch von Hunderttausenden aramäischen Christen bewohnt wird und relativ lange verschont geblieben war vom syrischen Bürgerkrieg. Inzwischen ist die Region allerdings nicht nur zwischen dem Assad-Regime und den Rebellen umkämpft, sondern auch zwischen den dort vorherrschenden Kurden und den arabischen Rebellenmilizen, zu denen auch radikalislamistische Gruppierungen zählen. Ein junger Mann namens Gabriel zeigt im Gästetrakt des Klosters mit erhobenen Armen und zusammengelegten Handgelenken, was solch eine Truppe mit ihm angestellt hat: „An den Armen aufgehängt und geprügelt - nur weil ich Christ bin", sagt der 20-Jährige. Von Anschlägen auf Kirchen, von Vergewaltigungen, Entführungen und Lösegelderpressungen berichten die Christen, die in den letzten Wochen über die Grenze gekommen sind. „Überall sind bewaffnete Kämpfer, man weiß meist gar nicht, zu welcher Seite sie gehören", erzählt ein junger Mann, der seine alten und schwer kranken Eltern hier in Sicherheit gebracht hat. „Man weiß nur, dass sie einen töten könnten, und man lebt in ständiger Todesangst." Zwar wird in al-Hasakah zumindest derzeit noch nicht heftig gekämpft, doch ist in den Kriegswirren die öffentliche Ordnung zusammengebrochen. Die schutzlosen Christen bieten dabei ein leichtes Ziel für radikale Milizen und kriminelle Banden, sagt Pater Gabriel Akyüz, der Vizemetropolit der syrisch-orthodoxen Kirche von Mardin. „Diese Banden entführen, erpressen Lösegeld und begehen schlimme Untaten", sagt Akyüz. „Deshalb fliehen die Christen." Schutz suchen die syrischen Christen aber nicht in den offiziellen Flüchtlingslagern, die der türkische Staat an der Grenze errichtet hat und in denen bereits 180 000 syrische Flüchtlinge sitzen. An den Lagern vorbei fliehen die Aramäer schnurstracks in den Tur Abdin, die uralte Christenregion der Türkei, die knapp 50 Kilometer von der Grenze um die Städte Mardin und Midyat liegt und die historische Heimat der aramäischen Christenheit ist. „Die Christen wollen nicht in die Lager, sie haben Angst", sagt Pater Josef, der im Kloster Deyrulzafaran mehrere Flüchtlingsfamilien betreut. Nur unter ihren Glaubensbrüdern, den aramäischen Christen des Tur Abdin, fühlen sie sich sicher. Wer es schafft, der schlägt sich von der Grenze aus auf eigene Faust durch in eines der Klöster und Kirchen, die seit dem 4. Jahrhundert über den Tur Abdin zerstreut sind. „Die anderen, die an der Grenze von den türkischen Sicherheitskräften geschnappt und in ein Lager gesteckt werden, die holen wir da raus", erzählt Evgil Türker, der Vorsitzende des Verbandes Aramäischer Vereinigungen in der Türkei. Im Flüchtlingslager sei es zu gefährlich für Christen, sagt er, denn auch dort haben sich die Milizen festgesetzt. „Die Rebellen sammeln in den Lagern junge Männer ein und schicken sie zum Kämpfen über die Grenze zurück nach Syrien. Aber die Christen wollen nicht kämpfen, denn das ist nicht ihr Krieg." Immer wieder fährt Türker deshalb ins Flüchtlingslager Ceylanpinar, um für syrische Christen zu bürgen und sie in den Tur Abdin zu bringen. Zwar ist von der aramäischen Bevölkerung des Tur Abdin auch nicht mehr viel übrig: Wo vor hundert Jahren noch 200 000 Christen lebten, sind es nach Jahrzehnten von Verfolgung, Hungersnöten, Krieg und Unterdrückung keine 5000 Seelen mehr. Die meisten Aramäer aus der Region leben heute in Deutschland, Schweden und der Schweiz. Doch die kleine Schar der verbliebenen Christen leistet gewaltige Anstrengungen, um den fliehenden Glaubensbrüdern aus Syrien beizustehen. In Klöstern, Kirchen und Privathäusern füttern die einheimischen Aramäer bereits Hunderte Flüchtlinge durch. „Noch schaffen wir es aus eigener Kraft", sagt Ayhan Gürkan, der Diakon der Mor-Barsaumo-Kirche in Midyat, in der sich scharenweise kleine Mädchen in weißen Kopftüchern zum Gebet einfinden. Gürkan koordiniert in einem ehrenamtlichen Komitee die Verteilung von Spenden und Hilfsgütern an Flüchtlinge, die hier in Midyat untergekommen sind. Ein paar hundert sind es bisher nur landesweit, aber das kann sich rasch ändern, sagt Gürkan. „Gott stehe uns bei, wenn al-Hasakah an die Rebellen fällt", sagt der Diakon. „Dann werden wir den Ansturm nicht mehr bewältigen können." Die große Fluchtwelle komme noch, glauben auch die Flüchtlinge, die im Kloster Mor Hobil-Abrohom am Stadtrand von Midyat untergekommen sind. „Wegen Renovierung geschlossen", steht auf einem handgemalten Schild am Klostertor, hinter dem einige der Flüchtlinge auf Plastikstühlen zusammensitzen, um sich an der blassen Wintersonne zu wärmen. Die meisten sind junge Männer im wehrpflichtigen Alter, die als Christen weder für die syrische Armee noch für die Rebellen kämpfen wollten und nun ängstlich die Nachrichten aus al-Hasakah verfolgen, wo sie ihre Familien zurückgelassen haben. Vom Assad-Regime halten die syrischen Christen nicht viel, sagt ein junger Arzt namens Hannibal, der aus einem Feldkrankenhaus floh, weil er wegen seines Glaubens bedroht wurde. „Das Regime benutzte uns nur als Propagandainstrumente", sagt er. Die Rebellen würden die Christen aber gezielt angreifen. „Wir sind von beiden Seiten unter Druck." Ein anderer Mann erzählt vom Angriff der arabischen Milizen auf die Stadt Ras al-Ain, aus der daraufhin alle Christen in die nächste Stadt flohen. „Als die Christen nach dem Abzug der Milizen zwei Tage später wiederkehrten, waren alle ihre Häuser geplündert", sagt er. „Das ist die Behandlung, die wir von diesen Leuten zu erwarten haben." Solange die Kurden die Provinz kontrollierten, würden die Christen wohl bleiben, sagt ein dritter; schließlich lebe man dort seit Jahrzehnten friedlich zusammen. „Aber wenn die arabischen Milizen sie erobern, bleiben keine Christen mehr dort." Das befürchten auch ihre Gastgeber, die türkischen Aramäer. Alles hänge an der umkämpften Stadt Ras al-Ain am westlichen Rand der von Christen bewohnten Provinz, sagt Yusuf Türker, der Leiter des Klosters. „Wenn Ras al-Ain fällt, dann hält die Rebellen nichts mehr auf, dann nehmen sie die ganze Provinz ein", sagt er. „Und dann kommen 40 000 bis 50 000 Christen herüber." Einen solchen Ansturm könnten die türkischen Christen im Tur Abdin nicht bewältigen - es wären zehnmal mehr Flüchtlinge, als es hier noch christliche Einwohner gibt. Die Aramäer haben deshalb die türkische Regierung um Hilfe gebeten; die wurde ihnen zugesagt. „Wenn es eine große Flüchtlingswelle von Christen geben sollte, dann wird der türkische Staat hier ein eigenes Lager für die Christen aufbauen, das hat uns die Regierung versprochen", sagt Evgil Türker vom Aramäerverband, der Gespräche im Büro des Ministerpräsidenten, im Außenministerium und mit dem Gouverneur von Mardin geführt hat. Bis es so weit ist, will der Staat den christlichen Flüchtlingen nicht nur erlauben, außerhalb der Lager privat im Tur Abdin unterzukommen, sondern ihre Versorgung dort auch finanziell unterstützen, bis sie in ihre Heimat zurückkehren können. Aus den Klöstern des Tur Abdin blicken die christlichen Flüchtlinge allerdings nicht auf eine Rückkehr nach Syrien, sondern in Richtung Westen. Auf ein Visum für Schweden warten in Deyrulzafaran die Eltern der drei Jungen, die dort schon viele Verwandte haben. Nach Holland, wo seine Geschwister alle leben, will der junge Mann mit den kranken Eltern. Nach Europa oder Amerika, egal in welches Land, möchte Hannibal, der Arzt - nur möglichst weit weg von hier in ein christliches Land. „90 Prozent von ihnen wollen nach Europa, fast alle wollen sie weg, das ist das Problem", sagt Evgil Türker vom Aramäerverband. „Aber dabei helfen wir ihnen nicht, das sage ich ganz offen und spreche dabei auch im Namen des Verbandes." Der Aramäerverband hat sogar mit den europäischen Botschaften in Ankara und dem US-Konsulat in Adana gesprochen und sie gebeten, den fliehenden Christen keine Einreisevisa zu geben. „Wir wollen nicht, dass die Christen ins Ausland gehen - wir wollen, dass sie hier bleiben", begründet Türker diesen Schritt. „Wenn die Europäer ihnen helfen wollen, dann sollen sie hier helfen, dann sollen sie uns dabei unterstützen." In einem kleinen Dorf außerhalb von Midyat ist zu besichtigen, warum das den türkischen Aramäern so wichtig ist. Linkerhand der Straße sind in Kafro noch die Ruinen des alten Dorfes zu sehen, dessen Kirche aus dem fünften Jahrhundert stammt und dessen letzte Bewohner in den 1990er-Jahren vor Krieg und Unterdrückung nach Europa flohen. Davor erhebt sich wie eine Fata Morgana das prächtige neue Dorf, das dieselben Bewohner in den letzten Jahren nach der Rückkehr aus Europa errichtet haben. „Wir sind absolut gegen eine Flucht der Aramäer aus ihrer Heimat", sagt Aziz Demir, Bürgermeister von Kafro. Demir unterstützt die Rückkehrbewegung von Aramäern in den Tur Abdin und engagiert sich auch in der Flüchtlingshilfe für syrische Christen. „Flucht bedeutet für uns, dass wir unsere Heimat und Wurzeln verlieren." Deshalb rufe er alle christlichen Flüchtlinge aus Syrien auf, nicht nach Europa abzuwandern, sondern auszuharren. „Wenn wir Christen immer nur fliehen, wo kommen wir dann hin?", sagt auch Evgil Türker. Im Tur Abdin gebe es kaum noch Aramäer, aus dem Irak seien Hunderttausende Christen vertrieben worden. „Wenn die Christen jetzt auch noch aus Syrien fliehen, dann kann von einer aramäischen Christenheit im Nahen Osten keine Rede mehr sein." Sogar über eine Einbürgerung syrischer Christen in die Türkei hat der Verband schon mit der türkischen Regierung gesprochen - ein Gedanke, der weniger abwegig ist, als es auf den ersten Blick scheint. Schließlich stammen die allermeisten aramäischen Christen in Nordostsyrien von Flüchtlingen aus dem Tur Abdin ab, die sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor Armut und Verfolgung nach al-Hasakah im damaligen französischen Mandatsgebiet retteten. „Die Großväter der meisten syrischen Christen sind hier noch registriert, auf dieser Grundlage können sie die Staatsbürgerschaft bekommen", sagt Türker - das sei ihm von den Behörden bestätigt worden. Unter den Flüchtlingen im Kloster Mor Hobil-Abrohom findet der Gedanke keine Freunde. „Meine Familie ist in den 1940er-Jahren aus Midyat nach al-Hasakah geflohen, nun ergeht es mir umgekehrt", sagt Hannibal, der Arzt. „Wahrscheinlich werden wir in 40 Jahren wieder nach Syrien fliehen müssen." Hannibal lächelt nicht bei dieser Bemerkung, sie ist nicht als Scherz gemeint. „Als Christen führen wir im Nahen Osten ein elendes Leben und haben nur Schwierigkeiten", sagt er. „Wir wollen nichts dringender als Auswandern in eine andere Region."

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