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Bestattung von Totgeburten: Wie es wirklich ist

In den 24 Jahren, in denen ich jetzt als Bestatter arbeite, habe ich einige Hundert Menschen beerdigt. Zehn von ihnen haben nie außerhalb des Mutterleibs gelebt. Es sind Kinder, die tot geboren wurden, Sternenkinder werden sie genannt.

In Deutschland müssen Sternenkinder nach dem Personenstandsgesetz beerdigt werden, wenn sie mehr als 500 Gramm wiegen. Bei geringerem Gewicht ist eine Bestattung seit 2013 auch möglich, wenn die Eltern dies wünschen. Ich finde das gut, denn manche Eltern brauchen einen Ort zum Trauern, um Abschied zu nehmen und ihren Verlust zu verarbeiten.

Im Regelfall ist es eine Feuerbestattung, nur in ländlichen Gebieten sind Erdbestattungen noch beliebt. Wenn die Angehörigen kein Familiengrab oder keinen eigenen Platz haben, werden die Kinder auf dem Sternenkinderfeld beerdigt. Das sind Gemeinschaftsgräber auf Friedhöfen, die meist besonders gestaltet sind - gewunden angelegt wie ein Schneckenhaus oder geschmückt mit Schmetterlingsmotiven. Der Platz kostet die Eltern nichts, sie sollen entlastet werden, auch finanziell.

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Die Bestattung verläuft wie bei allen anderen Leichnamen auch. Ich reinige die Körper, ziehe ihnen Kleidung an und bette sie in einen Sarg. Der ist 60 Zentimeter lang. Für die ganz Kleinen haben wir auch 30 Zentimeter lange. Wir haben jederzeit alle Größen vorrätig, denn innerhalb von 96 Stunden nach dem Tod muss die Beisetzung beginnen. Särge von Kindern werden oft verziert, die Eltern und Geschwister malen zum Beispiel kleine Hubschrauber auf das Holz oder legen Spielzeug mit in den Sarg. Bei Sternenkindern sind es immer Kuscheltiere. Vor ein paar Wochen war es ein Stoffhase.

Die Kinder haben noch keinen Namen. Er muss ihnen erst von den Eltern gegeben werden. Ich kümmere mich um die Behörden, lasse den Namen beim Standesamt beurkunden.

Ich will Trauernde unterstützen, deswegen bin ich Bestatter geworden. Mit Anfang 30 habe ich meine Ausbildung gemacht, als Quereinsteiger. Davor habe ich als Zugführer bei der Bundeswehr gedient. Ich denke, dass nicht jeder dafür gemacht ist, so viel Kontakt mit Toten und vor allem mit Trauernden zu haben. Da kommt es auf Fingerspitzengefühl an. Manchen Menschen sieht man die Trauer an, äußerlich, an den Tränen. Andere können ihre Gefühle nicht zeigen, sie bleiben still, leiden trotzdem. Nur wer genug Empathie mitbringt, kann auf sie eingehen und macht seinen Job als Bestatter gut. Dieses Mitgefühl muss man mitbringen, lernen kann man das nicht.

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