Steven Meyer

Freier Autor und Journalist, Berlin & Wien

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"Ich fühle mich nicht mehr sicher"

Durch ein neues Gesetz ist es in Ungarn nicht mehr möglich, den Geschlechtseintrag auf Dokumenten zu ändern. Das hat fatale Folgen für Trans-Menschen im Land und beeinflusst auch jene, die die Heimat längst hinter sich gelassen haben. 


"Ich dachte, ich müsse mir das Leben nehmen", sagt Adel Onodi. Die Schauspielerin und Sängerin zog vor einigen Monaten von Budapest nach Berlin. In Ungarn gebe es für Menschen wie sie keine Perspektive, sagt sie. Adel ist trans und Trans-Personen will die ungarische Regierung rechtlich nicht mehr anerkennen. Von den Plänen der Regierung erfuhr Adel in den Nachrichten. Sie war schockiert, konnte nicht mehr schlafen: "Ich fühle mich seitdem wieder wie vor meiner Transition."


Am 31. März reichte die ungarische Regierung den Gesetzesentwurf ein, ausgerechnet am internationalen Tag transgeschlechtlicher Sichtbarkeit, dem "Transgender Day of Visibility". Der Entwurf wurde nun akzeptiert, es ist also offiziell: Beim Standesamt und auf amtlichen Dokumenten darf nur noch das "Geschlecht bei Geburt" vermerkt werden. Änderungen des Geschlechtseintrags und des Vornamens sind nun nicht mehr möglich. Für all jene, die bereits einen Antrag gestellt haben oder dies noch vorhaben, gibt es in Ungarn keine Hoffnung mehr auf rechtliche Anerkennung.


Dass Adel weiblich ist, weiß sie schon, seitdem sie drei Jahre alt ist. Damals, als ihre Mutter sie als 'ihren Sohn' bezeichnete, hätte sie selbstverständlich mit "Ich bin deine Tochter" geantwortet, erzählt sie. Ihre Mutter akzeptierte ihre Geschlechtsidentität und unterstützte Adel auch finanziell während und bei ihrer Transition. "Ich habe großes Glück, dass sie mich unterstützt."


Der aktuelle Gesetzentwurf ist nicht der erste Versuch, queeres Leben in Ungarn unsichtbar zu machen. Orbán und seine Partei sind für ihre trans- und homofeindliche Politik bekannt. Sie machen die LGBTIQ-Community für den angeblichen Zerfall der Gesellschaft verantwortlich.


Seit 2013 erkennt die Verfassung kinderlose, unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Paare rechtlich nicht mehr als Familien an [queer.de]. 2015 verhinderten Ungarn und Polen eine EU-Vereinbarung, die bürokratische Hürden für im Ausland lebende verheiratete und verpartnerte Paare abbauen sollte. Grund dafür: Das Gesetz sollte auch für homosexuelle Paare gelten [queer.de]. 2018 ließ die Regierung Gender Studies von der Liste zugelassener Studiengänge streichen. Amnesty International wirft Ungarn aktuell vor, "internationale Menschenrechtsstandards" zu missachten und sieht das Land " zurück im Mittelalter [dw.com]".


Die ungarischen Behörden setzen Verfahren zur Änderung des Geschlechtseintrags bereits seit zwei Jahren aus. Im Gegensatz zu vielen anderen konnte Adel ihren Geschlechtseintrag auf ihren Dokumenten noch ändern. "Ich bin auch auf meinem Pass eine Frau", sagt sie. Dieser laufe aber im nächsten Jahr ab. "Es lässt sich noch nicht abschätzen, inwiefern sich das neue Gesetz auf bereits geänderte Dokumente auswirken wird." Selbst wenn ihr Lebensmittelpunkt mittlerweile in Berlin ist, seien die ungarischen Behörden für ihre Dokumente zuständig. Sie habe Angst, einen neuen Pass zu beantragen. "Die Behörden könnten womöglich wieder den Namen und Geschlechtseintrag meiner Geburt vermerken."


Adel denke seit Wochen über die Situation in Ungarn nach und suche nach anderen Lösungen, wie einer Einbürgerung in Deutschland. Aber diese sei mit Voraussetzungen und hohen Kosten verbunden. Deshalb hofft sie darauf, dass die Europäische Union auf die Entscheidung der ungarischen Regierung reagiert. Die EU-Menschenrechtskommissarin des Europarates, Dunja Mijatovic, rief das ungarische Parlament noch dazu [dw.com] auf, das Gesetz abzulehnen. "Ich fühle mich nicht mehr sicher", sagt Adel. "Ich dachte, ich hätte all das mit meinem Umzug hinter mir gelassen."

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