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Alopezie: Obenrum frei

Als Julia Figueroa auf die Realschule wechselte, lösten sich beim Kämmen ganze Strähnen von ihrer Kopfhaut. Auch in der Nacht fielen sie aus, am nächsten Morgen konnte sie kleine Büschel von ihrem Kopfkissen pflücken. Zwei Monate später hatte sie keine Haare mehr. Da war sie zehn Jahre alt. Ihre Glatze war jahrelang ein gut behütetes Geheimnis, das sie unter Perücken versteckte.

Alopecia areata heißt die Autoimmunkrankheit, bei welcher der Körper die eigenen Haarwurzeln abstößt und bekämpft, sodass die Haare in kreisförmigen Stellen am Kopf ausfallen. In Deutschland sind nach Schätzung des deutschen Betroffenenverbands etwa 1,5 Millionen Menschen davon betroffen. Die Krankheit kann bei Menschen in jedem Lebensalter auftreten und trifft Frauen und Männer gleichermaßen. Die Ursache ist bis heute nicht bekannt. Von Alopecia areata gibt es verschiedene Formen. Fallen die Haare fortschreitend am gesamten Kopf samt Augenbrauen und Wimpern aus, nennt man sie Alopecia totalis. Der Verlust aller Körperhaare, so wie Julia es hat, heißt Alopecia universalis.

Als Julia die Haare ausfielen, dachte zunächst niemand an die Autoimmunkrankheit. Ihre Eltern und sie vermuteten, es handele sich um eine allergische Reaktion. Gerade hatte sich Julia ihre blonden Haare rot getönt. Es muss an der Farbe liegen, da war sie sich sicher. Doch beim Friseursalon konnte man ihr nicht helfen. Sie verlor immer mehr Haare. Erst war es nur eine münzgroße Stelle, schnell hatte sie mehrere kahle Ovale auf der Kopfhaut. Auch der Kinderarzt war ratlos. Julias Mutter gab nicht auf, wollte die Ursache finden, brachte ihre Tochter von Ärztin zu Ärztin. Schließlich fiel das erste Mal in einer Praxis das Wort "Alopecia".

Als ich in die Pubertät kam, fühlte ich mich meiner Weiblichkeit beraubt. Julia

"Bei vielen meiner Patientinnen und Patienten bricht Alopecia areata im Kindesalter oder bei jungen Erwachsenen auf", sagt der Bremer Dermatologe Uwe Schwichtenberg, der sich auf Haarerkrankungen spezialisiert hat. Wie schnell und wie viele Haare ausfallen, würde sehr unterschiedlich sein. "Ich hatte Patientinnen und Patienten, bei denen es plötzlich begann und in wenigen Wochen hatten sie kein Haar mehr", sagt Schwichtenberg. So auch bei Julia.

In der Schule in Schweinfurt versuchte Julia, die kahlen Stellen zu verstecken. Sie trug jeden Tag eine Mütze. Auch bei 30 Grad im Sommer. Offen sprach sie niemand ihrer Mitschüler:innen darauf an. Die Mütze wurde geduldet, ihre Mutter hatte mit den Lehrer:innen gesprochen. Doch ihre Mitschüler:innen tuschelten hinter ihrem Rücken. Das Gerücht, dass Julia eine Chemotherapie hinter sich hätte, hielt sich hartnäckig. Einmal, da sei auf dem Pausenhof ein Mitschüler an ihr vorbeigerannt und hätte "Du Scheiß Krebskind" gebrüllt. Julia korrigierte das Gerücht nicht. "Ich versuchte alles zu verdrängen und ließ keinen Gedanken zu meiner Haarlosigkeit zu. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll", sagt Julia.

An den Tag, an dem sie beschloss, dass sie eine Perücke tragen möchte, erinnert sich Julia gut. Es waren Pfingstferien, zusammen mit ihren Freundinnen feierte sie ihren elften Geburtstag in einem Freizeitpark. Beim Autoscooter war die Fahrt so wild, dass ihre Mütze vom Kopf flog. Ein Junge habe die Situation beobachtet und sie schockiert mit weiten Augen angestarrt, sagt Julia. "Ich hatte nur noch eine Haarsträhne vorne und eine hinten. Das war schrecklich. Ich sah aus wie ein gerupftes Huhn." Julia war von seinem Blick so eingeschüchtert, dass sie zu ihrer Mutter ging. "Ich habe gesagt, dass ich nicht mehr so rumlaufen kann", sagt Julia. Ihre Mutter nahm sie mit in ein Perückengeschäft. Dort probierte sie lange Locken und strenge Bobs mit Pony in allen Farben aus. Sie entschied sich für eine Kunsthaarperücke mit rotem Kurzhaarschnitt für etwa 700 Euro. Perücken gelten als medizinische Hilfsmittel, je nach Krankenkasse werden die Kosten anteilig oder ganz übernommen. Bei Julias erster Perücke zahlte die Kasse dreißig Prozent.

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Mit der neuen Perücke fühlte sich Julia zunächst gut. Sie redete sich ein, dass ihre Mitschüler:innen nicht merken würden, dass ihre Haare unecht waren. Doch je älter sie wurde, desto mehr litt sie unter ihrer Haarlosigkeit: "Als ich in die Pubertät kam, fühlte ich mich meiner Weiblichkeit beraubt", sagt sie. "Ich wollte einfach normale Mädchensachen mit meinen Haaren machen." Die Haare zu einem Zopf zusammenbinden, Strähnen flechten und hochstecken, vom Mittel- auf einen Seitenscheitel wechseln, Frisuren ausprobieren - und nicht darüber nachdenken müssen, dass die Perücke verrutschen könnte. Weder ihre Freundinnen noch ihre Mutter hatten Expertise im Umgang mit unechten Haaren. Erst später lernte Julia, wie sie die Perücke mit einem speziellen Kleber fixieren konnte.

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