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Verlieben während der Pandemie: Love is in the air?

Es ist mal wieder Frühling, und normalerweise versetzt dieser Umstand so vieles im Menschen in Wallung, dass er für ein ganzes Bündel an Gefühlen namensgebend ist, unter ihnen willkürliche Verknalltheit. Die Berührung, von der man sich tagelang fragt, ob sie wirklich zufällig war, ein Lächeln, das kickt wie Gin Tonic am Mittag - tausend Dinge und Begegnungen, die seit einem Jahr zwar nicht unmöglich, aber alles andere als selbstverständlich sind. 2021 scheint es nur noch ein Frühlingsgefühl zu geben. Es heißt: Ich kann nicht mehr.

Als vor etwas mehr als einem Jahr der erste Shutdown über die Welt kam, begann der Stopptanz für die Liebe. Wie beim Kindergeburtstagsspiel ging die Musik aus, und jede Bewegung fror ein: Wer Paar war, blieb Paar, wer allein war, blieb allein. Als die Musik im Frühsommer leise wieder anlief, spielte für jede Generation ein anderes Lied: Während sich die Jungen vom Virus selten aus der Fassung bringen ließen und ihre Partys ins Freie verlegten, blieben für die Alten die Türen der Quarantäne verschlossen. Die Wiener Soziologin Barbara Rothmüller berichtet in der Welt, ihren Studien zufolge habe sich bei 40 Prozent der jüngeren Befragten über den Sommer der Beziehungsstatus verändert, bei den über 60-Jährigen dagegen nur sehr selten.

Wie geht das überhaupt: sich verlieben, wenn draußen nicht love in the air ist, sondern Aerosole?

Lilly hat lange, blonde Locken, die sich wellen wie die Tentakel eines Tintenfischs. Lilly meint, sie kleben ein bisschen zu sehr am Kopf. "Du bist wunderschön", sagt Elias. Er macht ihr viele Komplimente.

Wir treffen uns am Schlachthof in , an einer Mauer, an der Sprayen legal ist. Lilly Schüßler und Elias Bogner Carbo kommen oft hierher, um Graffiti zu sprühen. An seinem Geburtstag im Februar schenkte Lilly Elias Spraydosen, an ihrem, knapp zwei Wochen später, schenkte er ihr Spraydosen zurück. Sie sind jetzt beide 22 Jahre alt.

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Als sie einander kennenlernten, verdrängte der Herbst allmählich den Sommer. Die Infektionszahlen stiegen, aber Veranstaltungen mit bis zu 200 Teilnehmern waren in München noch erlaubt. Mit Freunden hatte Elias, gelernter Zimmerer, aus Brettern und Paletten ein DJ-Pult, aus einem alten Einkaufswagen einen Grill gebaut, Bier eingekauft, Boxen aufgestellt, es lief Hip-Hop. An diesem Abend unterhielten sich die beiden das erste Mal.

Elias: Lilly ist mir aufgefallen, aber wir hatten gar nicht viel miteinander zu tun. Ein paar Wochen später haben wir uns wiedergesehen, da saßen wir draußen, mit Freunden, haben Bier getrunken und blieben, selbst als es anfing zu regnen. Unsere Freunde waren längst abgehauen, wir wollten nur noch eine Zigarette rauchen, aber dann saßen wir stundenlang im Regen und haben geredet. Es war bestimmt sieben Uhr, als wir aufgebrochen sind.

Elias trägt einen Hoodie, Turnschuhe und eine Flatcap. Freunde nennen ihn Spanja - seine Mutter stammt aus Spanien, der Name blieb hängen, weil er in der Schule das Wort "Spanier" mal phänomenal falsch auf ein Namensschild geschrieben hatte.

Lilly: Wir sind dann an diesem Morgen zu mir gegangen und Arm in Arm in meinem Bett eingeschlafen. Geküsst haben wir uns noch gar nicht. Es hat sich gut angefühlt. Nach dem Frühstück haben wir zusammen noch einen Film angeschaut. Ich steh auf so kitschige Highschool-Romanzen und habe mir immer gewünscht, dass mir auch mal so was passiert. Dass ich jemanden kennenlerne, mich richtig verliebe.

Elias: Ich wusste, dass es was Besonderes war. Am liebsten wäre ich geblieben, ich habe aber meine Jacke angezogen und wollte los. Da hat sie mich gefragt, ob sie einen Kuss bekommt. Noch im Hausflur habe ich meinen besten Freund angerufen und ihm davon erzählt.

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